Ein Mann und eine Frau sind mit ihren Gesichter nah beieinander unter blauem Himmel

Warum glückliche Paare immer häufiger auf Beziehungscoaching setzen

Schatz, wir müssen reden

10 Min.

© Pexels/ Cottonbro Studio

Therapie ganz ohne driftigen Grund? Klingt vielleicht ungewöhnlich, ist aber immer häufiger Arbeitsalltag bei Paartherapeut:innen. Denn immerhin könnte man sagen: Warum sollte man abwarten, bis eine tiefgreifende Krise entsteht, und nicht lieber schon vorher an der Paarbeziehung arbeiten, wenn man noch glücklich und einander wohlgesonnen ist?

Beziehung ist Arbeit – das klingt zwar nicht romantisch, ist aber wahr. Und genau hier setzt die Prävention an, die immer häufiger in Anspruch genommen wird.

Definition

Unterscheiden kann man zwischen Paar- und Sexualtherapie, Beziehungsberatung und Beziehungscoaching. Therapie kann nur von lizenzierten Therapeut:innen durchgeführt werden. In der Paartherapie liegt der Hauptfokus auf den Emotionen, wobei man sich ansieht, wie man sich aktuell in der Beziehung fühlt. Dabei kann man auch vergangene „offene Baustellen“ aufarbeiten.

Coaching konzentriert sich vorrangig auf die Entwicklung, wobei Tools erlernt werden, um die Kommunikation zu verbessern, und zu überlegen, wie man als Paar wachsen möchte. Beratung ist lösungsorientiert und behandelt meist ein bestimmtes Problem oder eine bestimmte Thematik innerhalb der Beziehung. Themen könnten beispielsweise Entscheidungsfragen, Neuorientierung oder Veränderungen sein, erklärt Hiina Kanna Smyth, Psychotherapeutin der Wiener Couch.

Paar- und Sexualtherapeutin Anna Beran ergänzt, dass es oftmals ein Zusammenspiel aus all diesen Bereichen sei, die individuell abgesteckt werden. Ein weiterer Aspekt ist die Sexualberatung. „Sie bringt zusätzlich eine wichtige Ebene hinein: Wissensvermittlung. Gerade rund um Sexualität gibt es viele Mythen, Unsicherheiten und falsche Erwartungen. Hier geht es darum, aufzuklären, zu entlasten und neue Perspektiven zu eröffnen“, so Beran.

Was es nicht ist? Beziehungsarbeit ist kein Kommunikationsworkshop. „Viele Paare kommen in die Praxis, und sagen, dass sie an ihrer Kommunikation arbeiten wollen. Obwohl ich verstehe, warum man das sagt oder erwartet, ist dieses Ziel etwas zu abstrakt, weil wir permanent kommunizieren. Wir können nicht nicht kommunizieren. Wir arbeiten eher unter anderem am Kommunikationsstil und -Skills“, so Hiina Kanna Smyth.

Ein Mann und eine Frau umarmen sich lachend auf einer Wiese
© Pexels/Chermiti Mohamed

Quality Control

Je früher man hinschaut, desto besser kann man daran arbeiten, lautet das Motto. Wie sollte man also entscheiden, ob man mit dem oder der Partner:in ein Check-Up mit Außenstehenden braucht? „Wenn Paare wiederkehrende Themen haben, die sich nur schwer lösen lassen, oder wenn sie merken, dass sie gewisse dysfunktionale Verhaltensmuster entwickelt haben. Ich sage immer: Das ist wie ein Immun-Booster gegen ‚Erkältungen‘: Das Gegengift für all jene Gefühle, die nicht-beziehungsfördernd wirken – wie Groll, Angst, Skepsis oder Langeweile – sind Neugier, Leichtigkeit, Verspieltheit und Humor. Präventiv können wir diese Qualitäten in der Paartherapie pflegen, sodass wir gut gewappnet und vorbereitet sind, wenn Konflikte oder schwierige Situationen auftreten“, erklärt Hiina Kanna Smyth.

Anna Beran unterscheidet außerdem zwischen einem Gefühlsupdate, für das man sich explizit Zeit und Raum nimmt – bei ihr sogenannte Beziehungs-Check-Ins – und mehreren Sitzungen, also langfristigen Treffen, und betont: „Die meisten Krisen beginnen nicht laut, sondern leise. Weniger Nähe, mehr Missverständnisse, unterschiedliche Bedürfnisse, oft auch in der Sexualität. Viele Paare bleiben lange im ‚Passt eh‘-Modus, bis es irgendwann nicht mehr passt. Der häufigste Grund dafür ist nicht Gleichgültigkeit, sondern Hoffnung. Hoffnung, dass es sich von selbst wieder einpendelt. Nur passiert genau das in den wenigsten Fällen.“

Kann man also als Paar bedingungslos bereit dafür sein? Theoretisch ja. Wenn beide Partner:innen dafür offen sind und Bereitschaft zeigen, hinzuschauen. Auch wenn man unsicher ist: Aus Skepsis wird schnell Neugier, sobald Vertrauen mit dem oder der Berater:in gegeben ist, weiß Beran. Dann kann es auch schon losgehen: Paare wünschen sich oft mehr Nähe, weniger festgefahrene Konflikte oder eine erfülltere Sexualität. Ein Team sein. Hier kann man ansetzen und zudem den Blick auf das Positive öffnen: Was funktioniert denn schon gut?

