Wandern in Südengland: Ein Erlebnisbericht
Die Wahlsteirerin Doris Hollnbuchner hat sich alleine aufgemacht, um den South West Coast Path in Südengland abzuwandern. Was sie auf den 1.014 Kilometern erlebte und warum sie bereits ihre nächste Solo-Weitwanderung plant, erzählt sie im persönlichen Bericht.
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Alleinwandernde Frauen sind längst keine Seltenheit, man denke an Kathrin Heckmann „Fräulein Draußen“ oder Cheryl Strayed (ihr Buch „Der große Trip – Wild“ wurde sogar verfilmt.) Trotzdem: Ist es nicht etwas vermessen zu denken, dass ausgerechnet ich so etwas auch machen kann? Dass ausgerechnet ich in der Lage bin, für mehrere Wochen in Südengland jeden Tag an die 20 km zu Fuß zurückzulegen – mit 10 Kilo Gepäck am Rücken und bei jedem Wetter? Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Es „einfach“ zu tun.
Text: Doris Hollnbuchner

Die Entscheidung für meine Wanderung in Südengland
„Du bist aber mutig!“, habe ich oft gehört, wenn ich von meinem Vorhaben berichtet habe. Von wegen! Ich halte mich selbst nicht im Geringsten für eine mutige Person. Und ich hatte jede Menge Zweifel und Ängste, die mich beinahe von meiner Reise abgehalten hätten: meine Selbstständigkeit so lange zu pausieren, unterwegs krank oder überfallen zu werden, mich ernsthaft zu verletzen, einen Herzinfarkt zu erleiden, mir sämtliche Knochen zu brechen, vom Blitz erschlagen oder von der Klippe geweht zu werden. Bis mir klar wurde, dass mir fast alles davon zu Hause auch passieren könnte. Und das war die erste Lektion, die ich lernen sollte, noch bevor ich überhaupt unterwegs war: Angst verhindert nicht den Tod – sie verhindert das Leben. Und Leben habe ich nun mal sehr wahrscheinlich nur das eine. Worauf also warten?
Die Planung
Die Wahl für meine Wanderung fiel eher zufällig auf den South West Coast Path in Südengland. Ein Küstenwanderweg, der auf 1.014 Kilometern immer am Meer entlang durch die Grafschaften Somerset, Devon, Cornwall und Dorset führt. Dabei kommt man unter anderem an Lands End und Lizard Point, dem westlichsten und südlichsten Punkt des britischen Festlands, vorbei. Außerdem ist der Weg relativ gut an die Zivilisation angeschlossen, mit regelmäßigen Übernachtungsmöglichkeiten und Shops entlang der Strecke und einem gut ausgebauten Busnetz für Notfälle. Das alles klang durchaus machbar. Dass es aufgrund des ständigen Auf und Abs auf diesem Weg insgesamt auch um die 30.000 Höhenmeter zu überwinden gilt, ignorierte ich vorerst lieber mal.



Die Unterkünfte entlang der Strecke buchte ich alle akribisch im Vorfeld. Darauf, auch noch ein Zelt durch die Gegend zu schleppen (geschweige denn, darin zu schlafen), hatte ich nämlich herzlich wenig Lust. Das hatte den Vorteil, dass ich mich unterwegs um nichts mehr zu kümmern brauchte und entspannt von A nach B wandern konnte. Aber natürlich auch den Nachteil, dass meine täglichen Etappen und Pausentage fix vorgegeben waren und eingehalten werden sollten – unabhängig von Wetterlage und Erschöpfungszustand. Nach monatelanger Planung stand ich dann endlich vor dem offiziellen Startmonument des Path in Minehead und konnte selbst noch nicht so richtig glauben, dass ich das jetzt wirklich durchziehe.
Die ersten Schritte
Die Leichtfüßigkeit, mit der ich an Tag 1 losgelaufen bin, sollte nicht allzu lange anhalten. Der South West Coast Path ist traumhaft schön – aber alles andere als einfach. Meine zweite Lektion lernte ich daher relativ schnell: Weitwandern ist in erster Linie Kopfsache. Mein Körper, der eher an Schreibtischarbeit und Extreme-Couching gewöhnt ist, protestierte heftig gegen diese ungewohnte Belastung. Der Rucksack drückte, die Knie zwickten, die Beine fühlten sich an, als wären sie aus Blei. Und wenn ich abends völlig erschöpft ins Bett fiel, dann immer mit dem Wissen: „Das Ganze musst du morgen noch mal machen. Und übermorgen.“ Mehrmals googelte ich in diesen Momenten heimlich nach Busfahrplänen.
Aber am nächsten Morgen schlüpfte ich dann doch wieder in meine Wanderschuhe und ging weiter. Über unzählige Stufen bergauf und bergab, über schmale Klippenpfade, über Sandstrände, in denen ich halb versank, über Schaf- und Kuhweiden und durch den ein oder anderen Wald. Das Meer dabei immer fest im Blick. Manches Mal im Regen, manches Mal in einer glühenden Hitze, die ich so in England gar nicht erwartet hätte. Ich war erschöpft, müde, manchmal regelrecht verzweifelt, wenn ich den nächsten Anstieg vor mir sah.
Aber ich habe mich auch schon lange nicht mehr so lebendig und frei gefühlt. So unaufhaltsam. Und ich war meinem Körper wahnsinnig dankbar, dass er das alles mitmachte, ohne mich im Stich zu lassen.


