Fünf Frauen von hinten auf einer Wiese

Von Frau zu Frau: Ein Generationengespräch über das Frausein

Vier Frauen, vier Generationen, ein Thema

8 Min.

© Pexels/ Anna Shvets

Vier Frauen sitzen an einem Tisch. Sie sind 21, 41, 52 und 63 Jahre alt – vier Generationen, vier Lebensphasen, vier unterschiedliche Zugänge zu dem, was sie verbindet: das Frausein. Zwischen Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Erwartungen, Körperbildern, Beziehungen und Karrieren verläuft ein Spannungsfeld, das sich über Generationen von Frauen hinweg verändert hat und doch verbindet. Denn obwohl zwischen ihnen Jahrzehnte liegen, taucht ein Thema immer wieder auf: Wie hat sich das Leben als Frau verändert? Ein ehrliches Gespräch über neue Freiheiten und alten Druck, der heute manchmal fern scheint und doch vertrauter ist, als man denkt.

Feminismus: Begriff trifft Haltung

Ob single oder vergeben, ob Vollzeitjob, in Ausbildung oder in Pension – die Lebensrealitäten der vier Frauen unterscheiden sich grundlegend. Und doch werden alle am Tisch bei der Erwähnung eines einzigen Wortes hellhörig: Feminismus. Der Begriff stellt zwischen den Generationen keinen Widerspruch dar, sondern vielmehr eine Verschiebung. Für die einen ein Label, das selbstverständlich dazugehört, für die anderen eher ein später Begriff für etwas, das man lange einfach gelebt hat.

Die vier Frauen sitzen an einem Tisch
© WIENERIN

Würdet ihr euch selbst als Feministin bezeichnen und wie hat sich das im Laufe eures Lebens verändert?

Olivia (21): „Ja, ich bin Feministin, aber ich weiß nicht, seit wann ich mich damit beschäftige. Da es so ein großes Thema auf Social Media und in meinem Umfeld ist, trägt es einen schon früh in diese Richtung.“

Sonja (41): „Also ich sehe mich als volle Feministin, schon seit meinem Jugendalter.“

Monika (52): „Ich wäre ehrlich gesagt gern mehr Feministin. Also ich habe manchmal das Gefühl, dass ich noch viel zu sehr in diesen alten Rollenbildern verankert bin.“

Christine (63): „Ich bin in den 1970er-Jahren am Land aufgewachsen, da war Feminismus überhaupt kein Thema. Wir haben gar nicht gewusst, wie man „Feminismus“ schreibt. Ich habe aber schon damals unbewusst als Feministin gelebt.“

Mental Workload: Alles im Kopf, alles im Griff

Wenn das Gespräch über den Begriff in den Alltag kippt, wird es konkreter und zugleich widersprüchlicher. Denn was passiert, wenn diese Überzeugungen auf Gefühle treffen? Wenn Gleichberechtigung nicht nur politisch, sondern auch in der eigenen Beziehung verhandelt werden muss? Unsere Gesprächspartnerinnen sind sich einig: Sie wollen keine klassische geschlechtliche Rollenverteilung à la „Die Frauen stehen in der Küche, die Männer gehen arbeiten“. Doch partnerschaftliche Gleichberechtigung greift weitaus tiefer und kann subtilere Formen der unfairen Arbeitsaufteilung annehmen. Es geht nicht nur darum, wer öfter die Wäsche aufhängt oder die Wohnung putzt, sondern darum, wer daran denkt. Die Frauen stellen fest, dass meistens sie das Familienmanagement übernehmen und betonen, dass dies, seit sie Kinder haben, sogar verstärkt wurde.

