Lisa und Gaby Guzek.© beautipics/Carmen Walther
Bei ADHS sind die Nervenbotenstoffe in ihrer Funktion betroffen. Mit Medikamenten und Strategien kann vieles ins Lot kommen, bei Alkohol und Co droht aber ein erhöhtes Suchtrisiko, wissen Gaby und Lisa Guzek.
Anscheinend sollte dieses Blatt nur rumgereicht und nicht abgeheftet werden. Die Klasse ist genervt, die Lehrerin pöbelt mich an: „Mann, Lisa, immer ist irgendwas mit dir.“ Ich fühle mich klein. Auch wenn ich mein Bestes gebe, ist es falsch. (…)
Nachdem sie mich von meinem Buch weggezerrt und an den Küchentisch verfrachtet hat, soll ich nun endlich loslegen. Aber mein Kopf sagt Nein. Der Stuhl ist zu hart, mein Pullover kratzt mal wieder, das Licht der Lampe ist so grell – und außerdem zwitschert draußen ein Vogel. Schließlich fällt der mir allzu bekannte Satz: „Du musst jetzt aber echt mal deine Gedanken auf die Straße bringen!“*
* Auszüge aus Lisa Guzeks Tagebuch, in: „Suchtrisiko ADHS“
Was soll daran so schwer sein? Hinsetzen, Heft auf und los geht’s. Dass das Kindern nicht gleichermaßen gelingt, ist nicht neu. Wie viel Kinder, aber auch Erwachsene mit ADHS dafür überwinden müssen, um etwas zu erledigen, hingegen schon. ADHS ist keine Modeerscheinung, müssen aktuell Expert*innen vielfach betonen. Die Diagnosen werden mehr, weil es mehr Erkenntnisse gibt. Und die braucht es weiterhin, weil diese neuronale Entwicklungsstörung sich – salopp gesagt – bei Mädchen und Burschen unterschiedlich zeigt. Und eigentlich sogar von Mensch zu Mensch.
Die eingangs zitierten Zeilen stammen aus der Feder der Psychologie-Studentin Lisa Guzek; schon der winzige Auszug aus ihrer Schulwoche lässt erahnen, wie viel Frust und Schmerz sich in dem damals noch nicht diagnostizierten jungen Menschen aufgestaut haben müssen. Dass sie sich ihre Erinnerungen kürzlich von der Seele schrieb, hat einen speziellen Grund: Sie veröffentlichte gemeinsam mit ihrer Mutter, der renommierten Wissenschaftsjournalistin Gaby Guzek, das Buch „Suchtrisiko ADHS. Wenn das Gehirn nicht anders kann“ (Heyne Verlag).

Damit richtet das Mutter-Tochter-Duo den Scheinwerfer in einen Winkel, den Wissenschaftler*innen zwar längst erforschen, aber der für die Öffentlichkeit bislang weitgehend verborgen blieb. Skeptisch, welche Relevanz die Kombination Sucht und ADHS für die breite Masse haben soll? „Jeder Zweite mit anhaltenden ADHS-Symptomen entwickelt im Laufe des Lebens eine Sucht“, schreibt Gaby Guzek. Die am meisten alarmierende Aussage: Alkohol, Nikotin und Co würden von Betroffenen häufig unbewusst als eine Art „Selbstmedikation“ eingesetzt.
Sie schildern im Buch sehr bewegende Erfahrungen aus Ihrer Kindheit. Wie und wann wurde die Diagnose bei Ihnen gestellt?
Lisa Guzek: Der Verdacht tauchte schon in der Volksschule auf, aber weil damals auch Sorge und viel Unklarheit um die Medikation herrschte, wurde das nicht weiter verfolgt. Auch weil ADHS bei Frauen sich „anders“ zeigt; wir sind da weniger der Zappelphilipp, Hyperaktivität findet bei uns eher im Kopf statt. Ich war etwa um die 25, als mich ein Psychiater diagnostiziert hat – und zwar, weil ich mich selber zuvor in den Büchern des amerikanischen ADHS-Forschers Dr. Russell A. Barkley erkannt und meinen Verdacht geäußert habe.
