Nincshof am Neusiedler See: Zwei Frauen auf einem Holzsteg vor weiter Seelandschaft und Segelboot.

Erfolgsroman „Nincshof“ kommt starbesetzt in die Burgenländischen Kulturzentren.

Die abenteuerliche Erna wird die Grande Dame Johanna Mertinz spielen, die das Etikett gar nicht so mag, verrät sie Autorin Johanna Sebauer am See.

9 Min.

© Lisi Lehner

Ich lege mal die Karten auf den Tisch: Redakteur:innen können manchmal ganz schön eitel sein. Selbst wenn es mein aufrichtiges Credo ist, dass es in den Geschichten nicht um mich geht – als die beiden Johannas am Neusiedler See auf Anhieb einen Draht zueinander haben und fröhlich plaudern, als wäre ich gar nicht da, fühle ich mich glatt ausgeschlossen. „Ich hab’ doch die beiden zusammengebracht“, sage ich mir leise, während ich ihre Taschen beaufsichtige und sie unter Anleitung der charmanten Fotografin über einen Steg schlendern: Johanna Sebauer, 37, aus deren Feder der unvergleichbare Roman „Nincshof“ stammt, und Johanna Mertinz, 80, die die Hauptfigur Erna Rohdiebl verkörpern wird.

Nincshof: Zwei Frauen am Schilfgürtel des Neusiedler Sees auf einem Holzsteg.
Johanna Mertinz, Schauspielerin und Johanna Sebauer, Autorin © Lisi Lehner

Das ist eines der ersten großen Projekte des neuen „Theatersheriffs“, wie er sich viel lieber nennt als „Leiter der Sparte Erwachsenentheater“: Schauspieler Christoph Krutzler bringt „Nincshof“ als Eigenproduktion auf die Bühne der Burgenländischen Kulturzentren; Regie führt Lisa-Maria Cerha.
Zurück nach Weiden am See – und zur sehr schnellen neuen Erkenntnis, dass es ein Geschenk ist, Initiatorin der schönen ersten Begegnung der zwei Johannas sein zu dürfen. Damit trete ich wieder einen Schritt zurück und lasse Sie, liebe Leser*innen, an diesem exklusiven Austausch teilhaben.

Johanna, du hast einen ganz persönlichen Bezug zur Hauptfigur. Magst du das Geheimnis lüften?

Johanna Mertinz: Ja! Mir war schon beim Lesen von „Nincshof“ sympathisch an Erna Rohdiebl, dass sie heimlich in einen nicht ihr gehörenden Pool einsteigt. Das kenne ich gut! Ich tue das nämlich nahe meiner Wohnung in Wien auch regelmäßig – bei einer Villa, wo ich außen herumgehen und dann wunderbar schwimmen kann. Allerdings habe ich die Erlaubnis (lacht).

Johanna Sebauer: Würdest du es auch machen, wenn du sie nicht hättest?

Johanna M.: Kann sein. Die sind ja auf Urlaub im Roman, der Pool wird nicht gebraucht, wäre schade drum.

Johanna S.: Ist das quasi eine Rolle, die dir auf den Leib geschrieben wurde?

Johanna M.: Auf jeden Fall eine sehr gute Rolle, weil sie zeigt, wie unternehmungslustig und mutig Frauen auch in diesem Alter sein können. Das ist das wirklich Wichtige an Erna. Deine Figuren sind überhaupt sehr schön gezeichnet. Mit viel Liebe zu den winzigsten Details, die sie letztlich ausmachen.

Johanna S.: Es freut mich sehr, dass du das sagst. Ich habe drauflosgeschrieben – mit damals 32 Jahren über eine an die 80-jährige Dame. Dann habe ich mich gefragt: Was nehme ich mir heraus, zu wissen, wie jemand denkt und agiert, wenn er dieses Alter hat.

Johanna M.: Alter ist ein Prozess, der in erster Linie äußerlich passiert. Der Körper trocknet aus wie ein Apfel. Man hat Erfahrungen gemacht, die schmiert man nicht jedem aufs Butterbrot. Wie man innerlich altert, ist aber auch eine Entscheidungssache.

Johanna S.: Ich hab’ das Gefühl, je älter ich werde, desto … Wie sage ich das? – Ich fürchte mich mehr, früher war ich rebellischer, aufmüpfiger.

