Grafik von einem weiblichen und männlichen Bein, die mit einer Kette und Schloss zusammengeketten sind – plus einer Hand mit Schlüssel, die das Schloss öffnet

Monogame Beziehungen sind kein Auslaufmodell

Psycho-, Paar- und Sexualtherapeutin Ursina Donatsch glaubt: Dieser Trend ist gekommen, um zu bleiben. Die bunte Vielfalt an alternativen Formen kommt „on top“.

8 Min.

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Eine Message vorweg: Hier geht’s nicht um Strategien, um das Fremdgehen zu legitimieren. Ursina Donatsch kennt das aus ihrer Praxis: „Es kommen immer wieder Paare zu mir, bei denen ein Vertrauensbruch stattgefunden hatte und die Idee aufkam: ,Ich möchte die Zweitbeziehung nicht verlieren, da könnten wir doch diese Beziehung öffnen.‘“

Alternative Beziehungsformen werden aktuell zum Trend. Wenn aber etwas das Label „Cool, machen wir das“ bekommt, „ist die Gefahr groß, dass die Achtsamkeit verloren geht“, warnt die Psycho-, Paar- und Sexualtherapeutin. Wenns schiefgeht, ist der Preis hoch: Menschen werden verletzt, Beziehungen scheitern. Und das, obwohl sogenannte konsensuelle nicht-monogame Beziehungen im Kern eine Bereicherung darstellen sollten. Wie das gelingen kann, beschreibt die Schweizerin in ihrem druckfrischen Praxishandbuch für offene Beziehungen und Polyamorie „Verbunden und trotzdem frei“ (Verlag hogrefe).

Sie schreiben: Fremdgehen ist ein absolutes Ausschlusskriterium, um eine Beziehung zu öffnen. Warum?
Ursina Donatsch: Fremdgehen löst bei jedem etwas anderes aus, eines ist klar: Es stellt einen Vertrauensbruch und damit eine Bindungsverletzung dar. Diese Verletzung muss zuerst geheilt werden, man muss sich damit auseinandersetzen; den Vertrauensbruch kann nicht eine offene Beziehung auflösen.

Sie sprechen von einem Trend. Sind monogame Beziehungen ein Auslaufmodell?
Auf keinen Fall. Es ist aber wichtig, die gesellschaftliche Geschichte dahinter zu verstehen. Bis vor ein paar Jahren wäre es rein finanziell – vor allem für eine Frau – kaum anders möglich gewesen, als monogame Beziehungen zu führen. Nicht nur diese Umstände haben sich verändert. Die Diversitätsbewegungen führen auch zu einer gewissen Offenheit; anders zu sein oder zu denken als die Masse wird mehr akzeptiert.

Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch, jedes Paar für sich herausfinden muss, welche Beziehungsform wann passt; es darf unterschiedliche Phasen geben. Es gibt Menschen, die von sich sagen, sie wären polyamor, aber mit Familie mit Kindern würden die Ressourcen fehlen.

Was ist die Voraussetzung für eine konsensuelle nicht-monogame oder polyamore Beziehung?
Die Bereitschaft zur Selbstreflexion: eigene Gefühle erkennen, sie regulieren und darüber reden zu können. Darin gibt es eine große Selbstverantwortung. Nehmen wir als Beispiel Eifersucht: Meine Partnerin hat möglicherweise etwas falsch gemacht, das schließt nicht aus, dass ich auch bei mir schaue, wa­rum ich eifersüchtig bin. Es braucht also Reflexion, Kommunikation – und die zeitlichen Ressourcen dafür.

Was sind die Motive für das Öffnen einer Beziehung?
Es gibt keine guten oder schlechten Motive. Es kann sein, dass sie sexuelle Erfahrungen mit anderen machen möchte, weil sie vielleicht eine bestimmte Vorliebe hat. Sein Motiv kann sein, dass er einfach weitere emotionale Verbindungen in seinem Leben haben möchte. Eine gute Ausgangslage gibt es, wenn die Partner*innen ihre Motive miteinander besprechen können.

