Helga Mahrer: Frau schreibt eine To-Do-Liste

Helga Mahrer: Wenn selbst Entspannung stresst

Wie wir Stress abbauen, innere Ruhe finden und echte Entspannung lernen.

5 Min.

© KI generiert mit ChatGPT

Wir funktionieren, organisieren, erledigen – und selbst die Entspannung landet oft noch als weiterer Punkt auf unserer To-Do-Liste. Doch wer ständig leistet, verlernt irgendwann, auf die Signale des eigenen Körpers zu hören. Verspannungen, innere Unruhe oder Erschöpfung können Hinweise darauf sein, dass es Zeit ist, innezuhalten.

Auch Helga Mahrer hat in ihrem Leben einen grundlegenden Kurswechsel vollzogen. Nach mehr als 20 Jahren in der Bankenbranche tauschte sie Finanzkonto gegen Gefühlskonto und folgte ihrer Berufung. Heute begleitet die Linzer Therapeutin Menschen mit Shiatsu, Mentalem Training, Yoga und Breathwork dabei, Körper und Geist wieder in Einklang zu bringen. Im Interview erklärt sie, warum echte Erholung nicht mit einer weiteren abgehakten Atemübung beginnt – sondern damit, wieder auf sich selbst zu hören.

DIE LINZER THERAPEUTIN IM INTERVIEW

Frau Mahrer, Sie verbinden Persönlichkeit und Körper. Warum gehören mentale und körperliche Gesundheit zusammen?
Weil sie sich ständig gegenseitig beeinflussen. Unsere Gedanken existieren nicht losgelöst, sondern wirken unmittelbar auf unseren Körper. Denken ist Energie in Bewegung. Positive Gedanken können Leichtigkeit erzeugen, belastende Gedanken machen sich oft körperlich bemerkbar – durch Anspannung, Schwere oder Erschöpfung. Deshalb reicht es aus meiner Sicht nicht, nur am Mentalen zu arbeiten. Der Körper muss immer mit einbezogen werden. Erst durch diese Verbindung können Veränderungen nachhaltig spürbar werden.

Wie können Menschen im Alltag oder Beruf davon profitieren?
Viele glauben, sie müssten im Außen etwas verändern, um innerlich stärker zu werden. Dabei beginnt alles bei uns selbst. Es geht darum, innere Stabilität aufzubauen und bewusst mit der eigenen Atmung und dem Körper in Kontakt zu kommen. Gerade im Berufsleben hilft mentale Vorbereitung enorm. Wer weiß, dass ein wichtiges Meeting bevorsteht, kann sich – ähnlich wie Spitzensportler vor einem Wettkampf – innerlich darauf einstellen und sich vorstellen, wie er die Situation erleben möchte. Gedanken beeinflussen schließlich auch unsere Gefühle und unser Auftreten.

Helga Mahrer
© Elisabeth Lechner

Mit welchen Problemen kommen Klientinnen und Klienten zu Ihnen?
Die meisten Menschen kommen erst, wenn der Leidensdruck groß geworden ist. Häufig sind es körperliche Beschwerden wie Verspannungen, Migräne, Panikattacken oder anhaltende Unruhe. Viele fühlen sich erschöpft, funktionieren nur noch und haben das Gefühl, den Anforderungen des Alltags nicht mehr gerecht zu werden. Andere suchen eine ergänzende Unterstützung zur Schulmedizin oder leiden unter hormonellen Veränderungen, etwa in den Wechseljahren. Auch chronische Schmerzen, die trotz vieler Therapien immer wiederkehren, sind ein Thema. Oft zeigt der Körper etwas auf, das tiefer liegt. Schulterschmerzen können beispielsweise auch die Frage aufwerfen: Was trage ich eigentlich alles auf meinen Schultern?

