Künstlerisches Portrait von Mira Perusich am Klavier

Vielsprachig & feministisch: Mira Perusich & ihre Musik

Das Klavier klebt förmlich an ihren Fingern, sagt Mira Perusich, die darauf fantastische und feministische Songs schuf und sie nun als Album „Svića“ präsentiert.

7 Min.

Mira Perusich © Vanessa Hartmann

Beneidenswert, wenn man sie alle inhaltlich versteht, aber eine Voraussetzung ist das nicht, um ihren Songs zu verfallen: Mira Perusich flicht sie aus Pop, Jazz und Folklore-Elementen aus Südosteuropa – und sie singt Burgenlandkroatisch, Deutsch und Englisch. Keine alltägliche Kombination. Und obgleich ihr Papa Burgenlandkroate ist, ist es auch für die 33-Jährige nicht selbstverständlich, in ihrer Vatersprache zu singen.

Die Singer-Songwriterin wurde in Oberpullendorf geboren, sie ist noch ein Baby, da ziehen ihre Eltern aus dem Mittelburgenland nach Wien. Ihre Mama unterrichtet Deutsch, Englisch und Bühnenspiel, ihr Papa Klavier – und er ist eines der Mitglieder der legendären Krowodnrockband Bruji.

Mira Perusich am Klavier in stimmungsvoller Abendatmosphäre
Mira Perusich © Vanessa Hartmann

Mira besucht den burgenlandkroatischen Kindergarten, doch als sie in eine deutschsprachige Volksschule geht und dann an einem Wiener Musikgymnasium beginnt, rücken die Wurzeln notgedrungen in den Hintergrund: „Alle um mich haben Deutsch gesprochen und weil ich jahrelang auch samstags Schule hatte, konnten wir auch nicht mehr so oft am Wochenende ins Burgenland“, erinnert sie sich. Sie habe sukzessive die Sprache verloren, bedauert sie.

Später studiert sie Ethnomusikologie – und dockt wieder an. „Die Liebe zur burgenlandkroatischen Rockmusik war durch meinen Papa dauerpräsent, lustigerweise habe ich ausgerechnet über die vermeintlich trockene Wissenschaft zur Sprache und zu ihrer Bedeutung für eine Minderheit zurückgefunden.“ Und das noch mehr, als sie für einen Abend angefragt wird, um einige Lieder in ihrer Vatersprache zu singen – und feststellt, wie schön sich das anfühlt.

Die ersten Texte übersetzt sie mit ihrem Papa, später beginnt sie, mit Theresa Grandits zusammenzuarbeiten, der Chefredakteurin der Zeitung „Hrvatske Novine“, die sie auch bei der Aussprache berät. Ihr dreisprachiges Album „Svića“, das diesen Frühling erscheint, repräsentiert für sie ihre Identitätssuche – nicht nur sprachlich, sondern auch als Frau. In einer Welt, in der Wut und Empörung über Diskriminierung und Abwertung nicht laut genug sein können, wie sie sagt.

Du spielst seit der Kindheit Klavier, wie wurdest du Singer-Songwriterin?

Mira Perusich: Irgendwann hat mir mein Papa am Klavier „Feel“ von Robbie Williams vorgespielt – und ich war hooked (gefesselt, Anm.). Nach vielen Jahren Klassik Pop am Klavier zu erleben, war etwas Großes für mich (lacht). Ich habe mit 13 begonnen, eigene Songs zu schreiben – und bin bald in das Pop-Rock-Ensemble an der Musikschule, in dem mein Papa gespielt hat, eingestiegen. Wir waren eine achtköpfige Gruppe, haben an Wettbewerben teilgenommen, waren richtig etabliert. Die Band gibt es heute nicht mehr, ich habe dann mit einigen Mitgliedern meine Formation „Mira“ gegründet.

Nahaufnahme von Mira Perusich mit selbstbewusstem Ausdruck
© Vanessa Hartmann

Feminismus ist kein Trend, er gehört zum Leben wie das Atmen, das sollte für alle so sein.
Mira Perusich, Singer-Songwriterin

… dein Soloprojekt?

Ich spiele mit einer wunderbaren Band und bin quasi Frontfrau, aber ich trete auch alleine auf – am Klavier und mit meiner Loopstation, einem elektronischen Gerät, mit dem ich meine Stimme oder musikalische Signale aufnehmen, vervielfältigen, mit Effekten verändern kann. Mein Fokus ist aber immer auf dem Klavier. Es gehört zu meinen Händen dazu, es pickt an mir dran (lacht). Ich bin damit aufgewachsen, wenn ich Musik schreibe, denke ich immer zuerst in harmonischen Strukturen.

Man findet deinen Namen in vielen Projekten, wo bist du noch dabei?

Mit „Anja Om Plus“ präsentieren wir als sechsköpfige Frauenband Anja Obermayers Musik – im März kommt das neue Album heraus („Tiny Little Boat“, Anm.). In der Band „AF90“ spiele ich Keys – und es gibt noch einige Projekte, wo ich immer wieder als Pianistin und Sängerin dabei bin. Dazu gehört „Femchor“, ein Chor aus Flinta-Personen.

Im April präsentierst du dein lang ersehntes Album „Svica“. Erzähl!