Wie gehen Sie vor, wenn eine Seite die Beziehung gerne öffnen möchte, die andere nicht?
Paare kommen oft in einer Patt-­Situation und wir schauen gemeinsam, wie es wieder beweglich wird. Es darf kein Druck entstehen, der jemanden veranlasst, eine nicht-monogame Beziehung einzugehen, nur um seinen Partner*in nicht zu verlieren. Das ist kein Konsens. Wir versuchen gemeinsam zu verstehen, was die Partner*innen brauchen und anbieten können. Das ist ein Prozess.

Ich finde es übrigens besser, von nicht-monogamen Wünschen und Bedürfnissen zu sprechen, anstatt der Vorstellung, monogam oder polyamor zu sein. Jeder hat wahrscheinlich irgendwann im Leben nicht-monogame Bedürfnisse und umgekehrt monogame Wünsche nach Sicherheit, nach Exklusivität. Daher auch mein Buch­titel: „Verbunden und trotzdem frei“.

Wie geht man mit Eifersucht um?
Eifersucht ist ein wichtiges, gesundes Gefühl. Sie hat eine Stimme, wir hören sie nur nicht, wenn Panik ausbricht. Wenn sich die Situation etwas reguliert, ist die Frage interessant: Was ist deine Angst? Was sagt deine Eifersucht? – Es ist immer ein anderes Gefühl darunter. Paare sollten darüber reden, wie sie mit Eifersucht umgehen, und auch hier ist Selbstverantwortung gefragt: Was hat es mit mir zu tun? – Es macht einen Unterschied, ob jemand in jeder Partnerschaft eifersüchtig ist oder nur in der aktuellen.

Portrait einer Frau mit langen blonden Haaren und rotem Lippenstift
Ursina Donatsch © hogrefe Verlag

Niemand sollte eine Beziehung öffnen, nur um den/die Partner*in nicht zu verlieren.
Das ist kein Konsens.

Damit ist man in offenen Formen maximal konfrontiert, häufig geht es dabei um den Selbstwert. Das ist in monogamen Beziehungen nicht anders, nur geht es in deren „Regelraster“ oft unter. Die Investition in den Selbstwert, auch in die sexuelle Selbstsicherheit, ist besonders in konsensuellen nicht-monogamen Beziehungen ein wichtiger Teil der Entwicklungsarbeit. Auch das ist ein Prozess, der Selbstwert ist nicht etwas, das man irgendwann erledigt hat.

Welchen Stellenwert hat Sex?
Bei der Beziehungsöffnung einen wichtigen, bei der Polyamorie verhält sich das ein bisschen anders. Auch wenn die Sexualität klar im Vordergrund steht, ist es empfehlenswert, auch hier dahinterzuschauen, weil der Sex für alle Menschen eine andere Bedeutung hat. Nicht immer geht es um Erregung und Orgasmus, sondern oft um emotionale Nähe.

Wie sieht es mit Treue und Ehrlichkeit aus?
Es ist ein bisschen gefährlich zu sagen, Treue sei in der Monogamie klar definiert, wo doch das Fremdgehen unterschiedlich interpretiert wird. Ich bin erstaunt, wie wenig sich oft monogame Paare mit diesem Thema auseinandersetzen. In den konsensuellen nicht-monogamen Beziehungen bedeutet Treue: Vertrauen, sich selbst – und den Vereinbarungen, dem Konsens – treu zu sein.

Und Ehrlichkeit bedeutet vor allem: nicht lügen. Der Begriff wird oft mit Transparenz verwechselt. – Die Person, die sozusagen „daheim bleibt“, muss sich selber entscheiden, wie viel sie von den Erlebnissen des/der Partner*in hören will. Die Antwort ist auch von der Situation abhängig: Wie geht es mir? Wie sind gerade meine Aktivitäten im Außen?