Johanna M.: Das ist vielleicht eine Phase, ein Übergangsstadium und du kommst wieder zurück zum Ursprung. Das würde mir auch gefallen, mich ärgert es, dass ich plötzlich Dinge vergesse. Du hast vorhin gesagt, du vergisst kaum etwas.

Johanna M.: Na ja, Zahlen konnte ich mir noch nie merken. Da habe ich eine Abneigung (lacht). Man muss kategorisieren, was man wegfallen lässt.

Welche Gedanken hattet ihr im Vorfeld zu dieser ersten Begegnung?

Johanna M.: Ich habe mich wahnsinnig gefreut, ich habe nicht oft die Autorin eines Stückes getroffen, in dem ich spiele. Um genau zu sein, war das bei Tankret Dorst der Fall, mit dem mich eine große Freundschaft verband, und mit Elfriede Jelinek, die in der Schule zwei Klassen über mir war.

Johanna S.: Ich habe mir gedacht, ich werde Johanna sicher mögen, weil Christoph (Krutzler, Anm.) so geschwärmt hat. Es hat sich bestätigt. – Im Vorfeld habe ich immer gehört: Johanna Mertinz, die Grande Dame.

Johanna M.: So ein Blödsinn!

Johanna S.: Wie ist es für dich, wenn man dich so nennt?

Johanna M.: Das ist ein Etikettieren, das stimmt nie. Man ist nie nur das, man ist immer auch das Gegenteil. Es ist auch eine Ehre, danke schön, aber es stimmt eben nicht ganz.

Nincshof am Neusiedler See: Frau sitzt auf einem Holzsteg und blickt über den See.
© Lisi Lehner

Was ist beispielsweise das Gegenteil?

Johanna M.: Eine in der späten Hippie-Bewegung stehen gebliebene, Dinge bekrittelnde, Dinge zu verändern versuchende Frau, die auch ein bisschen auf Rückzug ist. Deswegen docke ich sehr an bei dieser Geschichte. Ich glaube, wir haben heute alle das Bedürfnis nach einem eigenen Nincs­hof: einmal die ganze Welt draußen zu lassen und trotzdem lebendig zu bleiben. Ich meine also nicht den Rückzug in ein thailändisches Kloster, sondern einfach mal nicht aufs Handy schauen, wo ich wem antworten muss.
Ich verstehe die Oblivisten (Community im Roman, die sich von der Außenwelt loskoppeln will, um in Ruhe gelassen zu werden, Anm.). Bei Whatsapp und all diesen Dingen bleibt die echte Kommunikation sowieso auf der Strecke; das ist keine Gesprächskultur, da geht keine wirkliche Auseinandersetzung.

Johanna S.: Es macht einen riesigen Unterschied, ob eine Debatte in Sozialen Medien stattfindet, wo man leicht vergisst, dass man mit einem Menschen mit Gefühlen und Sorgen diskutiert, oder von Angesicht zu Angesicht. Ich glaube, wenn man jemandem in die Augen schauen muss, versucht man eher – selbst wenn man eine gegenteilige Meinung hat – das Verbindende zu finden.

Nincshof: Porträt einer Frau mit Brille in der Schilflandschaft am Neusiedler See.
Johanna Sebauer, Autorin © Lisi Lehner

Die KI kann nach Schema F schreiben, aber sie hat keine Gefühle, die es für originelle Texte braucht.

Wie kam die Figur Erna in euer Leben?

Johanna S.: Ich weiß nicht, wie die Figuren zu mir kommen. Meistens taucht eine Person einfach in meinem Kopf auf und ich gehe ihr hinterher und schreibe wie eine Chronistin auf, was sie macht.

Johanna M.: Ich habe gerade bei den Schloss-Spielen Kobersdorf „Geschichten aus dem Wiener Wald“ gespielt. Da bekam ich „Nincshof“ mit einer schönen Widmung von Christoph Krutzler, mit dem ich in Volkstheater-Produktionen gespielt habe. Ein wunderbarer Kollege wird also Intendant – und fragt, ob ich die Erna spielen möchte. Ich habe es gelesen und sofort Ja gesagt.

Wie geht es euch mit der Entwicklung der KI, wo sie eure Berufe betrifft?

Johanna S.: Ich hab’ noch keine Angst, dass mich die KI ersetzt. Sie kann vielleicht Krimis oder Liebes­geschichten nach Schema F schreiben, aber sie hat keine Gefühle, die es für originelle Texte braucht.

