© Birgit Ehrenreich
Ich liebe Halloween! Endlich darf ich Kürbisse aushöhlen, Spinnweben verteilen und mir ohne gesellschaftliche Konsequenzen eine Axt durch den Haarreif stecken. Für eine Nacht zeigt sich das Böse so, wie wir es gerne hätten: mit bleichem Gesicht und falschem Blut. Nach der Party wird abgeschminkt und das Monster in der Kostümkiste verstaut – wunderbar unkompliziert.
Im echten Leben hält sich das Böse selten an einen Dresscode. Es trägt keine Hörner, kündigt sich nicht mit Donner an und besitzt mitunter sogar ein gewinnendes Lächeln. Ich glaube, genau das erschreckt uns: Gut und Böse haben keine getrennten Adressen. Beides wohnt in uns, Tür an Tür. Wir können liebevoll und kleinlich sein, großzügig und neidisch, mutig und feige – manchmal alles vor dem ersten Kaffee.
Diese dunklen Winkel gehören zum Menschsein. Entscheidend ist, ob wir andere den Preis dafür zahlen lassen. Jede Dämonensammlung verliert ihren philosophischen Charme, sobald sie einen Menschen verletzt, einschüchtert oder für immer zeichnet.
„Das Gute in uns wird nicht automatisch beleuchtet – es ist eine Entscheidung.“
Wie real das werden kann, erzählt Nicole Dill in dieser Ausgabe. Sie überlebte den Femizidversuch ihres damaligen Partners, eines Mannes, der anfangs freundlich und harmlos wirkte, bevor er seine grausame Seite zeigte. Ihre Geschichte zerstört die beruhigende Vorstellung, das Böse sei an einem Blick, einer Stimme oder an einem schwarzen Umhang erkennbar.
Halloween erinnert mich daran, dass wir unsere Schatten benennen dürfen, über manche lachen dürfen und ihnen für einen Abend Plastikzähne einsetzen können. Im wirklichen Leben beginnt Menschlichkeit dort, wo wir Verantwortung für sie übernehmen. Das Gute in uns wird nicht automatisch beleuchtet. Es ist eine Entscheidung, die wir immer wieder treffen müssen – bestenfalls, bevor jemand anderes in unserer Dunkelheit stehen bleibt.
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