Es kommen elf Lieder raus – in Burgenlandkroatisch, Deutsch und Englisch. Die Präsentation am 23. April in der Wiener Sargfabrik wird groß! Ich spiele mit meiner Band in großer Besetzung, auch mit Backing-Sängerinnen – und es wird einen Special Guest geben: den Chor des Kroatischen Akademischen Klubs Wien.

In den Songs geht es um Identitäten. – Wie findet man seinen Platz in der Welt?

Teilweise versuche ich, Suchenden Trost zu spenden, teilweise sind es Songs, um dem Patriarchat den Mittelfinger zu zeigen. Einige Lieder sind während der Pandemie entstanden, wie „The Corner“, und in einigen geht es um meine Identitätssuche. In „Svića“ beschreibe ich den Nussbaum im Hof meiner Kindheit am Land, die Liebe und die Wärme, die ich durchs Haus flirren gespürt habe. Es ist ein sehr persönliches Album, aber mit Humor! Schmäh ist mir wichtig.

Wusstest du immer, dass die Musik dein Weg ist?

Ich hatte auch überlegt, Medizin zu studieren. Aber ich hab’ mir gedacht: Da werde ich keine Zeit für die Musik haben. An dem Punkt habe ich verstanden: Es wird immer die Musik sein. Wenn man aber Aufnahmeprüfungen nicht gleich schafft, zweifelt man schon.

War es so?

Ich wollte Gesangspädagogik studieren, ich habe es erst beim dritten Anlauf geschafft.

Was war dein Antrieb, nicht aufzugeben?

Ich bin nach dem zweiten Versuch nach Schottland gegangen, um Popularmusikwissenschaft zu studieren (ihr Partner ist Schotte, Anm.), aber ich habe das Musizieren vermisst. Live-Momente sind unersetzbar. Wenn man auf der Bühne ist, gibt man etwas her und bekommt etwas vom Publikum, das ist ein Energieaustausch, der mit Worten gar nicht fassbar ist. – In Schottland wurde mir auch klar: Ich will ja nicht für meine Songwriter-Karriere studieren, sondern weil ich Popgesang unterrichten will.

Meine Eltern haben mir das vorgelebt, dass dieses Weitergeben etwas Schönes ist. Also habe ich es noch mal versucht – und es hat geklappt. Heute denke ich, dass dieses Reifen wichtig war. Ich unterrichte heute an der Musikschule in St. Pölten und erlebe es als sehr erfüllend.

Du betonst, dass dir feministische Inhalte wichtig sind. Warum?

Als Frau begegne ich permanent Ungleichheiten. Und die Wut über unzählige Femizide musikalisch zu verpacken, sie weiterzutragen und andere spüren zu lassen, halte ich für sehr wichtig.

Feminismus ist kein Trend, er gehört zum Leben wie das Atmen, das sollte für alle so sein. In meinem Song „Rules“ geht es darum, sich nicht den Regeln zu beugen, die uns auferlegt werden, und sich nicht zurückzuhalten, sondern einzuschreiten, wenn man den Schmerz anderer sieht. Wir müssen laut sein – ob mit einem Song oder auf der Straße bei einer Demo.

Mira Perusich im Gespräch am Tisch vor Bücherwand
Wo alles begann. Mira Perusich im Klavierzimmer ihrer Kindheit (im Gespräch mit Viki Kery-Erdélyi) © Vanessa Hartmann

Spürst du auch Diskriminierung?

Als Sängerin? – Ja! Da fühlen sich viele Musiker ermutigt, einem alles erklären zu wollen, selbst wenn man potenziell mehr Erfahrung hat als sie. Ernst genommen wird man erst, wenn man ein Instrument beherrscht, wenn ich am Klavier sitze, dabei ist Gesang eines der anspruchsvollsten Instrumente.

Was wir für Aussagen mit Anja Om Plus hören! – Als geballte Frauenband mit sechs Stimmen können wir absolut dagegenhalten, aber es ist nervenaufreibend. Das zieht sich durchs gesamte Musikbusiness: vom Live-Sektor bis hin zur Uni. Dazu kann man auch einiges lesen, das ist ein präsentes Thema.

Am 7. März spielst du in der KUGA. Zieht es dich mehr ins Burgenland?

Vier Frauen, vier Stimmen: Ich freue mich auf den Abend mit Hannah Darabos, Lisa Seidl und Angelina Weber! – Und: Ja, es ist total schön, über die Musik wieder mehr in die Community reinzuwachsen. Es bilden sich neue Connections zu Musiker*innen, mit denen ich bisher nur wissenschaftlich zu tun hatte und jetzt aktiv arbeite. Das ist gerade ein Full Circle Moment.

Lächelndes Portrait von Mira Perusich im Business-Look
© Vanessa Hartmann

Mira Perusich Live

Frauenstimmen: Singer-Songwriterinnen-Abend mit Mira Perusich, Hannah Darabos, Lisa Seidl und Angelina Weber, 7. März, 20 Uhr, KUGA Großwarasdorf, www.kuga.at

Album-Release „Svića“:

23. April, 19.30 Uhr (Einlass: 18.30 Uhr),
Sargfabrik, Goldschlagstraße 169, 1140 Wien,
www.sargfabrik.at

Abo

Immer TOP informiert: Mit dem Print oder Online-Abo der BURGENLÄNDERIN – ob als Geschenk, oder für dich selbst!

×