Johanna M.: Sehr schade, dass die KI bereits synchronisiert. Diese Arbeit habe ich immer gerne gemacht. Ich bilde mir ein, dass ich den Unterschied noch höre, aber das wird sicher perfektioniert. Es wird sich die Vertragsgestaltung ändern. Wie wird das abgegolten, wenn meine Stimme Japanisch spricht? Man muss sich schon überlegen, was alles möglich sein soll.

Nincshof: Porträt einer älteren Frau vor dem grünen Schilf am Neusiedler See.
Johanna Mertinz, Schauspielerin © Lisi Lehner

Alter ist ein Prozess, der äußerlich passiert. Vieles andere ist auch Entscheidungssache.

Macht dich das wehmütig?

Johanna M.: Nein, zornig! Wenn du gut synchronisierst, kannst du sogar einen Film verbessern.

Johanna S.: Eine gute Übersetzung kann auch ein Buch verbessern.

Johanna M.: Eine Maschine wird nie etwas weiterentwickeln und es wird keine Leidenschaft dabei sein. Oder vielleicht über kurz oder lang schon.

Johanna, dein neuer Roman „Popóm“ (DuMont Verlag) ist soeben erschienen. Worum geht es – und wie groß war die Aufregung beim zweiten Werk?

Johanna S.: Es geht um einen Kerl Ende 20, der ein bisschen verloren durchs Leben stolpert und eines abends im Kiosk einen etwa doppelt so alten Mann trifft, von dem er weiß: Das bin ich. Es entsteht eine eigenartige Beziehung, die einiges infrage stellen wird.
Tatsächlich war ich ziemlich nervös vor dem Erscheinen. Bei „Nincshof“ wusste ich nicht einmal, ob das überhaupt jemand lesen und rezensieren wird. Jetzt weiß ich, dass die Leute Meinungen dazu haben und sie veröffentlichen. Ich habe bei „Popóm“ eine gute Rezension gelesen und von einer nicht so guten gehört. Da habe ich beschlossen, die weiteren erst in zwei, drei Monaten zu lesen. Ich wünschte, ich wäre ein bisschen abgehärteter, vielleicht kommt das noch. Wie ist das mit den Theaterkritiken bei dir, Johanna?

Johanna M.: Ich habe alles erlebt, von Jubel bis zur Ablehnung. Es kam vor, dass eine Zeitung super über etwas geschrieben hat und dasselbe von einer anderen Zeitung verrissen wurde. – Ich finde Kritiken schon wichtig, wir sind nun einmal in der Öffentlichkeit, das müssen wir aushalten. Ich mache das oft so: Ich suche mir zwei heraus, denen ich glaube, Kritik kann auch eine vernünftige Korrektur sein. Heute merke ich schnell, wer nur runtermachen will, dann geht’s in den Papierkorb. Egal wurde es mir aber nie.

Was wünscht ihr Erna auf der Bühne?

Johanna S.: Hals- und Beinbruch – und den Gästen ein Erlebnis. Meine Romane sind ein Entführen in eine andere Welt, darauf hoffe ich auch im Theater.

Johanna M.: … und dass sich die Menschen mit der Geschichte in Verbindung setzen. Vielleicht sitzen auch im Publikum einige Erna Rohdiebls.

Johanna S.: … und gehen noch schwimmen, so wie du jetzt.

Nincshof: Drei Frauen im Gespräch auf einer sonnigen Terrasse am Neusiedler See.
Zur Einstimmung auf „Nincshof“. Plaudern mit Johanna Mertinz und Johanna Sebauer im „Fritz“ in Weiden am See. © Lisi Lehner

„Nincshof“ in den Kulturzentren

Johanna Sebauers Roman von einem fiktiven Ortam See namens „Nincshof“ (DuMont Verlag), der vergessen werden will, und um die abenteuerlustige Erna Rohdiebl übersetzte Fabian Pfleger für die Bühne. Regie führt Lisa-Maria Cerha, für die Musik zeichnet Ferry Janoska verantwortlich. Neben Johanna Mertinz spielen Mona Kospach, Christoph Krutzler, Gerald Votava, Skye MacDonald.

Uraufführung: 15. Oktober 2026, 19.30 Uhr, Kulturzentrum Güssing

Weitere Abendvorstellungen (19.30 Uhr):

16. Oktober, Kulturzentrum Mattersburg

22. Oktober, Kulturzentrum Oberschützen

    6. November, Kulturzentrum Eisenstadt

    Jugendtheater-Vorstellungen auf Anfrage.

    www.kulturzentren.at, Tel.: 02682/719 7012

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