Models gehen auf einem Laufsteg

Fashion Forward: Wie sieht die Mode der Zukunft aus?

Mode-Trends im Zeitverlauf

8 Min.

© Dior/ Adrien Dirand

Starten wir ein Gedankenexperiment: Wie könnte das Jahr 2066 modisch aussehen? Zusammen mit Elke Gaugele, Empirische Kulturwissenschaftlerin und Professorin für Mode und Styles/Gestaltung im Kontext an der Akademie der bildenden Künste, haben wir genau diesen Versuch anlässlich des 40. Jubiläums der WIENERIN gewagt und uns die zentrale Frage gestellt: Was können wir eigentlich aus der Vergangenheit lernen, um die Zukunft zu gestalten? Und können wir aktiv an dieser Gestaltung teilhaben?

Eine Zeitreise

Blicken wir zuerst auf die Vergangenheit: Woran denken Sie, wenn Sie an die Mode aus 1986 denken? Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn man sich an die Kleidung der 90er-Jahre erinnert? Was könnte die 00er-Jahre stilistisch geprägt haben, was war 2010 eigentlich modisch hervorstechend und kann man den Stil der 2020er schon jetzt zusammenfassen? Klar ist, dass jedes Jahrzehnt bisher auf einige große Key-Trends reduziert werden kann. So waren die 80er durchzogen von grellen Farben und Mustern, Fitness sowie Aerobic waren omnipräsent und besonders groß war das sogenannte Power Dressing. Letzteres war Ausdruck weiblichen Selbstbewusstseins im Berufsleben, was sich modisch durch extrem breite Schultern, Schulterpolster, kastige Schnitte und Anzüge zeigte. So wurden damalige männliche Schnitte imitiert, um Autorität und Stärke auszustrahlen – eine Ära, die bis heute in der Business-Mode nachhallt.

Die Mode im Herbst/Winter 2026: Designer:innen greifen bekannte Trends der Vergangenheit, wie den Minirock, Peplum-Tops, Metallic und Röcke über Hosen, auf.

Gegensätze ziehen sich an

Die 1990er lassen sich wohl als gegensätzlich zusammenfassen. Auf der einen Seite stand der schlichte Minimalismus mit klaren Linien, neutralen Farben und ikonischen Slip-Dresses, angeführt von Designern wie Calvin Klein und Jil Sander – genau das, was wir auch aktuell wieder auf den Straßen sehen, nicht zuletzt wegen des Hypes rund um „Love Story“ über Karolin Bassette-Kennedy (zu sehen auf Disney+). Auf der anderen Seite dominierte der rebellische Grunge-Look, inspiriert von der Musikszene: Flanellhemden, zerrissene Jeans, klobige Boots und der lässige Lagen-Look wurden damals als Ausdruck von Nonkonformität gesehen. Nicht außer Acht lassen sollte man außerdem die Hip-Hop-Kultur und die Techno-Szene – Fashion feierte hier Vielfalt und Authentizität, indem sie die Idee von Mode als Ausdruck persönlicher Freiheit und Stil revolutionierte.

Das 21. Jahrhundert

Die Jahrtausendwende und die digitale Revolution prägten schließlich unsere Kleidungsstile nachhaltig: Die kürzlich wieder euphorisch nachgestylte Y2K-Ästhetik, also glänzende Materialien, Metallic-Farben und futuristische Designs, spiegelten die Euphorie rund um die Technologie wider. Popstars wie Britney Spears erzeugten einen Hype um Hüftjeans und bauchfreie Oberteile, während der Boho-Chic mit verspielten Details, fließenden Stoffen sowie Fransen und Ethno-Mustern durch Stars wie Sienna Miller, den Olsen Zwillingen oder Alexa Chung populär wurde. Nicht zu vergessen die riesigen Logos, die uns damals von T-Shirts, Hosen und Taschen entgegenstrahlten und Luxus symbolisierten.