Allein, aber niemals einsam
Obwohl ich diese Reise allein angetreten habe und weite Teile des Wegs allein beschritt, fühlte ich mich kein einziges Mal einsam. Wer nicht möchte, bleibt hier nicht lang allein. Immer wieder traf ich auf freundliche Einheimische, die mich in ein Gespräch verwickelten, oder auf Weggefährten, mit denen ich einen kürzeren oder längeren Teil der Strecke zurücklegte.
Aber auch die Tage, die ich ganz allein verbrachte, genoss ich sehr. Denn an diesen Tagen durften auch die Gedanken frei wandern. Und ich merkte, wie mit jedem Schritt eine Anspannung von mir abfiel, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie mit mir herumtrug. Prioritäten verschoben sich, die Tage verschwommen zu einer endlosen Aneinanderreihung von Meer, Klippen, Wiesen und Stufen. Kein Termindruck, keine To-do-Liste. Ich musste nirgends sein, außer im Moment, und langsam einen Schritt vor den anderen setzen.
Nicht immer war das ganz so einfach, wie es sich vielleicht anhört. Und manchmal war ich tatsächlich gezwungen, allzu übermütig geplante Tagesetappen abzukürzen. Aber auch das war okay. Denn es war mein Weg, und ich allein entschied, wie ich ihn gehe.



Was am Ende bleibt
54 Tage war ich insgesamt am Path unterwegs. 54 Tage, in denen das tägliche Wandern zu meinem Alltag wurde, in denen sich meine gesamte Beziehung zu mir selbst und zu meinem Körper drastisch zum Guten veränderte und in denen ich lernte, Kleinigkeiten zu schätzen, die ich oft als selbstverständlich angenommen hatte. Nicht nur ein kühles Getränk, die abendliche Dusche oder eine Waschmaschine. Auch die Tatsache, dass ich äußerst privilegiert bin, so eine Wanderung überhaupt machen zu können.
Als ich am 23. Juni auf das Finisher Monument in South Haven Point zusteuerte, flossen wenig überraschend die Tränen. Ich war überwältigt, dankbar, stolz und traurig zugleich. Und hier lernte ich auch meine letzte Lektion am Path: Der Erfolg einer Weitwanderung – oder jedes anderen Vorhabens – liegt nicht unbedingt in dem Augenblick, in dem man sein Ziel erreicht. Sondern in den vielen kleinen Momenten dazwischen. Darin, es überhaupt versucht zu haben. Darin, trotz allem weitergegangen zu sein, auch wenn es schwerfiel. Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich alles schaffen kann. Dass ich viel stärker und mutiger bin, als ich gedacht hätte. Und dass Mut oft einfach nur heißt, dass man es trotzdem macht.
Unerwartetes auf meiner Wanderung in Südengland
- Dass ich ausgerechnet in England wesentlich mehr Sonnentage als Regen hatte und teilweise regelrecht unter der Hitze litt.
- Die Gesprächigkeit und Herzlichkeit der angeblich so reservierten Briten. Wie schön ist es bitte, von Fremden mit „Love“ oder „Darling“ angesprochen zu werden – und das ganz ohne Hintergedanken!
- Dass das Abenteuerlichste an meiner Reise nicht die schmalen Klippenpfade waren, sondern eher die Busfahrten auf den viel zu engen Straßen.
- Dass zwischen Cornwall und Devon regelrechte Glaubenskriege geführt werden, wie man seinen Cream Tea „richtig“ zu sich nimmt. (Ganz ehrlich? Ob nun Marmelade oder Cream zuerst auf das Scone kommt – schmecken tut es so oder so.)
- Dass ich trotz ständiger Nähe zum Meer insgesamt nur zwei Mal kurz meine Zehen ins Wasser gehalten habe. Den Bikini habe ich also ganz umsonst durch Südengland getragen.

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