Wann hast du zuletzt etwas Neues gelernt?
Wir müssen uns erlauben, erstmal schlecht in etwas zu sein
© Olivia Grigorita's Images
Ein neues Hobby kann den Alltag bereichern – vorausgesetzt, man schafft es über die erste Hürde hinweg. Warum der Einstieg schwerfällt, Motivation selten ausreicht und wie Lernprozesse im Alltag trotzdem gelingen.
Ob Klavierspielen, töpfern, endlich Spanisch lernen oder mit Padel-Tennis beginnen: Viele von uns nehmen sich irgendwann vor, etwas Neues zu lernen. Doch häufig bleibt es beim Vorsatz – der Start ist mühsamer als gedacht, Fortschritte dauern länger als erhofft und der Alltag funkt dazwischen. Wie Lernen wirklich funktioniert – und warum Erwachsene sich dabei oft selbst im Weg stehen – untersucht Verena Labatut seit Jahren.
In ihrem neuen Ratgeber „Masterplan Note 1.0“ erklärt die Psychologin, wie Lernprozesse gelingen können. Als angehende psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt kognitive Verhaltenstherapie beschäftigt sie sich aber nicht nur mit Lernen im schulischen Kontext, sondern auch damit, wie Menschen im Alltag neue Fähigkeiten entwickeln. Im Gespräch erzählt sie, warum Fortschritte selten geradlinig verlaufen, weshalb Erwachsene oft zu streng mit sich sind – und was hilft, wenn die Motivation nachlässt.
Frau Labatut, was haben Sie zuletzt gelernt?
Verena Labatut: Dass ich den französischen Namen meines Schwiegervaters jahrelang falsch ausgesprochen habe, bis mein Mann endlich sein Schweigen gebrochen hat. Dass „taquiner“, also necken, eine Ausdrucksform von Liebe ist, hatte ich zum Glück schon vorher gelernt.
Meistens denkt man beim Lernen in erster Linie an Schule, Studium oder Prüfungen. Wo lernen wir noch, ohne es bewusst wahrzunehmen?
Spätestens wenn wir einem Kind beim Aufwachsen zusehen, wird klar, dass Lernen viel mehr ist als Schule. Ein Kind lernt laufen, vor dem Überqueren der Straße nach links und rechts zu schauen und dass nach der Drohung „1, 2, 3 …“ nichts Schlimmes passiert. Während es in schriftlichen Prüfungen vor allem darum geht, bewusst abgespeichertes Faktenwissen gezielt abzurufen, funktioniert Lernen im Alltag oft leiser und automatischer, zum Beispiel über Konditionierung. Wir merken gar nicht, wie selbstverständlich wir das Handy entsperren und zu scrollen anfangen, weil wir unbewusst gelernt haben, dass Kurzvideos kurzfristig unsere innere Anspannung senken.
Was passiert dabei im Gehirn?
Als Laie stellt man sich Lernen oft vor, als würden wir mit jeder Wiederholung stetig neue Synapsen bilden, bis irgendwann die fertige Fähigkeit da ist. In Wahrheit passiert Lernen eher in Wellen und ist vielmehr Umbau als Neubau. Wir bauen Verknüpfungen auf, schwächen andere wieder ab. Wir vernetzen neu und lösen wieder, werden besser und zwischendurch sogar wieder schlechter. Jedes Mal, wenn wir schlafen gehen, beginnt im Gehirn gewissermaßen die nächste „Castingrunde“. Sprich: Welche Inhalte harmonieren mit bereits bekannten Darstellern, welche steigen zur Hauptrolle auf und welche fliegen wieder aus dem Ensemble? Für uns ungeduldige Menschen gilt es vor allem, dranzubleiben und immer wieder neu vorzusprechen. In der Praxis bedeutet das, lieber oft und kurz zu lernen als selten und lang. Drei Einheiten à 20 Minuten sind wirksamer als einmal 60 Minuten pro Woche.

Gibt es Unterschiede, wie leicht sich Menschen mit Neuem tun?
Wissenschaftlich betrachtet gibt es viele Faktoren, die über Lernerfolg entscheiden – darunter leider auch unbequeme Wahrheiten. Menschen, die in einem Bereich eher schwächer starten, profitieren oft besonders stark von professioneller Anleitung. Wer sich anschaut, was gutes 1-zu-1-Tutoring kostet, erkennt schnell, dass systematische Bildungsungleichheit Realität ist.
Der wichtigste und bestbelegte Faktor ist die sogenannte Selbstwirksamkeitserwartung. Gemeint ist damit nicht das Disney-Motto „Ich muss nur fest genug daran glauben, dann schaffe ich alles“. Sondern dass ich mir meiner eigenen Wirksamkeit samt aller Grenzen bewusst bin und überzeugt bin, dass ich durch den Einsatz meiner Stärken und die Arbeit an meinen Schwächen langfristig meine Ziele erreichen werde. Und das kann jeder Mensch erlernen.
So klappt es mit dem neuen Hobby
Vernetze dich mit Gleichgesinnten: Du wirst überrascht sein, dass wirklich jede Nische begeisterte Menschen hat. Meine Mutter ist zum Beispiel in einem Miniaturen-, einem Igel- und einem Kakteenforum aktiv. Organisiere eine CrossFit-Games-Watch-Party, geh zu einem Brettspieltreff oder besuche eine Buchmesse. Leidenschaft ist ansteckend!
Nimm Geld an der richtigen Stelle in die Hand. Anfangs, in der Gewohnheitsbildungsphase, ist Geld oft besser in professionelles Know-how investiert als in teures Equipment. Also lieber einen Kurs, eine Trainerstunde oder Unterricht buchen, um Grundlagen sauber zu lernen. Größere Anschaffungen können später als Meilenstein-Belohnung dienen.
Verbinde das Tun mit einem Lebensgefühl. Nutze einen Trick, den Werbung ständig anwendet: Sie verkauft keine Tätigkeit, sondern eine Identität. Du kochst nicht nur, du lebst die Küche wie eine italienische Oma. Du machst nicht nur Pilates, du bewegst dich wie eine grazile Ballerina. Du arbeitest nicht nur im Garten, du ziehst stolz dein eigenes Gemüse groß.
Buch-Tipp:
„Masterplan Note 1,0 – So lernst du smarter, nicht härter“
von Verena Labatut | masterplan-labatut.de
ISBN: 978-3-7474-0702-8 | mvg Verlag, um € 16,-

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Über die Autorin:

Leonie Werus betreut die Ressorts Genuss, Wohnen, Freizeit und Gesundheit. Sie ist ein echter Workhaholic und weiß jede Minute gut für sich zu nutzen. Mit ihren Airfryer, liebevoll Fritti genannt, probiert sie gerne neue Rezepte und versucht nebenbei das TIROLERIN-Team zum Sport zu motivieren – meist leider vergeblich.
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