Amor de Cine: Junge Frau im schwarzen Kleid zwischen den Zuschauerinnen und Zuschauern im Kinosaal.

Amor de Cine – ein Tanzfilm

Mit mehr als 100 Künstler*innen verwirklicht die Neusiedlerin Lisa Nevara einen Tanzfilm, der bereits hunderttausende Mal geklickt wurde. Wir trafen die 22-jährige Tänzerin und Choreografin.

8 Min.

Lisa Nevara © Gisi Photography

Die Verwandlung ist spektakulär. Umso mehr, weil sie kaum etwas mit Haaren, Maske oder Make-­up zu tun hat, sondern mit ihrer Bewegung und ihrem Ausdruck. Lisa Nevara ist Tänzerin, Choreografin und Creative Director – und verwirklichte zuletzt mehrere Musikvideos mit bemerkenswert großen Formationen. Ihr jüngster Streich: „Amor de Cine“ mit mehr als 100 Mitwirkenden aus 13 Nationen, aufgezeichnet im geschichtsträchtigen Wiener Metrokino.

Ihre leidenschaftlichen Arbeiten werden hunderttausende Mal geklickt. Und dann sitzt sie uns gegenüber: strahlend, herzlich, 22 Jahre jung. Wie schupft sie das alles? – Und da geht noch mehr: ein Studium beispielsweise und regelmäßige Arbeitsaufenthalte in Südamerika.

Aber beginnen wir einmal mit der älteren Lady mit dem Knoten in den Haaren und den Kastagnetten in der Hand. Das Kapitel könnte den kitschig schönen Beginn der künstlerischen Karriere der Neusiedlerin markieren. Den Gefallen tut sie uns nicht: Die ungeduldige Kindergärtnerin gab der Ballettlehrerin ein paar Wochen eine Chance und hängte ihr Tutu an den Nagel. „Erst“ mit neun setzte sie wieder einen Fuß auf einen Tanzboden – in der Tanzschule Pero in Neusiedl am See. Dabei hing sie noch immer am mütterlichen Rockzipfel, sodass sich die Oma schon sorgte.

Amor de Cine: Tanzensemble bewegt sich zwischen den roten Kinosesseln durch den historischen Saal.
© Gisi Photography

Das Mädchen begann sich freizu­tanzen

„Bis heute kann ich beim Tanzen meine Emotionen verarbeiten, durch wichtige innere Prozesse gehen.“ Sie machte Commercial Dance, später gesellten sich Jazz- und Musicaltanz und Modern Con­temporary dazu. Sie nahm erfolgreich an Wettbewerben teil, mit 16 begann sie selbst zu unterrichten. Ihre klare Haltung: Body Positivity und Female Empowerment.

„Ich will dazu beitragen, das Selbstbewusstsein der Schüler*innen zu stärken.“ Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Kunst­szene auch toxische Seiten haben könne. „Ich selbst habe das Glück, in einer sehr liebevollen Bubble zu sein.“ Sich gegenseitig zu unterstützen, sei für sie selbstverständlich; „wenn eine Person strahlt, nimmt das nichts vom Licht der anderen Person weg“, lautet ihr Credo.

Wenngleich ihre Eltern bei all ihren tänzerischen Aktivitäten hinter ihr standen – unfroh sei ihr Papa nicht gewesen, als sie zusätzlich Publizistik- und Kommunikationswissenschaft inskribierte. Dabei war für Lisa selbst klar: „Ich schaue, dass ich mich finanziell so absichere, damit ich nicht komplett von meiner Kunst abhängig bin.“

Selbst im Maturajahr unterrichtete sie fünf Stunden die Woche. „Kreativität ist begrenzt und kann erschöpft sein. Wenn du sagst: Ich brauche Geld, ich muss jetzt kreativ sein, funktioniert das nicht“, ist sie überzeugt. „Profitänzerin zu sein, definiert sich nicht dadurch, zu 100 Prozent das Einkommen durch Tanz zu verdienen, sondern darüber, wie ich tanze und mich verhalte.“
Ihr Studium sei keinesfalls ein Kompromiss; „schließlich bin ich nicht die ganze Zeit die Person auf der Bühne, wir alle haben verschiedene Rollen“.

