Hike statt Hangover: Was hinter dem Wandertrend der jungen Generation steckt
Der Kater ist out, der Gipfel ist in
© Pexels/ Gianluca Grisentig
Früher bedeutete Wochenende für viele junge Leute: laute Musik, zu viele Drinks und zu wenig Schlaf. Heute klingelt um fünf Uhr morgens der Wecker – freiwillig. Nicht für den Flug nach Ibiza, sondern für den Aufstieg zum Gipfel. Es ist einer von vielen Clips, die derzeit nach einem ähnlichen Muster durch Instagram-Feeds laufen: Sonnenaufgang am Berg, ein Zelt mitten in der menschenleeren Natur und Kaffee aus der Thermoskanne. Alles wirkt mühelos und reduziert, als wäre innere Ruhe nur eine Wanderung entfernt.
Genau dieser Trend wirft Fragen auf: Warum zieht es so viele junge Menschen plötzlich aus der Stadt in die Berge? Wie viel von diesem ästhetischen Natur-Lifestyle entspricht tatsächlich der Realität? Und warum wird das Offline-Sein dann online gestellt?

Wandern, aber bitte ästhetisch
Noch vor wenigen Jahren galten Wanderurlaube als etwas, das man mit den Eltern machte. Heute gehören Bergtouren, Trekkingschuhe und Outdoorjacken zum Lifestyle einer Generation, die das Wandern neu für sich entdeckt hat. Statt Strandfotos und Festivalbändchen landen nun Hüttentouren und Bergseen im Feed – ein erfrischender Anblick im sonst oft so konsumorientierten Algorithmus. Und dennoch: Selbst dort, wo eigentlich nichts mehr sein sollte außer Natur, spielt plötzlich wieder das richtige Outfit eine Rolle: Arc’teryx Mütze und schnelle Brille sind die neuen Must-haves. Der Weg auf den Berg ist zum Erlebnis geworden – und manchmal auch zur Inszenierung.
Emma Strasser, die auf Social Media Wander-Content teilt, beobachtet eine zunehmende Romantisierung des Wanderns. Die Videos würden oftmals nur einen kleinen Ausschnitt der Realität zeigen und anspruchsvolle Bergtouren deutlich einfacher wirken lassen. Außerdem: Obwohl in den Videos teilweise kein Mensch zu sehen ist, steht man in der Realität oft Schlange.
Denn die „Geheimtipps“ sind schon lange mehr Tipps als geheim. Ausgebuchte Berghütten und überfüllte Wege können bei Wander-Hotspots – wie beispielsweise in den Dolomiten – durchaus vorkommen. „Oftmals sind es genau solche Beiträge, die viral gehen und dann auch Zielgruppen anziehen, die vielleicht nicht so umweltbewusst und naturliebend sind“, so Emma Strasser.
Outdoor-Bloggerin Kathrin Heckmann beobachtet jedoch eine Online-Bewegung weg vom Hochglanz-Content und hin zu mehr Authentizität. Auch das sogenannte „Geotagging“ – das Preisgeben exakter Locations – wird mittlerweile kritisch betrachtet. Ihr großer Appell: „Beschäftigt euch mit den 7 Prinzipien von ‚Leave No Trace‘.“ So positiv die beiden Content-Creatorinnen die zunehmende Beliebtheit des Wanderns bei jungen Menschen bewerten, so bewusst sind sie sich auch ihrer Verantwortung beim Teilen solcher Inhalte. Denn zwischen den perfekt inszenierten Momenten und der Realität am Berg liegt eine Lücke, die oft unterschätzt wird.
Wandern ist nicht nur ein Social Media Trend, sondern vor allem ein realer Trend – und das ist auch gut so.
Dr.in Simone Radl, Landesleiterstellvertreterin der Bergrettung Niederösterreich/Wien
Realität am Berg
Dass viele junge Menschen vermehrt ihren Platz in der Natur finden, ist ein inspirierender Gegenentwurf zum digitalen Zeitalter. Nichtsdestotrotz sehen vor allem jene Personen, die im Ernstfall vor Ort sind, die Folgen des Trends. Die Bergrettung Niederösterreich/Wien berichtet von einem Anstieg der Einsätze um knapp dreißig Prozent in den vergangenen zehn Jahren; 2025 war mit über 800 Einsätzen ein Rekordjahr. Die häufigsten Ursachen: schlechte Vorbereitung, fehlende Ausrüstung, Selbstüberschätzung und Erschöpfung.