Doch ist das wirklich so? Olivia, die Jüngste in der Runde, ist noch nicht Mutter. Dennoch erkennt auch sie Muster der geschlechtlichen Rollenverteilung in ihrer vergangenen Beziehung. Die Sorgearbeit sowie der „mentale Workload“ – das Planen, Organisieren und Übernehmen von Verantwortung – lastet in vielen heterosexuellen Beziehungen heute immer noch auf Frauen, bestätigt auch Politikwissenschaftlerin und Genderforscherin Gundula Ludwig. Doch worauf basiert diese Arbeitsaufteilung? Darauf, dass Frauen Haushaltsaufgaben besser machen? Termine eher im Kopf haben? Den Schmutz eher sehen? Ludwig verneint diese Fragen: „Dass Frauen empirisch gesehen bessere organisatorische Fähigkeiten in Bezug auf die Ausübung von Sorgearbeit haben, ist nicht angeboren, sondern Resultat von geschlechtsspezifischer Sozialisation.“

Generationen müssen sich voneinander abgrenzen, das ist der Lauf der Ontologie. Und das ist gut so.

Ulrike Weish, Medienwissenschaftlerin und Universitätslektorin

Zwischen Kind und Karriere

Frauen können heute alles sein: erfolgreich, unabhängig, berufstätig und zugleich familienorientiert. Zumindest theoretisch. Denn obwohl – oder gerade weil – sich die beruflichen Möglichkeiten für viele Frauen erweitert haben, bleibt oft das Gefühl, mehreren Rollen gleichzeitig gerecht werden zu müssen: Erfolgreich im Beruf, präsent in der Familie und das alles mit jeder Menge Leichtigkeit. Obwohl der Anteil von Frauen in Ausbildung und Erwerbstätigkeit enorm gestiegen ist, „verdienen Frauen nach wie vor weniger bei gleicher Tätigkeit, arbeiten in Österreich überwiegend in Teilzeit, erledigen mehr unbezahlte Arbeit für die Familie und sind daher später auch von Altersarmut und einem Pensionsgap betroffen“, betont Ulrike Weish, Medienwissenschaftlerin und Lektorin unter anderem im Bereich Gender Studies an der Universität Wien. Die finanzielle Abhängigkeit von Partnern sei dabei weiterhin hoch und stütze ein altes Rollenbild.

Habt oder hattet ihr das Gefühl, dass ihr euch zwischen Beruf und Privatleben entscheiden musstet?

Sonja (41): „Ich habe immer das Gefühl, ich bin in beidem nicht gut genug. Ich glaube nicht einmal, dass ich eine Wahl hatte. Ich muss beides machen. Ich wollte immer Kinder haben, habe aber auch immer gesagt, ich will einmal einen Beruf haben und nicht von einem Mann abhängig sein.“

Monika (52): „Also ich musste mich nicht entscheiden, eigentlich. Aber ich hatte oft Schuldgefühle, dass ich mich zu wenig um meine Kinder kümmere – obwohl sie ja bei ihrem Papa waren.“

Christine (63): „Das stimmt. Ich konnte alles machen, aber ein schlechtes Gefühl habe ich deswegen bis heute.“

Olivia (21): „Ich denke, man kann beides haben, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent, so wie man es sich wünscht. Aber man sieht an vielen Beispielen, dass beides gut möglich ist.“

Ein patriarchaler Widerspruch

Gundula Ludwig erkennt hier ein Muster, das viele Frauen im Alltag erleben: Frauen werden nach wie vor stärker auf Fürsorge, Verantwortung und Empathie sozialisiert als Männer. Genau das prägt Erwartungen bis heute. Oft gilt: Frauen sollen sich kümmern, mitdenken, ihre Bedürfnisse hintenanstellen. Und genau hier entsteht ein Widerspruch, der ebendieses Schuldgefühl vieler Frauen erklärt: „Denn eine Gesellschaft, die kapitalistisch und patriarchal strukturiert ist, ist immer eine Gesellschaft, die nicht ausreichend sorgen kann. Diesen grundlegenden Widerspruch versuchen viele Frauen in ihrem alltäglichen Leben auszugleichen, oftmals gar nicht bewusst“, so die Expertin.

Schön genug?

