Passion: Drei Personen stehen vor einem Plakat der Passionsspiele „Mirjam“

Die Apostolin

Ein Hauch von Feminismus: Die Passionsspiele rücken im Jubiläumsjahr mit „Mirjam“ erstmals Maria Magdalena in den Mittelpunkt. Was neu ist und was sich hartnäckig hält.

8 Min.

© Vanessa Hartmann

Maria Magdalena – auf hebräisch Mirjam – faszinierte ihn schon während seines Theologiestudiums. Seit fast zehn Jahren ist Richard Geier Pfarrer in St. Margarethen; wenn im Jubiläumsjahr bei den Passionsspielen im Steinbruch Maria Magdalena zur Titelrolle avanciert, trägt das seine Handschrift. Er ist Spielleiter und Autor – und eine Frau allein am Plakat gab es in 100 Jahren nicht. Das Original dazu malte er selbst.

Zum einen will er Jesus’ Leben aus einer anderen Perspektive erzählen, um Spannung aufzubauen. Zum anderen Maria Magdalena das wiedergeben, was ihr lange verwehrt blieb. „Sie wurde erst kürzlich zur Apostolin erklärt und bekam einen Festtag. Es ist eine Schande, dass eine so bedeutende Frau erst nach 2.000 Jahren in den Mittelpunkt rückt“, sagt er.

Mirjams Perspektive in Bezug auf Jesus sei essenziell, aber in der Bibel kaum enthalten. „Die Männerwelt drängte sie an den Rand, irgendwann verlieren sich ihre Spuren.“ Er recherchierte viel und schöpfte aus seiner Fantasie, auch „um eine Geschichte der typisch patriarchalen Zurücksetzung zu erzählen“. „Seine“ Mirjam zeichne „eine tiefe innere Freiheit und Weisheit“ aus.

Genau genommen sind es zwei Mirjams: In die Titelrollen schlüpfen abwechselnd Iris Klemenschitz und Renée Gallo-Daniel, im Brotberuf Pädagogin bzw. Public-/Government-Affairs-Expertin; wir trafen das Trio zum Interview.

„Mirjam – Stark wie der Tod ist die Liebe“ – so lautet der Stücktitel. Welche Reaktionen erleben Sie?

Richard Geier: Einige sind ziemlich überrascht, weil man die Passionsspiele sonst zentral mit Jesus identifiziert. Dass statt ihm Mirjam allein am Plakat ist, hat manchen nicht gepasst, da setzt sich die Geschichte der Verdrängung fort.

Iris Klemenschitz: Das Erste, was kam, war: „Warum kann man das nicht so machen, wie es immer war?“ (lacht)

Renée Gallo-Daniel: Oft hören wir auch: „Wer ist Mirjam?“ – „Ach so, Maria Magdalena.“ Wir haben häufig Erklärungsbedarf, aber das bietet auch gute Möglichkeiten, es auszuführen.

Iris Klemenschitz: Dann kommt oft der Aha-Effekt und viele finden die Idee modern und dass sie der Kirche guttut.

Wie sieht die Rolle aus?

Renée: Wir spielen die Mirjam auf einer zweiten Ebene, wie sie 20 Jahre später als Erzählerin zurückblickt – und zwar in Gesprächen mit Apostel Johannes und den Geschwistern Lazarus, Martha und Maria. Unsere Szenen beinhalten viele Emotionen und wechseln sich mit dem „klassischen“ Spiel mit Jesus und der jungen Mirjam ab. In der Rolle der älteren Mirjam können wir schön das Liebesthema heraus­arbeiten.

Richard: Mirjam hat für mich ihre große Begegnung mit Jesus zu einem Schatz in ihrem Herzen gemacht – aus Weisheit und Lebenskunst. Sie erzählt von Jesus als Befreier, aber auch davon, wie er sie in dunkle Phasen seines Lebens mitgenommen hat, wie man Leid verarbeitet. Es kommen wichtige menschliche Themen vor – bis hin zur Frage des Todes.

Es gibt tatsächlich ein Evangelium der Maria Magdalena aus der Zeit etwa 120, 130 nach Christus. Das hat es leider nicht in die Heilige Schrift geschafft, da waren wieder Männer am Werk. – Ich erzähle mit „Mirjam“ keine Liebesgeschichte. Romantik ist ein hormoneller Zustand, ich sage nur: Entromantisiert euch! (lacht)

Sprechen Sie das gleichnamige Buch der Feministin Beatrice Frasl an? Haben Sie es gelesen?

Richard: Ich habe viel darüber gelesen – und die Leseprobe. Insgesamt war es mir dann doch zu stark, aber ich finde den Grundgedanken toll, die romantische Liebe zu entzaubern und die wahre Liebe in den Vordergrund zu stellen.

Iris: Es geht um Vertrauen und Sicherheit. Wenn sich in „Mirjam“ die ehemaligen Weggefährten von Jesus treffen, dann sind das echte Begegnungen unter Freunden. Wie schön das ist, spürt man schon bei den Proben.

Renée: Ich fühle mich sehr geehrt, die Mirjam zu spielen, und bin zuversichtlich, dass wir zusätzliches Publikum ansprechen werden, auch Jüngere.

