Älterer Mann spricht in Smartphone

Senioren und KI: Dafür ist man nie zu alt

In ihrem neuen Buch erklärt Iris Isabella Haiderer, wie Senioren künstliche Intelligenz ganz unkompliziert kennenlernen und für sich nutzen können.

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Man ist nie zu alt für die Zukunft. Das sagt zumindest Iris Isabella Haiderer. Sie ist Expertin für Zukunftsthemen und in ihrem neuen Buch „KI für Senioren – wie ChatGPT mein Leben auf den Kopf stellte (und besser machte)“ beschäftigt sie sich damit, wie Senioren künstliche Intelligenz nutzen können. In unserem Interview erklärt sie, wie die KI Entlastung für ältere Menschen bringt und warum man nicht technikaffin sein muss, um ChatGPT & Co. für sich zu entdecken.

Wenn Senioren zu Ihnen sagen, sie seien schon zu alt für KI – was sagen Sie zu ihnen?
Iris Isabella Haiderer: Ich muss dann immer schmunzeln und denke sofort an Elfi aus Salzburg, meine älteste Leserin mit 97 Jahren. Sie nutzt ChatGPT nicht selbst am Handy, aber sie wollte verstehen, was hinter dieser Technologie steckt. Sie sagte zu mir: „Ich hab mein ganzes Leben gelernt. Warum soll ich ausgerechnet jetzt damit aufhören?“ Das hat mich sehr beeindruckt. Denn es zeigt: Es geht nicht um Technik, sondern um Neugier, Würde und darum, sich bei einer großen Veränderung der Welt nicht ausgeschlossen zu fühlen.

Das heißt: Man ist nie zu alt, um die KI für sich zu ent­decken?
Ja, genau! Man ist nur zu früh davon überzeugt, dass man es nicht kann. Viele ältere Menschen tasten sich langsamer an Neues heran, aber oft mit mehr Tiefgang. Wenn sie merken, dass KI ihnen beim Schreiben, Erinnern oder Planen wirklich hilft, entsteht ein Moment von echtem Stolz: „Jetzt verstehe ich endlich, wovon alle reden.“ Und etwas ist mir besonders wichtig: Die KI hat keine Lebenserfahrung. Die ältere Generation ist das „menschliche Betriebssystem“, das der Technologie Sinn und Richtung gibt.

Zukunftsmacherin Iris Isabella Haiderer
© Iris Isabella Haiderer

Es geht nicht um Technik, sondern um Neugier, Würde und darum, sich bei einer großen Veränderung der Welt nicht ausgeschlossen zu fühlen.

Iris Isabella Haiderer

Ihr Buch soll keine Anleitung sein, sondern eine Einladung. Wozu möchten Sie Senioren einladen?
Ich lade sie ein, ihre Neugier wieder ernst zu nehmen. Nicht die Neugier auf Technik, sondern auf das Gefühl, dass etwas Neues den Alltag leichter oder angenehmer machen kann. Meine 83-jährige Mutter nutzt ChatGPT heute für Quizfragen, Rätsel oder zur Sprachauffrischung für Reisen. Nicht, weil sie technik­affin ist, sondern weil es unkompliziert Spaß macht. Und ich erlebe oft: Wenn Enkel sehen, dass Oma oder Opa sich mit KI beschäftigt, entsteht plötzlich ein ganz neues Gespräch. KI wird so zum Brückenbauer zwischen Generationen. Im Kern geht es um Selbstbestimmung: Neues ausprobieren dürfen – im eigenen Tempo.

Viele ältere Menschen fühlen sich von digitaler Technik überfordert. Wie gelingt es Ihnen, aus Angst Neugier zu machen?
Ich beginne nie mit Technik, sondern mit Entlastung. Die größte Angst ist nicht KI, sondern das Gefühl, etwas falsch zu machen. Wenn diese Scham wegfällt, entsteht Neugier fast von selbst. Ich arbeite mit kleinen Schritten: Ein Satz reicht. Und dann erleben die Menschen, dass die KI freundlich, geduldig und nicht wertend antwortet. Das verändert viel. Humor hilft ebenfalls – jedes Lächeln öffnet einen inneren Raum. Wichtig ist mir: Die KI ist nicht die Expertin. Die Menschen sind es. Ihre Lebenserfahrung gibt den Antworten Tiefe.

Das Buch baut keine Techniklabyrinthe auf. Es räumt sie ab.