Viele Menschen stehen ständig unter Spannung. Welche Rolle spielt Berührung dabei?
Berührung kann unglaublich viel bewirken. Schon ein Gespräch kann berühren, doch die Körperarbeit geht noch einen Schritt weiter. Viele erleben bei einer Shiatsu-Behandlung zum ersten Mal seit Langem, dass sie einfach nur liegen dürfen und nichts leisten müssen. Dieses Gefühl, gehalten zu werden, bringt das Nervensystem zur Ruhe, vertieft die Atmung und lässt den Körper entspannen. Für mich ist Shiatsu eine Form der Kommunikation ohne Worte. Über Berührung wird spürbar, wo Spannungen sitzen und wo das innere Gleichgewicht verloren gegangen ist.

Ist Shiatsu auch für Kinder geeignet?
Gerade Kinder reagieren oft besonders schnell darauf. Wichtig ist mir auch immer, ihr Umfeld mit einzubeziehen – denn häufig profitiert die ganze Familie von mehr Ruhe und einem besseren Miteinander. Kinder lernen vor allem durch das, was wir ihnen vorleben.

Womit stehen wir uns selbst am häufigsten im Weg?
Wir leben in einer Zeit, in der alles möglichst schnell gehen soll. Geduld ist fast zu einem Luxus geworden. Viele Menschen machen sogar Entspannung zur nächsten Aufgabe auf ihrer To-do-Liste. Doch echte Erholung entsteht nicht dadurch, dass wir schnell noch eine Atemübung abhaken. Es geht darum, wirklich innezuhalten und sich ehrlich zu fragen: Wie geht es mir gerade? Oft suchen wir nach der einen Methode, die alles löst, obwohl wir nur lernen müssten, wieder auf uns selbst zu hören.

Was kann man selbst tun, wenn einem alles zu viel wird?
Ein Spaziergang ohne Handy oder ein paar bewusste Atemzüge können bereits viel bewirken. Wichtig ist aber, den Kopf mitzunehmen. Wenn wir Entspannung nur als Pflichtprogramm sehen, wird sie nicht wirken. Ich arbeite gerne mit dem Bild, dass nicht der ganze Mensch erschöpft oder traurig ist, sondern nur ein Teil von ihm. Dieses Bewusstsein nimmt Druck heraus.
 

WAS MÖCHTE MEIN KÖRPER MIR SAGEN?

Körperempfindungen können Hinweise auf innere Themen sein. Sie ersetzen keine medizinische Diagnose, laden aber dazu ein, achtsamer hinzuspüren. Diese Impulse sind Einladungen zum Innehalten – nicht zum Bewerten. „Manchmal beginnt Veränderung mit einer einfachen Frage an sich selbst“, so Helga Mahrer.

Körperbereich           Mögliche Botschaft

  • Kopf                             Bin ich zu sehr im Denken und zu wenig im Spüren?
  • Augen                          Was möchte ich sehen – oder lieber vermeiden?
  • Kiefer                           Halte ich etwas fest? Beiße ich mich durch?
  • Hals                              Spreche ich aus, was mir wichtig ist?
  • Nacken                        Trage ich zu viel Verantwortung?
  • Schultern                     Welche Last schultere ich – vielleicht schon zu lange?
  • Brustkorb                     Fühle ich Enge oder Weite? Kann ich frei atmen?
  • Herzraum                     Bin ich mit mir und anderen verbunden?
  • Atem                            Lasse ich das Leben fließen oder halte ich unbewusst an?
  • Bauch                           Was sagt mir meine Intuition? Fühle ich mich in meiner Mitte?
  • Solarplexus                  Wie steht es um meinen Selbstwert und meine innere Kraft?
  • Becken                         Bin ich gut geerdet und mit meiner Lebensenergie verbunden?
  • Rücken                         Fühle ich mich getragen – oder trage ich alles allein?
  • Hände                          Wo möchte ich handeln, loslassen oder annehmen?
  • Beine                            Gehe ich meinen eigenen Weg?
  • Füße                             Wie gut bin ich im Leben verwurzelt?

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