Status Quo

Vielleicht haben Sie auch Paare in Ihrem Umfeld, die bereits ein Check-in gewagt haben? Immerhin schätzt Psychotherapeutin Hiina Kanna Smyth, dass etwa 30 bis 40 Prozent ihrer Klient:innen für Beziehungsarbeit präventiv ihre Couch aufsuchen.

„Ich erlebe immer mehr junge Paare, die sehr bewusst in ihre Beziehung investieren, nicht erst, wenn’s brennt, sondern schon davor. Was auffällt, ist viel Wertschätzung, mehr Augenhöhe und eine echte Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig befinden sich viele Männer gerade in einem Wandel ihres Rollenbildes. Sie wollen präsent sein, emotional verfügbar, ein guter Partner und wollen vor allem alles richtig machen. Das Problem: Es hat ihnen nie jemand gezeigt, wie. Wir lernen in der Schule vieles, aber nicht, wie man sich liebt, streitet oder wieder zueinander findet. Genau deshalb holen sich viele Paare heute ganz bewusst Unterstützung. Denn die meisten Beziehungen scheitern nicht an fehlender Liebe, sondern an fehlender Orientierung“, fügt Beran hinzu.

Elternwerden

Stefanie, 33, und Therese, 29, (Namen von der Redaktion geändert) haben mit ihren Partnern ein Beziehungscoaching gewagt. Sie beschreiben ihre Beziehungen jeweils als harmonisch und glücklich – dennoch haben sie sich als Paar dazu entschieden, mit einer Außenstehenden an der Beziehung zu arbeiten. Für Stefanie und ihren Partner Theo hat sich der Alltag jüngst durch die Geburt ihres Sohnes verändert. Häufiger kamen Streitereien auf und die Frage: Welche Eltern wollen wir sein? Was wollen wir unserem Kind vorleben und wie können wir uns dabei nicht verlieren?

„Wir sind seit zehn Jahren zusammen, verheiratet und seit vergangenem Jahr Eltern. Wir haben uns im Alltag nicht die Zeit dafür genommen, diese Fragen zu beantworten. Daher wollten wir uns bewusst zusammensetzen und diese Themen erarbeiten. Ich wollte nicht, dass irgendwann ein so gravierendes Problem entsteht, dass es dann zu spät ist“, erklärt Stefanie. Da ein befreundetes Pärchen ebenfalls ein Coaching absolvierte und davon schwärmte, hätten sie und ihr Ehemann den Entschluss gefasst, es einmal auszuprobieren.

Wir haben nie gelernt, miteinander im Konflikt zu stehen.

Therese

Streiten lernen

Genau so ging es auch Therese und Marco: Nachdem aus dem Freundeskreis jemand vom Beziehungscoaching erzählte, wollte Therese das ebenfalls probieren. „Wir waren vor unserer Beziehung befreundet und hatten nie ein Thema mit Misstrauen oder dergleichen. Wir waren harmonisch und haben uns nie gestritten. Nach ein paar Jahren kam die Herausforderung, dass sich doch immer wieder Diskussionen eingeschlichen haben und wir haben bemerkt, dass wir nie richtig gelernt haben, miteinander im Konflikt zu stehen”, erzählt Therese rückblickend.

Unter anderem wurde ihr bewusst, dass sie insbesondere bei Diskussionen mit Ängsten zu kämpfen hatte und es ihr generell aufgrund diverser Umstände in dieser Lebensphase nicht so gut ging. Paare, die präventiv an der Beziehung arbeiten, eint oft, dass sie eine verbesserte Streitkultur entwickeln, Konfliktlösungen leichter und schneller ermöglichen, die Leidenschaft wieder aktivieren sowie verschiedene Rollen neu überdenken oder anders pflegen wollen. Beispielsweise, wie man das „Eltern-Wir“ und das „Paar-Wir“ balancieren kann, so Hiina Kanna Smyth.

Ein großes Thema können zudem unterschiedliche Lebensvorstellungen sein, die im Alltag sichtbar werden. „Was viele beschreiben, ist eine schleichende emotionale Distanz, dieses Gefühl, nebeneinander zu funktionieren, aber sich nicht mehr wirklich zu erreichen. Und dann sind da noch Themen wie Kinderwunsch, Affairen, mentale Überlastung oder dieses leise, aber ziemlich klare Gefühl: Ich funktioniere gerade mehr, als dass ich wirklich lebe”, so Beran.

Das Fazit

Therese und Stefanie erzählen beide, dass der erste Wunsch der Beziehungsarbeit von ihnen kam und beschreiben, dass es bei ihren Partnern anfangs eine Hemmschwelle gab. Dennoch sind sich beide einig: sie würden es wieder tun und grundsätzlich empfehlen.

