Julia Zotter lehnt an einem Kakaobaum.

Julia Zotter: Das süße Erbe

Sie wuchs ein Stockwerk über der Konditorei auf und hat in Shanghai ein Schokoladentheater aufgebaut. Seit März 2026 ist Julia Zotter Geschäftsführerin des gleichnamigen steirischen Familienunternehmens.

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© Zotter Schokolade/Graeme Kennedy

Auf die jetzige Aufgabe hat sich Julia die letzten 30 Jahre bestens vorbereitet, heißt es schmunzelnd aus dem Unternehmen, als wir uns wenige Tage nach dem offiziellen „Amtsantritt“ mit der neuen Geschäftsführerin zum Gespräch treffen. Ganz unrecht hatten sie damit nicht. Als Josef und Ulrike Zotter im Juni 1987 ihre erste Konditorei in Graz eröffneten, kam Tochter Julia im November desselben Jahres zur Welt – und wuchs ein Stockwerk über dem süßen Treiben auf. Aus vier Kaffeehäusern wurde eine kleine Schokofabrik in Riegersburg, aus der Schokofabrik eine Erlebniswelt, die heute zu den beliebtesten Ausflugzielen der Steiermark zählt – mit 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber der Region. Auch später, während Julia und ihr elf Monate jüngerer Bruder Michael studierten, blieb die heutige Schokoladen-Institution in Bergl fester Bestandteil ihres Alltags. „Jeden Samstag waren wir hier im Shop und haben ausgeholfen, wo man uns gebraucht hat.“

Dass sie irgendwann übernehmen würden, war für die Geschwister nie wirklich eine Frage – auch wenn Julia bis ins Teenageralter davon geträumt hatte, Astronautin zu werden. „Spätestens 2004, als Zotter das ganze Sortiment auf fairen Handel umgestellt hatte, wussten wir beide, dass das der Weg war, den wir uns für die Zukunft vorstellen konnten“, sagt sie. Im März 2026 war es nun so weit. Josef Zotter, Gründer und Gesicht des Unternehmens seit fast vier Jahrzehnten, ging in Pension. Julia übernahm. „Noch fühlt sich’s nicht wirklich anders an“, sagt sie über die ersten Tage als Chefin. „Außer dass ein paar Briefe vom Notar, die davor an meinen Vater gingen, jetzt an mich adressiert waren.“

Portrait von Julia Zotter
© Marcel Pail

Kein großer Bruch

Was von außen wie eine große Übergabe wirkt, fühlt sich intern eher wie ein fließender Übergang an. Das liegt vor allem daran, dass die Familie schon seit Jahren gemeinsam entscheidet. „Als Familie, die ein relativ langfristig ausgelegtes Unternehmen führt, haben meine Eltern früh erkannt, dass es nicht allein ihre Entscheidung sein darf, was sie machen“, sagt Julia. „Somit haben sie uns in viele Weichenstellungen miteingebunden.“

Ab Sommer werden die Senior-Zotters in Bürocontainer auf dem Betriebsgelände übersiedeln – mit Blick auf den Tiergarten –, während Julia und Michael in die Chefbüros einziehen. „Meine Mama hat noch fünf Jahre zur Pension und mein Dad bleibt uns zum Glück auch erhalten.“ Die jüngere Schwester, Valerie, gerade zwanzig, arbeitet derzeit auf einem Kreuzfahrtschiff vor der chilenischen Küste, reist anschließend mit einer Freundin durch Peru und wird wohl auch irgendwann ins Unternehmen einsteigen. Der Zotter-Kosmos bleibt also ein Familiending.

Shanghai als Schule des Loslassens für Julia Zotter

Julia Zotter hat das Unternehmen nicht nur von innen aufgebaut – sie hat es auch von außen kennengelernt. Mit 25 ging sie nach Shanghai, baute dort das Zotter Schokoladentheater auf und lebte fünf Jahre in China. „Ich wollte eigentlich nur zwei Jahre bleiben.“ Das Treiben in Shanghai hat ihr gefallen – auf Dauer wäre es trotzdem nichts gewesen. In eineinhalb Jahren hat sie kaum eineinhalb Wochen wirklich allein verbracht. Der Aufbau aber dauerte länger als geplant, und Julia wurde zur Mikromanagerin aus Leidenschaft und Notwendigkeit. Covid beendete das abrupt: Sie war gerade in Österreich, als die Grenzen schlossen. Zunächst erschreckend, im Rückblick befreiend. „Ich war anfangs traurig, dass sie mich nicht mehr so gebraucht haben. Und dann total stolz, wie die das alles hochgezogen haben.“ Inzwischen führt ihre Geschäftspartnerin Emy das Unternehmen in Shanghai eigenständig. „Sollte jemals irgendwas sein, müssen sie die Möglichkeit haben, selbstständig zu agieren.“

Die Erfahrung hat Julia geprägt. Loslassen zu können – von Menschen, Projekten, auch von Schokoladen – ist heute eine Art Philosophie. Apropos: Zotter hat mehr als 600 verschiedene Sorten im Sortiment. Jedes Jahr kommen rund 20 neue dazu, ähnlich viele verschwinden. Es gibt sogar einen „Ideenfriedhof“ für eingestellte Sorten, den man besuchen kann. Manchmal kehren Sorten auch zurück, etwa die Olive-Zitrone-Schokolade, trotz bescheidener Verkaufszahlen: „Sie ist einfach zu gut, um sie aufzugeben.“