Amor de Cine: Lachende junge Frau im schwarzen Kleid inmitten einer ausgelassenen Szene im Kino.
© Gisi Photography

Wenn eine Person strahlt, nimmt das nichts vom Licht der anderen weg.
Lisa Nevara, Tänzerin, Choreografin

Gleich im Anschluss an das Pandemie-Matura-Jahr geht sie nach Wien und findet dort eine üppige Tanzstudio-Landschaft vor. Fortan trainiert sie zehn, zwölf Stunden die Woche, parallel dazu macht sie ihren Bachelor, aktuell ist bereits der Master dran.

„Mich interessieren auch Content Management, Social Media, Marketing und PR – das kann ich mit dem Tanzen gut kombinieren“, sagt Lisa – und ein Blick auf ihre Social-Media-Kanäle genügt, um zu wissen, dass sie hier mit nicht weniger Ehrgeiz unterwegs ist.

Südamerika

Frei von Enttäuschungen und Kränkungen ist freilich auch Lisa nicht, erzählt sie, und das Lächeln weicht kurz aus ihrem Gesicht. Immer wieder kreuzten auch Kritiker*innen ihren Weg, die infrage stellten, dass sie jung zu unterrichten begann. Schon mehrmals fand sie daraufhin in Südamerika zur Ruhe – und zu neuer Kraft. Happy seien ihre Eltern anfangs nicht gerade gewesen, als sie ihnen das erste Mal offenbarte, dass sie nach Peru fliegt, „aber was sollten sie tun? Ich war volljährig“, lacht sie. „Sie wissen auch: Sie müssen mich freilassen, dann komme ich auch immer gerne zurück.“

Sie lernt Spanisch – und gewinnt auch in Wien immer mehr Freund*innen aus Südamerika. Mithilfe von ihnen bewirbt sie sich an Tanzstudios, beginnt auch dort zu unterrichten. „Mittlerweile fliege ich einmal im Jahr hin. Ich war schon in Kolumbien, Ecuador, Argentinien, Chile“, zählt sie auf.

Amor de Cine: Junge Frau im schwarzen Kleid spaziert am Abend durch die Wiener Innenstadt.
Lisa Nevara © Gisi Photography

Ein Hit der erfolgreichen venezolanischen Musiker*in Arca geht ihr nicht mehr aus dem Ohr: Sie hat die Vision, „Rakata“ als feministisches Tanzprojekt in Wien zu realisieren – und bekommt für ihr engagiertes Vorhaben tatsächlich „Cash.For.Culture“, eine Förderung für junge Künstler*innen der Stadt Wien zugesprochen. Vom mitreißenden Resultat überzeugt man sich beispielsweise via YouTube: „Nach sechs Monaten Vorbereitung haben wir das bisher größte Heels-Dance-Projekt (auf hohen Schuhen, Anm.) in der Marx-Halle gefilmt“, sagt sie stolz.

Nur wenig später hob sie ihre kleine, feine Agentur „Nevara Productions“ aus der Taufe, eine Art Tanz-Plattform. Noch ehe die ersten Kund*innen anklopfen konnten, schmiedete Lisa selbst den Plan zum zweiten großen Projekt.

Amor de Cine: Tanzensemble bei einer dynamischen Choreografie vor dem Metro Kinokulturhaus in Wien.
© Gisi Photography

Amor de Cine

Monatelang arbeitete sie an dem Konzept, diesmal wollte sie den Song „Amor de Cine“ des mexikanischen Musikers Humbe in einem noch größeren Rahmen als Tanzfilm umsetzen. Sie brannte für die Idee, holte mehr als 100 Leute ins Boot – und mietete das schöne Wiener Metrokino an.
Das Besondere daran: Alle wussten, dass sie keine Gagen bekommen werden können – „und sie schenkten mir trotzdem ihr Vertrauen“, ist die 22-Jährige weiterhin gerührt und dankbar.