Kaum ein Bereich zeigt den Wandel und die Widersprüche von Idealen so deutlich wie der Blick auf den eigenen Körper. Während ältere Generationen mit starren Schönheitsidealen aufgewachsen sind, scheint heute vieles offener. Body Positivity, Selbstliebe, Diversität – unzählige Videos zu diesen Schlagwörtern kursieren im Internet. Und trotzdem: Der Druck ist nicht verschwunden. Er hat sich nur verändert.

Gerade im Vergleich zwischen den Generationen zeigt sich, wie schnell sich Ideale ändern können: Während für Monika (Generation X) über Jahre hinweg vor allem ein Ideal dominierte – möglichst dünn zu sein –, erlebt die Generation Z Körpertrends deutlich schnelllebiger. Innerhalb weniger Jahre wandelt sich das Schönheitsideal von sehr schlank hin zu kurvig und wieder zurück. Dahinter steckt vor allem ein Wandel in der Medienrealität: Die Generation Z ist die erste Generation, die nicht mit Zeitschriften, sondern mit sozialen Medien aufgewachsen ist. Schönheitsideale kommen heute nicht mehr einmal im Monat auf einem Magazincover, sondern begegnen jungen Frauen tagtäglich auf Instagram, TikTok & Co. Dadurch wird auch das Körperbild ständig neu verhandelt und damit auch die Frage, welchem Ideal Frauen entsprechen sollen. Gleichzeitig könne der Austausch über körperliche Diversität in den sozialen Medien Einsamkeit und Sprachlosigkeit lindern und den Austausch von Menschen fördern, betont Ulrike Weish.

Egal, wie alt man ist, man sollte immer mutig bleiben, denn es ist nie zu spät, etwas zu verändern.

Olivia (21)

Gestern, heute, morgen

Jede Generation ist mit eigenen Vorstellungen vom Frausein aufgewachsen, geprägt von unterschiedlichen Rollenbildern und Erwartungen. Genau diese Unterschiede sorgen im Generationengespräch immer wieder für Überraschung und Unverständnis, machen den Austausch gleichzeitig aber umso wertvoller. Denn problematisch wären laut Gundula Ludwig nicht die Konflikte per se, sondern vielmehr, wenn das Voneinander-Lernen nicht gegeben wäre.

Was versteht ihr manchmal vielleicht nicht ganz an anderen Generationen?

Monika (52): „Manchmal denke ich mir bei der jüngeren Generation schon, sie übertreiben es ein bisschen. Dass bei jeder netten Handlung hineininterpretiert wird, dass der Mann ihnen das nicht allein zutraut, kann ich nicht ganz nachvollziehen.“

Olivia (21): „Ich habe das Gefühl, ältere Personen in meinem Umfeld sagen mir immer, was ich alles tun kann und was sie alles tun wollen würden, machen es aber selbst nicht, aus Angst, dass es schon zu spät ist.“

Christine (63): „Ich sehe bei meiner Tochter schon eine andere Herangehensweise, als das bei mir war. Aber ich beneide sie nicht. Ich glaube, da habe ich es in meinen 30ern viel leichter gehabt. Die heutige Generation hat so viele Sachen, die sie erfüllen muss.“

Sonja (41): „Ich bin ja mit 41 genau in der Mitte. Deshalb habe ich das Gefühl, ich kann mich in alle ein bisschen hineinversetzen.“

Was bleibt

Am Ende steht keine gemeinsame Definition davon, was es heißt, eine Frau zu sein. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Denn was sich durch alle Stimmen zieht, ist weniger Einigkeit als gegenseitiges Erkennen. Die jüngeren Frauen erkennen in den älteren den Mut, aus traditionellen Rollenbildern ausgebrochen zu sein. Die älteren wiederum sehen in den jüngeren Frauen eine Selbstbestimmtheit, die ihnen selbst oft gefehlt hat. Vielleicht liegt genau darin die Verbindung zwischen den Generationen: nicht im gleichen Weg, sondern darin, dass jede von ihnen diesen auf ihre eigene Weise geht.

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