„Gerade Social Media vermittelt häufig den Eindruck, dass alpine Touren spontan und ohne Vorbereitung machbar sind. Das ist gefährlich, und daher appellieren wir von der Bergrettung auch an die Eigenverantwortung“, so Dr.in Simone Radl, Landesleiterstellvertreterin der Bergrettung Niederösterreich/Wien. Gute Vorbereitung und Selbsteinschätzung seien dabei die beste Unfallprävention.

Generation Offline?
Während Bildschirmzeiten steigen und Nachrichten im Minutentakt aufscheinen, suchen viele junge Menschen genau dort Zuflucht, wo das Handy oft keinen Empfang mehr hat. Das scheint auf den ersten Blick zwar widersprüchlich, tatsächlich passt dieses Phänomen jedoch gut zur Gegenwart.
Junge Menschen sind in ihrem Alltag einer ständigen Informationsflut ausgesetzt. Gleichzeitig gewinnen Themen wie mentale Gesundheit, Achtsamkeit und Selbstfürsorge zunehmend an Bedeutung. Wandern vereint vieles davon: Bewegung, Natur, Entschleunigung und Abstand von der permanenten Erreichbarkeit – ein Gegenentwurf zum digitalen Alltag.
Außerdem sieht Emma Strasser einen Zusammenhang mit dem generellen Digital-Detox-Trend und dem ruhigen Leben abseits des Stadtstresses. Womöglich hat sich aber auch die Vorstellung von Freizeit und Erholung verändert. Vielleicht bedeutet Abschalten mittlerweile nicht mehr eine Clubnacht, sondern eine Bergwanderung.
Die Rolle der sozialen Medien darf dabei dennoch nicht unterschätzt werden, denn schlussendlich ist Wandern aktuell ein Trend. Und wie das bei Trends eben so ist: Man wird dazu inspiriert, sie selbst auszuprobieren, man möchte dazugehören. „Ich denke, dass der aktuelle Hiking-Trend neben dem Wunsch, Stress zu entfliehen, stark mit dem Gefühl von Zugehörigkeit zusammenhängt. Junge Leute suchen vielleicht nach einem Hobby, das herausfordernd ist und gleichzeitig erdet“, so Emma Strasser.
So sehr der Hiking-Trend mit Digital Detox verbunden wird, ganz ohne Smartphone kommt er selten aus. Routen werden gefilmt, Bilder geschossen, Reels gepostet. Die Berge sind dabei Teil einer interessanten Ambivalenz: Sie dienen als Rückzugsort aus der digitalen Welt und gleichzeitig als Kulisse für sie. Das Offline-Sein wird online sichtbar gemacht. Dass junge Menschen wieder einen Zugang zur Natur finden, bewertet auch Kathrin Heckmann grundsätzlich als positiv. Wichtig sei jedoch, dies nicht für ein schönes Bild zu tun, sondern für sich selbst. Um den kleinen Dingen in dieser schnelllebigen Welt Beachtung zu schenken und das echte Leben abseits einer Welt voller Social-Media-Beiträge wahrzunehmen.
Die Natur soll nicht noch ein Ort werden, an dem man sich vergleicht, konkurriert oder Druck macht.
Emma Strasser, Content-Creatorin
Keep it simple
Auf Social Media sieht man häufig anspruchsvolle Mehrtagestouren – ob in den Dolomiten, den Lofoten oder an der Küste Portugals. Doch man muss nicht weit reisen, um Abstand zum Alltag zu gewinnen. Gerade in Österreich, wo die Berge vor der Tür stehen, kann schon ein Tagesausflug den Energiespeicher auffüllen. Vielleicht ist der Hausberg zwar nicht der beste Fotospot, doch was eigentlich zählt, liefert er dennoch: Auszeit.
Wandern kann und darf auch einfach gestaltet werden, genau das ist doch eigentlich das Schöne daran: eine niederschwellige und nachhaltige Alternative für Kurzurlaube, die in ihrer Einfachheit Mehrwert gibt.
„When thoughts get too big
… go somewhere you feel small“ steht in unzähligen Wandervideos geschrieben. Ein Satz, der vielleicht die Antwort auf die Frage liefert, warum junge Menschen plötzlich so gerne wandern. Der Wunsch nach Natur ist keine Modeerscheinung. Er ist ein Symptom der heutigen Zeit und Ausdruck einer Generation, die mit digitalen Technologien aufgewachsen ist.
In einer Welt, die immer lauter und schnelllebiger wird, scheint die Stille plötzlich wieder etwas Besonderes zu sein. Vielleicht geht es beim Wandern gar nicht um die Aussicht, sondern vielmehr um etwas, das in einer Welt voller Benachrichtigungen selten geworden ist: einen Ort, an dem niemand etwas von einem will. Einen Ort, der größer ist als die Gedanken im Kopf.
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