Sie beschreiben eine Begebenheit, die auch einen Zusammenhang zum Thema Sucht darstellt. Ein Aha-Effekt?
Lisa Guzek: Das war ein weiterer Mosaikstein. Dass ich angetrunken nach einem Piña-Colada-Abend konzentrierter für die Führerschein-Prüfung lernen konnte als davor, hat meinen Verdacht weiter bestätigt.
Wie haben Sie Ihre Tochter in der Kindheit erlebt?
Gaby Guzek: Schwierig. Nicht in dem Sinn, dass sie mich genervt hätte, es war bloß immer erkennbar, dass sie Schwierigkeiten hatte. Mir kommen heute noch die Tränen, wenn ich ihre Tagebuch-Seiten im Buch lese. Sie hatte sich selbst das Lesen schon vor dem Schuleintritt beigebracht und als ihr eine Lehrerin das Lesen verboten hat, hat sie sich unter den Tisch gesetzt und gebellt. So war unsere Lisa. – Die Medikamente waren für uns damals noch unvorstellbar. Man hat den Kindern aber auch zu viel Ritalin gegeben, die saßen dann teilweise da wie Zombies. Wir dachten uns auch: Sie hat doch kein ADHS, sie ist doch eine Träumerin. Aber natürlich fragen wir uns heute manchmal, hätten wir etwas anders gemacht, wäre ihre Kindheit glücklicher gewesen.
Wie ist Ihr Umgang heute mit ADHS-Medikamenten?
Lisa Guzek: Ich nehme sie fast täglich; da muss man sich – mit einem/einer Psychiater*in – ein bisschen rantasten, auch im Hinblick darauf, welches Medikament das passende ist.
Gaby Guzek: Ohne Medikament ist ADHS für die meisten wie ein Klotz am Bein, viele kommen kaum in die Gänge, selbst wenn sie sich etwas fest vornehmen. Wenn das Gehirn Nein sagt, dann ist das so. Ich habe Lisa immer wieder beobachtet: Sie wusste ja, dass sie ihre Hausaufgaben machen oder ihr Zimmer aufräumen soll, aber es ging nicht. Eben weil sie aber wusste, was alles zu tun wäre, hatte sie Stress, stand ständig unter Strom. Hinzu kommt noch der fehlende Reizfilter, sodass gleichzeitig alles ins Hirn prasselt – und das 24/7. Extrem beeinträchtigend im Alltag: Betroffene können sich nicht auf sich selbst verlassen. Ein Kennzeichen von ADHS sind auch Schlafstörungen; das lässt sich bei vielen – scheinbar paradoxerweise – mit Stimulanzien regulieren, da können einige ADHSler das erste Mal richtig schlafen.
Wie sind Sie auf den Zusammenhang mit Suchtrisiken gestoßen?
Gaby Guzek: Ich habe meine eigene Suchtkarriere, auch darüber schreibe ich im Buch. Heute bin ich Coachin und begleite Menschen aus dem Alkohol raus. Auf das Thema ADHS war ich durch meine Tochter sensibilisiert – und mir ist zunehmend aufgefallen, dass ich bei meinen Klient*innen viele Symptome wiedererkenne. Wir sprechen immer darüber, wofür die Menschen, die zu mir kommen, den Alkohol einsetzen. ADHS-Betroffene sagen nicht nur „zum Runterfahren“, sondern auch: Dann wird der Kopf klar.
Alkohol wirkt bei ADHS wie ein „Quick Fix“. Er „zerschießt“ aber die Gehirnchemie, sodass es Betroffenen danach noch schlechter geht.” Gaby Guzek, Wissenschaftsjournalistin
Der Zusammenhang hat sich aufgedrängt, ich habe begonnen zu recherchieren – und bin fast vom Stuhl gefallen: Die Forschung kennt das längst. Jeder Dritte, der mit irgendwelchen Abhängigkeiten kämpft, und jeder vierte Alkoholiker*in hat eigentlich ein darunterliegendes ADHS. Der Alkohol wird also unbewusst als „Medikament“ genutzt; er triggert das bei ADHS sehr fragile Dopaminsystem. Er ist ein „Quick Fix“; gleichzeitig „zerschießt“ Alkohol aber die Gehirnchemie, darum wird es auch so schwer, da wieder rauszukommen.