Regeln und Vereinbarungen können ein Rahmen sein, aber man kann auch sagen: Wenn der Boden unserer Beziehung Vertrauen und Transparenz sind, wollen wir statt Regeln nicht lieber immer wieder beim anderen einchecken, um über Gefühle, Wünsche und mögliche Unsicherheiten zu sprechen?

Wie viel erzählt man Kindern?
Da gibt es je nach Alter sehr große Unterschiede, darum widme ich dem ein eigenes Kapitel. Ganz allgemein: So wenig Informationen wie möglich, insbesondere wenn es um offene Beziehungen geht. Für Kinder sind die sexuellen Aktivitäten der Eltern überfordernd.

Wenn es sich um polyamore Partnerschaften handelt, die irgendwann auch das Leben oder beispielsweise das Betreuungssystem von Kindern beeinflussen, kann man es so ähnlich gestalten wie nach einer Trennung: Von Dates muss man Kindern nichts erzählen. Wenn es zu einer Beziehung wird, die eine gewisse Verlässlichkeit hat, kann man das tun.

… es sei denn, es ist mit der Bürde der Geheimhaltung gekoppelt, oder?
Ich bremse Paare diesbezüglich insgesamt, meine Empfehlung ist, sich gut zu überlegen, wem was erzählt wird. Man kann der besten Freundin sagen: „Ich vertraue darauf, dass du das für dich behältst.“ Erwachsene können das, Kindern würde ich so etwas nicht aufhalsen.

Grundsätzlich ist es eine sehr persönliche Entscheidung und man ist niemandem eine Information schuldig. Noch gibt es viel Unverständnis für konsensuelle nicht-monogame oder poly­amore Beziehungen, das wird in 20 und 40 Jahren anders sein.

Alternative Formen und Varianten

  • Offene Beziehung: Sexuelle Beziehungen außerhalb der Paarbeziehung sind erlaubt, die emotionale Bindung bleibt in der Regel exklusiv.
  • Polyamorie: Es bestehen mehrere romantische Liebesbeziehungen gleichzeitig, wobei alle Beteiligten informiert und einverstanden sind. Es gibt eine Reihe von Varianten, je nachdem, wie die Paarkonstellationen ausgestaltet werden. Häufig gibt es eine Primärbeziehung mit einem/einer Partner*in, mit dem/der man auch Zuhause und Familie hat, und parallel sekundäre oder tertiäre Beziehungen.
  • Beziehungsanarchie: Jegliche Reihung oder Kategorisierung wird aufgelöst, romantische, freundschaftliche und familiäre Beziehungen gelten als gleichwertig.
  • Polygamie steht für die Ehe mit mehreren Partner*innen und ist in vielen Ländern (auch Österreich) verboten.
  • Swinging ist eine Form der konsensuellen Nicht-Monogamie: Paare gehen sexuelle Interaktionen mit anderen Menschen ein, häufig bei speziell organisierten Veranstaltungen und basierend auf klaren Absprachen.
  • Vee ist eine Beziehungskonstellation im Rahmen der Polyamorie, in der eine Person zwei separate Beziehungen führt. Die beiden anderen Personen sind in keiner Form miteinander verbunden.
  • Triade: In einer Triade sind drei Menschen miteinander romantisch und/oder sexuell miteinander verbunden. Ob diese Beziehungen symmetrisch oder asymmetrisch gelebt werden, liegt an der (vereinbarten) Intensität der Partnerschaften.
  • Quad, SandUhr, Netzwerke: Diese Bezeichnungen stehen für polyamore Beziehungskonstellationen, in die mindestens vier Personen involviert sind, die miteinander verbunden sind. Sie können geschlossen – dabei sind keine Verbindungen außerhalb der Gruppe erlaubt – oder offen gelebt werden.
  • Polyfidelity steht für eine geschlossene Beziehung zwischen mehreren Personen, die romantisch und/oder sexuell miteinander verbunden sind.

Quelle: Ursina Donatsch: „Verbunden und trotzdem frei“, Verlag hogrefe

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