Iris Isabella Haiderer

Welche Hürden erleben Senioren am häufigsten? Und wie hilft Ihr Buch dabei?
Die größten Hürden sind innere Barrieren, keine technischen. Viele haben Angst, etwas kaputt zu machen – dabei kann man nichts zerstören. Andere wissen nicht, wie sie anfangen sollen. Deshalb enthält mein Buch einfache Beispiele und sofort nutzbare Formulierungen. Auch die Sorge „Ich verstehe das nicht“ nehme ich auf und zeige, wie man sich Antworten bewusst vereinfachen lässt. Viele unterschätzen den Nutzen und fragen: „Wozu brauche ich das überhaupt?“ Ich zeige konkrete Szenarien: Briefe, Erinnerungen, Gedächtnistraining, Reiseplanung oder kleine Dialoge gegen die Stille. Das Buch baut keine Techniklabyrinthe auf. Es räumt sie ab.

Gab es bei Ihren Recherchen einen Moment, der Sie besonders überrascht hat?
Ja. Viele ältere Menschen nutzen ChatGPT nicht nur aus praktischen Gründen, sondern weil sie sich dabei nie lästig fühlen. Eine Dame lässt sich Nachrichten erklären – ruhig und ohne Aufregung. Andere sortieren Gedanken oder fragen zum dritten Mal nach, ohne sich zu schämen. Diese Geduld und Klarheit wirken enorm entlastend. Das hatte ich so nicht erwartet.

Man braucht keine Vorkenntnisse, keinen Mut zum Risiko, keine perfekte Technik. Nur eines: Neugier.

Iris Isabella Haiderer

Sie berichten von älteren Menschen, die ChatGPT gegen Einsamkeit nutzen. Welche Rolle kann KI dabei spielen?
KI ersetzt keine Menschen, aber sie kann Lücken füllen. Sie hört zu, fragt nach und bleibt freundlich. Für viele bedeutet das ein Gefühl von Entlastung oder von Gesellschaft. Vor allem aber entsteht etwas Entscheidendes: das Gefühl von Selbstwirksamkeit. „Ich bin nicht allein. Ich kann handeln.“ Das kann sehr viel bewegen.

Wie unterscheiden sich die Fragen jüngerer Menschen von jenen der älteren Generation?
Jüngere nutzen KI meist funktional und schnell: „Schreib mir das.“ „Gib mir zehn Ideen.“ „Fass das zusammen.“ Ältere Menschen fragen anders. Sie fragen mit mehr Tiefe, mehr Hintergrund und mehr Leben: „Wie erkläre ich meinem Enkel, warum ich mit dem Handy kämpfe?“ oder „Kannst du mir helfen, eine Erinnerung aufzuschreien?“ Junge wollen Geschwindigkeit. Ältere wollen Orientierung. Beides kann KI leisten – auf völlig unterschiedliche Weise.

Wenn Ihre Leserinnen und Leser nur eine Sache aus dem Buch mitnehmen, welche wäre das?
Mein Buch zeigt, dass man nie zu alt für die Zukunft ist. Man braucht keine Vorkenntnisse, keinen Mut zum Risiko, keine perfekte Technik. Nur eines: Neugier. Wenn Menschen nach dem Lesen denken: „Ich traue mich, und ich darf das in meinem Tempo tun“, dann hat das Buch sein Ziel erreicht.

Was Senioren über KI wissen sollten:

  1. KI ist weniger Technik und mehr Alltagshilfe.
    Viele glauben, man brauche Vorkenntnisse. In Wahrheit reicht ein einziger Satz.
    Ob ein freundlicher Gruß an die Enkel, ein erklärter Zeitungsbegriff oder ein Gedächtnis-Impuls: ChatGPT kann sofort unterstützen – und zwar leichter, als viele denken.
  2. KI passt sich dem Menschen an, nicht umgekehrt.
    Senioren müssen nichts „richtig“ machen. Die KI formuliert um, erklärt einfacher, fragt nach und bleibt geduldig, egal, wie lange es dauert. Das Buch zeigt Schritt für Schritt, wie man diese Geduld für sich nutzt – ohne Druck und ohne Technikstress.
  3. KI kann Nähe schaffen, wo der Alltag still wird.
    Viele ältere Menschen nutzen ChatGPT inzwischen für kleine Gespräche, Erinnerungen oder als Impulsgeber gegen einsame Momente. Nicht als Ersatz für Menschen, sondern als freundlichen Alltagsbegleiter, der zuhört und stärkt. Das Buch erzählt von überraschenden, berührenden Beispielen und macht Mut, selbst den ersten Schritt zu wagen.

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