War es für Sie beide ein großer Schritt, an die Öffentlichkeit zu gehen? Spielt Scham eine Rolle?
Lisa Guzek: ADHS ist ein Spektrum; je mehr Stimmen in der Öffentlichkeit dazukommen, desto besser, damit sich jeder irgendwie wiederfinden kann. Scham habe ich nie gespürt. Das wäre so, als würde ich mich für Kurzsichtigkeit oder Diabetes schämen.
Gaby Guzek: Es ist ganz wichtig, dass ADHS jegliches Stigma verliert – und so sehe ich das auch bei der Alkoholsucht. Wenn du diese als neurobiologischen Vorgang begreifst, erledigt sich das Thema Schuld und Scham ohnehin komplett von selber.
Im Buch gehen Sie auch auf Nikotin, Cannabis, Koks und stoffungebundene Süchte ein. Wenn wir hier einmal bei Alkohol bleiben: Würden Sie sagen: „Finger weg bei ADHS!“?
Gaby Guzek: Im Körper selbst wirkt Alkohol nicht anders als bei anderen; er steht in einer Risikoklasse mit Asbest (bei der Liste der krebserregenden Substanzen, Anm.), mehr muss ich dazu nicht sagen. Wichtig ist, dass Menschen mit ADHS sich über das größere Risiko, darin kleben zu bleiben, bewusst sind. Wir richten im Buch auch einen Appell an die Eltern, die ein diagnostiziertes Kind haben: Sprecht mit ihnen darüber, alle Jugendlichen experimentieren irgendwann mit Alkohol, aber sie müssen wissen, dass sie damit ein höheres Risiko fahren.
Lisa Guzek: Seit der Diagnose trinke ich fast gar nichts, vielleicht ein Glas, wenn ich mit Freund*innen fortgehe.
Insbesondere in den Sozialen Medien wird viel über ADHS gesprochen. Halten Sie das für eine gute Entwicklung?
Gaby Guzek: Ja, aber die Tendenz, ADHS schönzureden, und wenn man sie eine Superpower nennt, sehe ich sehr kritisch. Das assoziative Denken und der Hyperfokus (die „guten“ Seiten, Anm.) sind coole Dinge, auch mal eine Sache in zwölf Stunden fertig zu kriegen, wofür andere drei Wochen brauchen. Aber der Preis dafür ist sehr hoch.
Lisa Guzek: Die Lebenserwartung kann um bis zu zehn Jahren schrumpfen. Aber nicht aus organischen Gründen, sondern etwa durch riskantes Verhalten oder Substanzmissbrauch. Unbehandelte ADHSler*innen leiden oft unter Depressionen und Angststörungen, die Scheidungs- und auch die Suizidrate sind höher. Laut einer jüngeren Studie begeht eine von vier Frauen mit ADHS im Verlauf ihres Lebens einen Selbstmordversuch.
Gaby Guzek: Eines der traurigsten Dinge ist oft – das kennt Lisa aus den Selbsthilfegruppen –, wenn die Erkenntnis kommt, dass ADHS hinter langjährigen Problemen steckt, und die Frage: Wie hätte mein Leben laufen können, wenn ich das früher gewusst hätte?
Lisa Guzek: Darum sagen wir klar: Wer den Verdacht hat, sollte sich testen lassen. Im Idealfall informiert man sich über gute Fachleute in Selbsthilfegruppen, die gibt es auch online.

Anmerkung: Eine ADHS-Diagnose können Psycholog*innen und Psychiater*innen stellen; Medikamente werden ausschließlich von Fachärzt*innen verschrieben.
Abweichendes System
Dopamin ist ein Nervenbotenstoff (Neurotransmitter) und spielt eine wichtige Rolle bei Motivation, Belohnung, Lernen und Aufmerksamkeit. Bei Menschen mit ADHS ist vor allem das Dopaminsystem anders reguliert, aber auch andere Nervenbotenstoffe wie etwa Noradrenalin sind in ihrer Funktion betroffen.
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