Karamell, Hirn und ganz viel Bauchgefühl

Julias Zugang zu Innovation ist klar: Bauchgefühl vor Strategie. Ihr neuester Coup ist eine Schokolade mit Himbeer-Karamell, die sie als „Instant-Bestseller“ bezeichnet. Daneben gibt es Sorten, die polarisieren – etwa „Hirn mit Ei“: eine Eierlikör-Nougat-Kreation mit einem Hauch karamellisierten Schweinehirns, die in Blindverkostungen neunzig Prozent der Teilnehmenden begeistert, aber nach der Auflösung viele ins Zögern bringt. „Uns geht es darum, dass die Leute sehen, welche Scheuklappen sie sich aufgebaut haben.“ Ein klassischer Zotter-Move …

Josef und Julia Zotter in der Schokoladenmanafukatur
© J.Jud/Zotter

Julia Zotter als Tochter und Unternehmerin

Josef Zotter ist eine Legende – das weiß Julia. Wenn Besucher ein Foto mit ihrem Vater wollten, nimmt sie das Handy und drückt ab. Stört sie das? „Ich habe nie das Gefühl gehabt, mich vergleichen zu müssen. Es war nie ein Wettbewerb zwischen uns, sondern ein gemeinsamer Weg.“ Was sie von ihrem Vater gelernt hat? „Eine Neugier auf alles. Und dass man Dinge bis zum Ende durchzieht.“ Was sie anders macht? „Ich schaue mir das Drumherum mehr an, bevor ich den Schritt mache.“ Da kommt, wie sie selbst sagt, die Mutter durch.

Sichtbar wird die Ähnlichkeit zwischen Vater und Tochter auch in den kleinen Dingen. Beide führen Listen – seine handgeschrieben in einer Schrift, die er oft selbst nicht lesen kann, ihre digital. Immer wieder vergleichen sie ihre Ideen, kombinieren sie, überraschen sich gegenseitig. Die Schnitzelpraline – Schweinefleisch, karamellisierte Stücke, Zitronensaft, Reisschokolade in Ei-Form – war so ein Gemeinschaftsprodukt. Oft zum Leidwesen des Teams. „Wir sind beide nicht dazu neigend, weniger kompliziert zu werden“, lacht Julia. Die Unterschiede? Er denkt als Koch und Konditor. Sie bringt Lebensmitteltechnologie und ein weltweites Netzwerk in der Schokoladen-Community mit. „Mein Hintergrund ist theoretischer. Sein Zugang ist: Probieren wir mal.“

Was das Leben außerhalb des Betriebs angeht, unterscheiden sich die beiden deutlicher: Ihr Vater hat nie wirklich Hob­bys gehabt – außer Gartenarbeiten am Sonntag. Julia hingegen macht Krafttraining und Kampfsport. Irgendwann hat sie ihn allerdings einfach mitgenommen. Jetzt geht auch er ins Gym. Bewusste Auszeiten sind Julia wichtig, um Kraft zu tanken. „Bei meinen Eltern daheim gibt es ein Waldstück, dort gehe ich gern ganz allein spazieren. Das ist einer der Orte in der Steiermark, den ich ganz besonders schätze.“

Haltung als Geschäftsmodell

Was die ganze Familie verbindet, ist die Haltung. Bio, Fair Trade, Verantwortung – das war bei Zotter nie Marketingstrategie, sondern Überzeugung. Das Milchpulver für die Schokolade kommt aus Osttirol, von Bergbauern mit durchschnittlich 14 Kühen pro Betrieb. Man könnte es billiger aus dem Ausland kaufen, kaum jemand würde den Unterschied bemerken. Julia Zotter kauft es trotzdem dort. Genauso engagiert reist sie in Kakaoanbaugebiete und sucht den direkten Kontakt zu den Lieferant:innen. „Unsere Kund:innen sollen darauf vertrauen können, dass wir das Richtige tun – auch wenn sie es nicht im Detail wissen.“ So war’s bei Zotter immer. Und so soll es weiterhin bleiben. Was sie sich für die nächsten fünf Jahre wünscht? „Es hat sich genau so entwickelt, wie ich mir nie gedacht hätte – und genau so ist es richtig.“

Julia Zotter

Julia Zotter (Jg. 1987) hat im März 2026 die Geschäftsführung des Familienunternehmens von ihrem Vater Josef Zotter übernommen und arbeitet bereits seit 2017 in der Produktentwicklung mit. Davor hat sie von Mai 2014 bis August 2017 das Schokoladen-Theater in Shanghai aufgebaut und geleitet.
Julia Zotter studierte Lebensmittel- und Biotechnologie an der BOKU in Wien. 2013 schloss sie die Cordon-Bleu-Akademie in Paris mit dem Grand-Diplome in Pâtisserie und Cuisine als eine der Besten ihres Jahrgangs ab.

www.zotter.at

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