Selbstfürsorge – die Kunst, sich selbst wichtig zu nehmen
Selbstfürsorge ist mehr als ein Trend. Sie ist ein Werkzeug, das uns stabiler, klarer und menschlicher macht – gerade dann, wenn das Leben laut wird.
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Es gibt diese Momente, in denen das Leben uns ein wenig zu sehr fordert. Deadlines schieben sich wie Wellen übereinander, Beziehungen müssen gepflegt werden, die To-do-Liste wächst schneller nach, als man sie abarbeiten kann. Viele reagieren dann reflexartig mit noch mehr Funktionieren. Doch genau hier beginnt das Missverständnis: Selbstfürsorge ist kein nettes Add-on, das man praktiziert, wenn alles entspannt ist. Sie ist der Anker, den wir nutzen sollten, bevor wir in Schieflage geraten.
Während das Wort lange ein Image zwischen Wellness-Wochenende und Schaumbad hatte, zeigt sich heute: Selbstfürsorge ist ein ernst zu nehmender, wissenschaftlich gut belegter Schutzfaktor. Sie stärkt unsere seelische Widerstandskraft, hilft gegen Überlastung und wirkt präventiv – emotional, mental und körperlich. Und sie beginnt im Kleinen: mit einem bewussten Blick auf das eigene Bedürfnis, bevor alles zu viel wird.
In Gesprächen mit Therapeutinnen, die sich in ihrer Arbeit tagtäglich mit dem Thema beschäftigen, wird klar: Selbstfürsorge ist erlernbar. Kein Talent, das man zufällig hat. Eine innere Haltung, die wir Schritt für Schritt entwickeln können. Viele erzählen, dass ihre Klient*innen erst dann wirklich Veränderung spüren, wenn sie aufhören, sich selbst als „letzten Punkt“ des Tages zu sehen.
Ein bewusster Blick nach innen.
Dass unser Alltag ein aktives Gegensteuern notwendig macht, liegt auf der Hand: Wir leben in einer Zeit ständiger Verfügbarkeit. Zwischen Arbeit, Familie, Social Media und gesellschaftlichen Erwartungen bleibt kaum Raum für das, was uns wirklich nährt. Genau hier setzt Selbstfürsorge an. Sie stellt Fragen, die wir uns oft nicht mehr stellen: Was brauche ich? Was tut mir gut? Wo verliere ich Energie – und wo tankt sie sich wieder auf?

Die Erfahrung von Eva Tuczay, Obfrau von Selbsthilfe Burgenland, zeigt: „Ich sehe durch die Selbsthilfe eine große Chance für das Gesundheitssystem.“ Und sie ergänzt: „Wir befinden uns im Dornröschenschlaf“ – mit Blick darauf, wie viele Menschen die Angebote der Selbsthilfe noch gar nicht kennen. Das bedeutet: Selbstfürsorge beginnt mit dem Zugang zur Unterstützung – und mit der Erkenntnis, dass wir nicht allein sind mit dem, was uns belastet.
Selbstfürsorge in der Praxis: verschiedene Ansätze.
Selbstfürsorge hat so viele Gesichter wie Menschen. Manche finden sie in Bewegung – bewusst, ohne Leistungsdruck. Andere im Gespräch, in Kreativität oder in kleinen Ritualen, die den Tag strukturieren. Und viele suchen und finden Unterstützung bei Expertinnen, die diesen Prozess professionell begleiten.

Eine davon: Sabine Jackson, Kunsttherapeutin in Eisenstadt, sagt: „Ich liebe es, Menschen auf der neugierigen Forschungsreise nach ihrem ureigenen Selbst zu begleiten. Die Gestaltung zeigt ihnen dabei immer, wo es langgeht und was gerade Aufmerksamkeit braucht.“ Und weiter: „Das Schöne ist, man braucht keine Vorkenntnisse, denn es geht in der Kunsttherapie nicht darum, künstlerische Meisterwerke zu erschaffen, sondern es geht um das Erleben während des kreativen Prozesses – und das in einem nicht wertenden Raum. Unbewusstes wird wieder ins Bewusstsein geholt.“ Ihr Ansatz zeigt, wie Selbstfürsorge auch nonverbal stattfinden kann.

Auch Theresia Kirnbauer, Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Psychodrama, bringt einen wichtigen Blick ein: „Das Wichtigste ist die eigene Motivation, die Lebenssituation zu verändern, und die Bereitschaft für persönliche Entwicklung und Wachstum.“ Und weiter: „Jeder Mensch trägt genügend Ressourcen in sich; auch wenn Situationen noch so überfordernd sind, möchte ich Sie unterstützen, eine Lösung zu finden.“ Ihre Perspektive betont, dass Selbstfürsorge kein „Jetzt mach ich’s mal eben“ ist, sondern ein aktiver Prozess des Wachsens.
Dass unser Alltag ein aktives Gegensteuern notwendig macht, liegt auf der Hand: Wir definieren uns häufig über Leistung. Wir setzen uns auf Positionen, die uns Energie kosten statt geben. Wir unterschätzen den Wert von Ruhe, Stille oder Reflexion.
Genau hier wissen die Expertinnen: Selbstfürsorge bedeutet Grenzen. Oft sind es genau diese Momente, die uns stärken – wenn wir lernen, „Nein“ zu sagen, ohne Schuldgefühle. Wenn wir akzeptieren, dass wir Pausen brauchen. Wenn wir spüren, dass Selbstfürsorge kein Rückzug von der Welt ist, sondern eine Voraussetzung, um in ihr bestehen zu können.
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