Dann kam mit Social Media ein prägender Wandel: Trends verbreiteten sich schneller und wurden inklusiver. In den 2010ern kam außerdem ein großer Nostalgiefaktor mit Retro-Elementen aus den 70ern, 80ern und 90ern hinzu. Marken wie Vetements und Off-White ließen die Grenzen zwischen Luxus und Alltag verschwimmen – hin zu einem subtileren Luxus, der nicht über Logos, sondern über Qualität und Understatement wirkt. Heute bekannt als „Quiet Luxury“. Zudem wurde Mode mit mehr Bewusstsein für Nachhaltigkeit geprägt: Slow Fashion, transparente Lieferketten und nachhaltige Materialien schafften Awareness bei den Konsument:innen. Mode war nicht mehr nur Ausdruck sondern auch Verantwortung.

Was sowohl ab 2010 als auch insbesondere während der Corona-Pandemie mehr an Bedeutung gewann, war Athleisure-Fashion: Leggings, Sportwear, softe Materialien und Sneaker verschmolzen vom Training in den Alltag. Dann setzten wir vor allem auf auffällige Statement-Pieces, die schlichte Looks aufwerteten und Individualität in die Masse brachten. Außerdem wichtig: Die Grenzen zwischen Damen- und Herrenmode verschwommen immer weiter. Unisex, inklusive Designs, Body Positivity und androgyne Silhouetten wurden vermehrt zum Ausdruck einer vielschichtigen Gesellschaft. Zuletzt konnten wir vor allem technische Innovationen beobachten: Wearables, die unsere Gesundheit tracken, Kleiderstoffe, die sich auf den Körper sprühen lassen (wie bei Coperni SS23) oder Mode, die sich der UV-Strahlung farblich anpasst – bisher zwar noch Ausnahmen, aber sicherlich wegweisend dafür, was noch kommen kann.

Fast Fashion hat ihren Zenit überschritten.

Elke Gaugele, Empirische Kulturwissenschaftlerin und Professorin für Mode und Styles

Die Macht der Nostalgie

Die vergangenen Jahrzehnte haben bereits bewiesen, dass sich Trends wiederholen. Ja, auch die extra-engen Skinny Jeans, Ed Hardy und knallige Neon-Akzente. Erklären lässt sich das durch sogenannte Trendzyklen. Diese besagen, dass sich Trends in der Mode über bestimmte Zeiträume über Designer:innen, Influencer:innen und Subkulturen hinweg entwickeln, einen Höhepunkt in der breiten Masse erreichen, abflachen, verschwinden und schließlich später, oft in einer modernisierten oder angepassten Form, wiederkommen. Sie gelten als grundlegendes Konzept in der Modeindustrie und basieren auf der Beobachtung, dass bestimmte Stile, Farben, Materialien oder Silhouetten immer wieder in veränderter Form populär werden.

Dabei spiegeln sie nicht nur ästhetische Vorlieben wider, sondern auch gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklungen. Genau wissen, was uns künftig erwartet, kann man dadurch allerdings nicht: „Man kann die bisherigen Trendzyklen nicht 1:1 umlegen auf die Zukunft. Nostalgie, Vintage-Ästhetiken und eine Aneignung von historischen Stilen fürs Design werden aber sicher eine Rolle spielen“, ist sich Elke Gaugele sicher. Neu sei allerdings, dass durch Social Media vermehrt Bilder und deren Wirkung ein wesentliches Merkmal für entstehende Trends sind – und was früher Jahre dauerte, heutzutage in kürzester Zeit entstehen, aber auch wieder verschwinden kann.

