Adi Lozancic: Seine Welt auf der Bühne und hinter den Kulissen
Er ist Creative Director, Choreograf und Stylist – Adi Lozancic hat die großen Bühnen der Welt als Tänzer verlassen, um hinter den Kulissen als strategischer Kopf internationale Marken zu inszenieren.
© Jakob Kotzmuth
Doch wer ist der Mann, der zwischen den Fronten des Bürgerkriegs in Mostar aufwuchs und heute von Graz aus die visuelle Sprache von High-Fashion-Magazinen prägt? Ein Gespräch mit Adi Lozancic über die „Alchemie des Sinns“, die Freiheit der Neuerfindung und warum wahre Exzellenz nur durch Einheit entstehen kann.
Adi, du bist ein Mosaik aus Disziplinen: Softwareentwicklung an der TU Graz, Profi-Tanz, Creative Direction für Marken wie Mercedes-Benz und Publikationen in der Vogue. Wenn du dich heute beschreiben müsstest – wo ziehst du die Verbindungslinien?
Adi Lozancic: Ich sehe mich heute vor allem als Brückenbauer – nicht nur zwischen Kulturen, sondern zwischen scheinbar gegensätzlichen Welten. In mir verschmilzt die Präzision der Technologie mit der Emotionalität der Kunst. Ob ich eine Choreografie entwerfe oder eine globale Kampagne leite – im Kern geht es immer um menschlichen Ausdruck und die Freiheit, sich niemals auf nur eine Facette reduzieren zu lassen. Ich bin der Architekt meiner eigenen Identität.
Diese Suche nach Verbindung scheint tief in deiner Geschichte verwurzelt zu sein. Du wurdest 1987 in Mostar geboren, einer Stadt, deren Brücke als Symbol für die Vereinigung von Kulturen steht – bis der Krieg alles veränderte.
Ich bin ein Kind einer gelebten Symbiose. Meine Mutter ist Bosnierin und Muslimin, mein Vater Kroate und Katholik. In meiner Kindheit war das „Dazwischen“ die absolute Normalität. Als der Bürgerkrieg ausbrach, versuchte die Ideologie, dieses Gefüge zu zerreißen. Wenn die eigene Familie plötzlich an Frontlinien getrennt wird, lernt man eine bittere Wahrheit: Im Krieg gibt es keine Gewinner. Jede Seite verliert, wenn Hass stärker wird als die Liebe. Diese Erfahrung ist mein moralischer Kompass. Mein Credo „Excellence through Unit“ ist mein persönlicher Gegenentwurf zu der Zerstörung, die ich als Kind gesehen habe. Wahre Werte werden nicht von oben diktiert; sie entstehen in der direkten Verbindung von Mensch zu Mensch.



Trotz deiner künstlerischen Ader hast du Softwareentwicklung und Wirtschaft studiert. Ein bewusster Kontrast zum Tanz?
Nach dem Chaos des Krieges suchte ich nach einer universellen Logik. Code lügt nicht, ein Algorithmus diskriminiert nicht. Die TU Graz gab mir die intellektuelle Erdung. Ich habe dort gelernt, dass eine perfekte Choreografie und ein eleganter Software-Code die gleiche innere Architektur besitzen. Beides ist das Management von Energie und Prozessen. Diese Dualität erlaubt es mir heute, kreative Visionen nicht nur zu träumen, sondern sie technisch und wirtschaftlich präzise umzusetzen. Kreativität braucht Struktur, um wirklich atmen zu können.
Mit deiner Agentur „Flare Talents“ hast du dir ein eigenes Imperium für Kreativität und Talentvermittlung aufgebaut, hast jahrelang internationale Brands betreut. Inzwischen arbeitest du vermehrt als Stylist und Model an der Schnittstelle von Identität und Mode.
Als Tänzer stand ich viele Jahre auf den großen Bühnen der Welt. Das war berauschend, aber man bleibt immer Teil der Vision eines anderen. Ich wollte die Vision selbst erschaffen, wollte mit „Flare Talents“ eine Plattform schaffen, auf der menschlicher Ausdruck, Technologie und wirtschaftliches Denken keine Gegensätze mehr sind, sondern eine Synergie bilden.



Und Mode ist für mich die unmittelbarste Form der Selbstartikulation. Wir kommen nicht mit einer fertigen Identität auf die Welt – wir erschaffen sie uns täglich neu. Ich habe mich selbst oft neu erfunden: vom strengen Business-Anzug bis zu avantgardistischen Entwürfen, die ich selbst kreiert habe. In meiner Arbeit als Stylist geht es nie darum, jemanden zu „verkleiden“. Es geht darum, den Kern einer Persönlichkeit durch Texturen sichtbar zu machen. Identität ist kein Erbe, sondern eine kreative Entscheidung.
Du sprichst oft davon, dass wir in dieser hochglanzpolierten Branche wieder mehr Verletzlichkeit wagen sollten. Ist das nicht ein Risiko?
Wer „safe“ leben will, wird niemals wirklich lebendig sein. In der Kreativität ist Verletzlichkeit eine Superkraft. Nichts im Leben ist wirklich sicher – das habe ich in Mostar gelernt. Die wahre Freiheit liegt darin, sich dem Unbekannten auszusetzen. Ich bin ein Herzensmensch, der an Magie glaubt, aber ich habe den Verstand eines Unternehmers, um diese Magie zu schützen.
Was ist die wichtigste Botschaft, die du heute weitergeben möchtest?
Es ist ein Wort, das oft unterschätzt wird: Achtsamkeit. Wir müssen wieder „responsible“ werden – verantwortlich für unser Handeln und die Energie, die wir in die Welt tragen. Wenn wir achtsam sind, erkennen wir, dass Diskriminierung und Hass keinen Platz haben, weil wir den anderen als Teil von uns selbst begreifen. Ich möchte Menschen dazu inspirieren, ihre Komfortzone zu verlassen. Denn dort, wo die Sicherheit endet, beginnt das eigentliche Leben.


Was kommt als Nächstes für Adi Lozancic?
Ich werde weiterhin Geschichten erzählen – sei es als Model, als Moderator oder als Creative Director. Aber mein Fokus hat sich verschoben. Ich möchte Menschen dazu inspirieren, ihre eigene Identität zu stärken und ihre Komfortzone als den Ort zu begreifen, an dem das wahre Leben beginnt. Ich bleibe ein Suchender, ein Brückenbauer und vor allem: ein Mensch, der versucht, jeden Tag ein Stück mehr bei sich selbst anzukommen.
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