Schattenbilder zweier Menschen

Richtig streiten: So geht’s

Ich sehe das anders!

6 Min.

© Pexels/Cafer Caner-Savli

Viele Menschen meiden Konflikte – aus Angst vor Verletzungen oder weil sie glauben, Diskussionen führten ohnehin zu nichts. Der katholische Theologe und Philosoph Andreas G. Weiß sieht darin einen Verlust echter Streitkultur und eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Seit 2024 ist Weiß Direktor des Katholischen Bildungswerks Salzburg; darüber hinaus arbeitet er als Lehrender und Vortragender an der Universität sowie in der Erwachsenenbildung.

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Mit seinem Buch „Streiten verbindet“ setzt er ein Plädoyer für mehr Mut zum Widerspruch, mehr Vertrauen im Gespräch und mehr Offenheit gegenüber anderen Sichtweisen. Im Interview spricht er über die Kunst des konstruktiven Streitens, den Wert der Differenz und darüber, was Demokratie heute braucht.

Wenn Sie mit jemandem sprechen würden, der sagt: „Streiten bringt doch nichts“ – was würden Sie darauf sagen?

Andreas G. Weiß: Dann würde ich fragen: Was soll es denn bringen? Wenn Streit nur dann etwas wert ist, wenn am Ende einer nachgibt, haben wir ihn missverstanden. Ein guter Streit produziert nicht immer Einigkeit. Manchmal macht er lediglich sichtbar, wo die Unterschiede liegen. Auch das ist ein Ergebnis. Gefährlich wird es, wenn wir nur noch mit Menschen reden, die uns bestätigen. Dann haben wir vielleicht unsere Ruhe, aber wir lernen nichts mehr. Demokratie lebt nicht davon, dass alle dasselbe denken. Sie lebt davon, dass Menschen einander widersprechen können, ohne sich deshalb loswerden zu wollen.

Entscheidend ist, im Gespräch zu bleiben und dem anderen einen Weg zurück zu lassen. Auch Menschen, die sich geirrt haben, brauchen eine Tür, durch die sie gehen können, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen einem produktiven Streit und einem zerstörerischen Konflikt?

Die Grenze verläuft dort, wo aus einer strittigen Sache ein Urteil über den ganzen Menschen wird. Ich kann Ihre Position für falsch, gefährlich oder sogar unerträglich halten. Sobald ich daraus folgere, dass auch Sie als Mensch unerträglich sind, beginnt der Konflikt zerstörerisch zu werden. Produktiver Streit mutet dem Gegenüber Widerspruch zu, lässt ihm aber seine Würde. Dazu gehört auch, Grenzen zu setzen. Streitfähigkeit bedeutet keineswegs, jede Beleidigung, Drohung oder Menschenverachtung höflich auszudiskutieren. Entscheidend ist, ob wir noch um eine Sache ringen oder bereits die Person vernichten wollen, die sie vertritt.

Warum fällt es uns heute oft schwerer, unterschiedliche Meinungen auszuhalten als noch vor einigen Jahren?

Vielleicht waren wir früher gar nicht toleranter. Wir konnten einander nur weniger leicht ausweichen. Im Verein, im Wirtshaus, in der Pfarrgemeinde oder am Arbeitsplatz begegnete man Menschen immer wieder, auch wenn man sich am Vorabend heftig gestritten hatte. Heute können wir unsere sozialen Welten genauer sortieren. Algorithmen liefern uns passende Meinungen, und mit einem Klick verschwindet, wer stört. Gleichzeitig werden Positionen immer stärker zu Identitätsmerkmalen. Wer meiner Meinung widerspricht, greift dann scheinbar mich selbst an. So wird aus einer politischen Differenz rasch eine moralische Feindschaft. Uns fehlen weniger Argumente als belastbare Beziehungen, die den Widerspruch überleben.

In Ihrem Buch beschreiben Sie den Wert des Widerspruchs. Was meinen Sie damit?

Widerspruch ist eine Zumutung, und genau darin liegt sein Wert. Wer mir widerspricht, unterbricht meine Selbstgewissheit. Er zwingt mich, genauer zu denken, blinde Flecken wahrzunehmen und meine Position zu begründen. Vielleicht ändere ich meine Meinung. Vielleicht werde ich durch den Widerspruch sogar sicherer in ihr. Beides kann ein Erkenntnisgewinn sein. Ich nenne diese Haltung „Contrust“: Vertrauen im Widerspruch. Ich traue dem Gegenüber zu, dass seine andere Sicht für mich bedeutsam sein könnte. Das ist kein Kuschelkurs. Es ist die Bereitschaft, sich irritieren zu lassen, ohne sofort in Abwehr oder Verachtung zu flüchten.

Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der einem Streit am liebsten immer aus dem Weg geht?

Fangen Sie klein an. Sagen Sie beim nächsten Mal einen ehrlichen Satz mehr, als Ihnen angenehm ist. Sie müssen weder laut werden noch jede Auseinandersetzung gewinnen. Aber dauernde Konfliktvermeidung schafft keinen Frieden. Sie überlässt das Feld meist den Lauteren und lässt das Ungesagte im Hintergrund weiterarbeiten. Wer nie widerspricht, schützt häufig die Beziehung nur äußerlich und verliert dabei allmählich sich selbst. Ein Streit kann Respekt ausdrücken: Ich nehme Sie ernst genug, um Ihnen zu widersprechen. Entscheidend ist, im Gespräch zu bleiben und dem anderen einen Weg zurück zu lassen. Auch Menschen, die sich geirrt haben, brauchen eine Tür, durch die sie gehen können, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

Kann man am Stammtisch lernen, demokratisch zu streiten? Fehlen uns heute solche Orte?

Ja, allerdings sollten wir den alten Stammtisch nicht romantisieren. Er konnte ausgrenzen, verletzen und manche Stimmen gar nicht erst zulassen. Interessant ist sein Prinzip: Menschen saßen körperlich an einem Tisch, hatten Zeit und begegneten einander wieder. Man konnte sich nicht einfach blockieren und aus der eigenen Wirklichkeit löschen. Nach dem Streit wurde vielleicht noch ein Getränk bestellt oder über etwas völlig anderes gesprochen. Genau das ist demokratisch wertvoll: Der Gegner in einer Sache bleibt Mitmensch und morgen vielleicht Partner in einer anderen. Uns fehlen heute solche verlässlichen Streitorte. Der Stammtisch ist für mich daher ein Bild aus einer teils vergangenen Welt, aus dem wir neue Formen gemeinsamer Öffentlichkeit entwickeln können.

Sind soziale Medien der neue Stammtisch – oder gerade das Gegenteil davon?

Soziale Medien sehen aus wie ein Stammtisch, funktionieren aber häufig wie dessen Zerrbild. Alle reden, kaum jemand hört zu, und der schärfste Satz bekommt die größte Aufmerksamkeit. Am wirklichen Tisch muss ich die Reaktion meines Gegenübers aushalten. Im Netz spreche ich oft über Menschen hinweg zu meinem eigenen Publikum. Der Widerspruch wird zur Aufführung, Empörung zur Währung. Trotzdem ist die digitale Welt nicht zwangsläufig verloren. Auch dort können gute Gesprächsräume entstehen. Dafür braucht es Dauer, Moderation, Verantwortlichkeit und die Bereitschaft, mehr als einen einzelnen Satz voneinander wahrzunehmen. Ein demokratischer Stammtisch beginnt dort, wo Menschen füreinander wieder Personen werden und keine Profilbilder bleiben.

Was bedeutet für Sie persönlich ein gelungenes Gespräch?

Ein Gespräch ist für mich gelungen, wenn ich danach nicht unbedingt überzeugter, aber genauer geworden bin. Vielleicht bleibt der Widerspruch bestehen. Vielleicht entdecke ich sogar, dass die Kluft größer ist, als ich dachte. Dennoch sollte sich etwas verändert haben: Ich verstehe besser, warum der andere so denkt, und erkenne klarer, worauf es mir selbst ankommt. Besonders wertvoll sind Gespräche, in denen niemand den anderen zum Sieg überreden muss. Man darf widersprechen, nachfragen, lachen, schweigen und auch einen Gedanken zurücknehmen. Ein gelungenes Gespräch endet deshalb nicht zwingend mit einem Konsens. Es endet mit dem Gefühl: „Wir können weiterreden.“

BUCHTIPP:

Buchcover "Streiten verbindet" mit Autor Andreas Weiß
© Streiten Pexels, Landiva Weber

„Streiten verbindet! – Was wir vom Stammtisch lernen können“
von Andreas G. Weiß
Anton Pustet Verlag
ISBN: 978-3-7025-1221-7
€ 20,–

Mehr über die Autorin dieses Beitrags

Elisabeth Trauner
© Privat

Elisabeth Trauner ist Redakteurin bei Unser SALZBURG und mit Stift, Block und Herz immer zur Stelle, wenn Menschen spannende Geschichten zu erzählen haben. Sie hört Podcasts, braucht Krimis und True Crime-Dokus zum Einschlafen und probiert gerne neue Kochrezepte aus, die aber meistens komplett schief gehen.

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