Mode als Spiegel der Zeit

Wichtige Strömungen und Aspekte in der Modeindustrie sind bereits Nachhaltigkeit, Technik, KI und Diversität. Gaugele zeigt sich sicher, dass diese Themen noch weiter prägend sein werden. Mit Science Fashion, der verstärkten Implementierung von Technologien in Textilien, haben sich schon seit den 90er-Jahren kritische Überlegungen ergeben, wie viel Technik die Mode wirklich braucht. Würden Sie gerne ein Shirt tragen wollen, dass Ihren Blutdruck misst? Und viel wichtiger: Wollen wir das überhaupt? Softe Wearables, wie der Oura Ring oder Garmin-Uhren, werden weiter in den Alltag integriert werden. Außerdem könnte das ja in einer Welt mit einer alternden Gesellschaft auch Vorteile bringen: „Denken Sie an Prosthetics oder an inklusive Mode. Eine technologische und medizinische Weiterentwicklung wird es geben und das ist sinnvoll.“ Zudem wird Mode zunehmend von Werten geprägt sein: Nachhaltigkeit und Transparenz sind bereits seit Jahren im Bewusstsein der Konsument:innen. „Fast Fashion hat ihren Zenit überschritten“, so Gaugele.

Trend mit Zukunftsperspektive

Lokale oder traditionelle Handwerkskünste spielen bereits seit geraumer Zeit eine größere Rolle, unter anderem indem Mode aus vielen Teilen der Welt geschaffen wird, die lokal, nachhaltig und unter fairen Bedingungen gefertigt wird. „Auch im Sinne von einer kulturellen Nachhaltigkeit“, erklärt Gaugele. Dadurch haben sich sowohl Fast Fashion als auch Luxusmarken bereits verändert und adaptiert, Überproduktionen wurden teilweise minimiert und Recyclingprojekte ins Leben gerufen – und der Trend mit Zukunftsperspektive verspricht noch weitere Verbesserungen in den kommenden Jahrzehnten. Gesellschaftliche Bewegungen und Werte wie Dekolonisierung, Feminismus, Jugendbewegungen, LGBTQIA+-Aktivismus, Body Positivity und Diversitätsdebatten haben die Modewelt ebenfalls geprägt und werden sie auch künftig verändern. Sie könnte zunehmend als Plattform genutzt werden, um kulturelle Vielfalt zu feiern, soziale Gerechtigkeit zu fördern und traditionelle Normen zu hinterfragen.

Wie Philosoph und Soziologe Georg Simmel in seiner Philosophie der Mode bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erklärte, verbindet Mode und Kleidung Menschen, indem sie Anschluss an Gleichgesinnte ermöglicht und dennoch zugleich auch Ausdruck absoluter Individualisierung sein kann. „Ich würde mir wünschen, dass Mode mehr Pluralität, Gemeinsamkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Respekt kommuniziert statt Stärke, Rebellion und Überlegenheit“, so Gaugele.

The Future is ours

Wie genau könnte also die Mode 2066 aussehen? Neben all den Strömungen und Trends, kann man davon ausgehen, dass auch wieder die 1960er modisch aufgegriffen werden. Auch die Mode lebt von Erinnerungsschleifen und Jubiläen, erläutert die Kulturwissenschaftlerin: „Das Jahr 1966 ist in der Modegeschichte ein Schlüsseljahr: Die moderne Jugendmode, der Höhepunkt der sogenannten Youthquake-Bewegung, der Minirock kamen auf. Dazu noch futuristische Designs inspiriert vom Space Age. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir das, gepaart mit technischen Updates, in einer Form wieder erleben.“

Vintagepieces sollte man also nach wie vor nicht ausmisten, denn sie kommen wieder in Mode. Weitere futuristische Designthemen könnten laut der Expertin zudem Green Ecology, Spiritualität, Kosmologie, Afrofuturismus, sowie indigene Futurismen sein. Gegensätzlich dazu könnte sich außerdem der Old Money Style und Preppy Look konstant halten. Sicher ist jedenfalls: Die Mode der Zukunft wird nicht nur von Designer:innen, Marken und Technologie geprägt, sondern von uns allen. Treffen wir bewusste Entscheidungen und stehen für unsere Werte ein, indem wir Nachhaltigkeit fordern und Diversität fördern, wird die Mode künftig nicht nur schön, sondern auch fair, innovativ und inklusiv.

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