Richard: Wir zeigen ein schönes Modell fürs Zusammenleben: Fünf Weggefährten in Ephesos, einem Schmelztiegel wie dem heutigen New York – darunter Frauen und Männer unterschiedlichen Charakters und Flüchtlinge – und sie begegnen einander auf Augenhöhe.

Die Kirche prägen bis heute patriarchale Strukturen.

Iris: Nicht in den Predigten unseres Pfarrers.

Richard: Ich kann mein Stammpublikum nicht verärgern (lacht). Im Ernst: Frauen tragen zurzeit die Kirche.

Wie erleben Sie aber ihren Stellenwert? – Ich war schockiert, als Papst Leo XIV. kürzlich Schwangerschaftsabbrüche als „Zerstörer des Friedens“ bezeichnete.

Richard: Die Kirche hat noch viele Frauen, die sie ansprechen kann, der Kontakt zu Jüngeren ist teilweise aber abgebrochen, es gibt eine große Entfremdung – und das hat sicher auch damit zu tun, dass bei kirchlichen Männern noch immer ein gewisses Frauenbild vorherrscht. Wenn so harte Worte vom Papst kommen, wird die Kluft sehr stark deutlich. Ich verstehe aber auch sein Anliegen. Ich versuche nachzuvollziehen, unter welchem unglaublichen Druck schwangere Frauen stehen, aber es gibt andere Möglichkeiten, um sich davon zu befreien.

Sie beschreiben, wie Maria Magdalena zurückgesetzt wurde. Ist das nicht auch eine Zurücksetzung, wenn Männer bestimmen wollen, was mit einem Frauenkörper passiert?

Richard: Es haben immer wieder Frauen nach einer Abtreibung das Gespräch mit mir gesucht, die damit nicht gut fertiggeworden sind. Ich versuche zunächst bei der Frau zu sein, die eine so schwierige Entscheidung getroffen hat.

Der Papst kann nicht darüber bestimmen, was mit einem Frauenkörper passiert, und das will er auch nicht. Aber es muss möglich sein, auf Schatten hinzuweisen. Wenn mir jemand von seinem Schicksal erzählt, sehe ich meine Aufgabe darin, auch zur Sprache zu bringen, was die Person vielleicht jetzt nicht sieht. Ich habe Respekt vor allen Frauen, die Position beziehen, ich möchte sie niemanden ausreden, aber ich möchte auch die andere Seite der Wahrheit mit reinbringen.

Wie stehen Sie zur Aufhebung des Zölibats – und zur Weihe von Priesterinnen?

Iris: Für mich macht beides Sinn; das würde das Verständnis für Familien fördern.

Renée: Ich glaube sogar, dass der Druck von innen, von Vertretern der Katholischen Kirche kommen wird. Die proaktiven Fürsprecher, wie unser Pfarrer, werden mehr. Ich bin für die beidseitige Veränderung.

Iris: Das würde auch gegen den Priestermangel helfen.

Richard: Mich besorgt eher der Mangel an Gläubigen. Alle theologischen Argumente gegen Frauen als Priesterinnen sind nicht mehr plausibel, es wäre höchste Zeit dafür. Es stimmt ja auch nicht, dass Jesus nur Apostel gewählt hat; Mirjam ist genau der Kontra­punkt. Das Problem ist: Wenn Papst bzw. Konzil entscheiden, Frauen ins Weihamt zu nehmen, würde das die Kirche zerreißen. Wir Befürworter sind in Europa in der Mehrheit, aber weltweit in der Minderheit.

Passion: Vier Personen sitzen gemeinsam an einem Tisch im Gespräch
Wo stehen die Frauen in der Kirche? Lebhafte offene Diskussion – auch um Aufhebung des Zölibats, Priesterinnen und Schwangerschaftsabbrüche © Vanessa Hartmann

Wir werden das also nicht mehr erleben?

Richard: Vielleicht unsere Kinder – wie es in einem Witz heißt, wo sich zwei Priester unterhalten (lacht).

Eine private Frage: Wie leben Sie Ihren Glauben?

Renée: Da ist das, was man uns gelehrt hat, interpretieren muss das jeder für sich. Ich habe meine eigene Art und Weise.

Iris: Die Bibel ist für mich wie ein Leitfaden – mit Seitenstraßen. Ich glaube an Gott, das Universum und bin dankbar, bei mir hätte es durch Krankheiten schon vorbei sein können. Ich bin auch dankbar für mein Kind, das ist so ein Glück.

Richard: Ich glaube an einen Gott, der in allem Lebendigen ist und dass Jesus uns genau das vermitteln wollte. Das Reich Gottes ist in euch – das ist mein Bibel-Highlight. Es war ein revolutionäres Ereignis, als Jesus kam und predigte; aber dieses lebendige Wasser ist über die Jahrhunderte eingefroren. Ich möchte daran arbeiten, das Eis zum Schmelzen zu bringen. Religion ist eine lebendige Beziehung, in der auch Frauen im Mittelpunkt stehen, in der nicht Gebote zählen, sondern die Gemeinschaft. Ich kann nur bedauern, wenn Buchstaben zur Munition werden, wenn wie aktuell durch Fundamentalisten queere Menschen mit schrägen Bibelzitaten gepeinigt werden.

Abo

Immer TOP informiert: Mit dem Print oder Online-Abo der BURGENLÄNDERIN – ob als Geschenk, oder für dich selbst!

×