Die Tänzer*innen kamen aus 13 Ländern, es bedurfte jeder Tag einer minutiösen Planung, musste doch alles in einer Woche im Kasten sein. Um all das bewältigen zu können, brauchte es auch größere Teams hinter den Kulissen. „Mir wurde bewusst: eine falsche Entscheidung und es fallen die Dominosteine. Allein die Teamkoordination mit 105 Leuten in Excel-Tabellen war wie ein Sudoku-­Rätsel“, beschreibt sie. „Wir hatten Sequenzen, wo zur gleichen Zeit vier Choreograf*innen im Einsatz waren.“ Wo­rauf sie besonders stolz ist: Mit an Board war auch Sebastian Cio, unter anderem Choreograf von Cro.

Amor de Cine: Ensemble und Filmteam versammeln sich gemeinsam im historischen Kinosaal.
Getanzte Lovestory. Lisa Nevara und ihre „Amor de Cine“-Company © Gisi Photography

Und dann passierte das Unerwartete: Das ohnehin sehr knapp kalkulierte finanzielle Konstrukt, das auf ein paar wirtschaftlichen Sponsorings und einem Zuschuss aus der öffentlichen Hand basierte, stürzte zusammen. „Ich hab’ mit einer Förderung von 5.000 Euro von der Stadt gerechnet, aber wir bekamen sie nicht. Zu dem Zeitpunkt war mir aber klar: Ich ziehe das durch, dann muss ich’s aus eigener Tasche zahlen“, erzählt Lisa, die dafür tatsächlich ihr Erspartes verwendete.

Bereut hat sie es nicht. Schon allein das Gefühl, mit so vielen Gleichgesinnten an etwas so Großem zu arbeiten, habe sie nachhaltig gestärkt. „Wir alle haben unsere eigenen Geschichten zu gebrochenen Herzen und kennen dieses Gefühl. Aber 105 Leute dazu zu bringen, es gemeinsam zu fühlen, brauchte viel Kommunikation – und auch unsere Bereitschaft, sich verletzlich zu zeigen“, erklärt die junge Künstlerin. „Ich hatte nicht die Ambition, damit berühmt zu werden. Es war ein reines Herzensthema: Menschen mit der Kunst, die wir machen, zu berühren.“

Nicht zuletzt stecke im Film auch Gesellschaftskritik, sagt Lisa Nevara: „Wir sollten nicht so viel Pressure auf die eine Liebe legen; es gibt viele Menschen um uns herum, die wir lieben können, und so viele verschiedene Arten von Liebe.“ Die zwei in „Amor de Cine“ gehen zum Schluss getrennte Wege. Kein Happy End? – „Oder eben doch: Beide gehen doch mit ihren Freund*innen heim.“

YouTube: @lisanevara
Instagram: @nevaraproductions

Amor de Cine: Detailaufnahme schwarzer High Heels auf dem roten Teppich im Kinosaal.
© Gisi Photography

Auszug aus vier Seiten Credits von Amor de Cine

  • Concept, Choreography: Lisa Nevara (Creative Direction), Sebastian Cio
  • Producer: Hannah Peck, Julia Deutsch
  • Project Manager: Anka Lobzhanidze, Niklas Schober
  • Camera Team: Daniel Eberhöfer, Oliver Senger (C-Hex), Rafaël Claude Le­sage, Jan Schenk, Elisabeth Peinhopf
  • Photographer: Gisi Taschner, Carl-Hohenbalken, Khulan Baatarjav
  • Co-Choreographers: Aaliyah Gessl, Ivancho, Juliana Mählich
  • Styling: Pauless, Hannah Sussitz aka Hanny, Simon Moser, Johanna Swieter.

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