„Ich glaube, dass die jüngeren Generationen Therapie gegenüber viel aufgeschlossener sind und sehr viele aufgrund unterschiedlicher Themen schon in Therapie gehen oder gegangen sind. Die Reaktionen bei meinen Freundinnen waren auch nur positiv. Es bleibt natürlich trotzdem die Frage des Geldes, weil man es selbst finanzieren muss. Aber wenn man die Möglichkeit dazu hat und bemerkt, dass sich die Beziehung in irgendeine Richtung verändert, sollte man darüber nachdenken, es auszuprobieren. Selbst wenn man nach einer Sitzung merkt, dass man es eigentlich nicht braucht, ist das doch eine schöne Bestätigung, dass man zusammen auf dem richtigen Weg ist“, so Stefanie abschließend.

Therese und Marco haben das Beziehungscoaching nach einem Jahr positiv beendet, nachdem sie gemeinsam mit ihrer Beraterin beschlossen haben, dass es aktuell keine weiteren Themen zu besprechen gibt.

„Meine Erwartungen an das Coaching waren, dass einfach ein bisschen mehr Verständnis für die Gedankenprozesse und die Denkweise des jeweils anderen hergestellt werden. Dass wir ein paar Tools in die Hand bekommen oder lernen, damit umzugehen, wenn man mal streitet. Wir haben neue Seiten an uns kennengelernt, teilweise hat Marco Dinge so selbstverständlich über unsere Liebe geäußert, die mir so gar nicht bewusst waren. Ich finde wir sind einander durch dieses Coaching sehr viel näher gekommen. Allein die Tatsache, dass man sich einmal im Monat für zwei Stunden die Zeit nimmt, sich mit einer neutralen Person zusammenzusetzen und über Gefühle zu sprechen, war sehr verbindend“, resümiert Therese.

Beziehungen scheitern selten an fehlender Liebe, sondern daran, dass im Alltag der echte Kontakt verloren geht.

Anna Beran, Paartherapeutin

Universelle Beziehungstipps

Was ist, wenn man sich noch nicht bereit fühlt, eine außenstehende Person aufzusuchen, um über die eigene Beziehung und Gefühle zu sprechen? Gibt es allgemeingültige Beziehungstipps der Profis?

„Wir sollten versuchen, einen emotionalen Puffer auf dem Beziehungskonto zu haben, damit wir in einer Konfliktsituation nicht im Minus beginnen müssen. Diese emotionale Rücklage ermöglicht eine wesentlich bessere Differenzierung und Regulierung von Emotionen, die für die Konfliktbewältigung essenziell sind. Man benötigt mindestens fünf positive Erfahrungen, um eine negative Erfahrung auszugleichen. An den eigenen Ressourcen zu arbeiten und diese aktiv zu pflegen, damit sie nicht erschöpft werden, ist deswegen sehr wichtig. Wenn man jedoch faul wird und nichts anderes tut, als ‚Netflix and Chill‘, anstatt bewusst gemeinsame Aktivitäten oder Date-Nights zu planen, verpasst man die Gelegenheit, den Puffer aufzutanken. Regelmäßige, bewusst gestaltete positive Erfahrungen tragen also entscheidend dazu bei, emotionale Stabilität und Beziehungszufriedenheit zu fördern und Konflikte konstruktiv zu bewältigen“, teilt Hiina Kanna Smyth.

„Was sich in meiner Arbeit immer wieder zeigt: Beziehungen scheitern selten an fehlender Liebe, sondern daran, dass im Alltag der echte Kontakt verloren geht. Genau deshalb arbeite ich mit dem Konzept der ‚Connection Time‘ – bewusst eingeplante Zeitfenster, in denen es nur um das ‚Wir‘ geht, nicht um To-dos, Organisation oder Funktionieren. Es geht dabei nicht um mehr Zeit, sondern um bewusstere Zeit. Fix im Kalender, genauso verbindlich wie ein Business-Termin, weil alles, was uns wichtig ist, diesen Platz auch bekommt. Absagen nur im echten Ausnahmefall“, so Beran zustimmend.

Der 6-Sekunden-Kuss

Ein weiterer, durchaus alltagstauglicher und einfach umzusetzender Tipp: Der 6-Sekunden-Kuss. Laut der Expertin könne er mehr für die Verbindung tun als ein perfekt geplanter Abend, weil der Körper immens schnell auf Nähe reagiert. Das ist sogar wissenschaftlich belegt: Ein ausreichend langer Kuss kann nachgewiesen das Nervensystem beruhigen, Stresshormone senken, Oxytocin ausschütten und die Bindung stärken.

„Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Wissen um unterschiedliche Liebessprachen. Sehr oft entsteht Frust, weil Liebe auf unterschiedliche Arten gezeigt und verstanden wird. Manche brauchen Worte, andere Taten. Deshalb lohnt sich die Frage: Woran merke ich eigentlich konkret, dass ich geliebt werde? Und diese Erkenntnis sollte unbedingt auch mit dem Partner oder der Partnerin geteilt werden“, betont Beran abschließend.

Also worauf warten Sie noch? Sagen Sie doch mal: „Schatz komm, lass uns miteinander reden!“ Oder einfach schmusen.

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