Porträtfoto von Verena Titze

“Gin Boom”: Verena Titze im Talk über ihren neuen Roman

Zwischen Absturz & Aufbruch

5 Min.

© Dominik Geiger

Mit „Gin Boom“ veröffentlicht Kabarettistin, Podcasterin und Schriftstellerin Verena Titze ihren ersten Roman – eine literarische Untersuchung von Macht, Gewalt und Selbstbestimmung. 

“Gin Boom”: Zwischen Absturz & Aufbruch

Helena trinkt nicht, um zu vergessen. Sie trinkt, um zu funktionieren. Sie ist beruflich erfolgreich, schlagfertig, sensibel. Nach der Reha kehrt sie zurück in ihren Alltag aus Medienbetrieb, Events, Dates und subtiler wie offener Grenzüberschreitung. Alkohol und Drogen sind überall: als soziale Schmiermittel, als Belohnung, als Flucht. Und während Helena versucht, sich selbst zu halten, prallen alte Muster, neue Begierden und unausgesprochene Erwartungen mit voller Wucht aufeinander. Inspiriert von ihren eigenen Erfahrungen mit Burnout und Alkoholabhängigkeit, die Verena Titze bereits in „Burnt.Out“ autobiografisch verarbeitet und mit ihrem Kabarettprogramm „Erfolgsreich ins Burnout“ auf die Bühne bringt, erscheint nun der erste fiktive Roman der Niederösterreicherin. „Gin Boom“ erzählt von Abhängigkeit, von männlicher Macht und von den feinen Verschiebungen, in denen Grenzen verschwinden. Der Roman changiert zwischen bitterem Humor, radikaler Intimität und schmerzhafter Klarheit und trifft dabei einen Nerv, der weit über das Thema Sucht hinausgeht. Wir haben Verena Titze zum Interview getroffen. 

Verena Titze im Interview

Warum ist Ihnen die Abgrenzung Ihrer eigenen Biografie von der Romanheldin Helena wichtig?

Weil Helena eine eigenständige Figur ist. Diese Abgrenzung gibt mir künstlerische Freiheit – und sie schützt auch die Lesenden vor der Frage: „Was davon ist wirklich passiert?“ Mich interessiert die emotionale Wahrheit mehr als die faktische. Helena steht für viele.

Gin Boom verweigert die klassische Dramaturgie von Absturz und Erlösung. Aus welchem Grund wollten Sie keine „Heilungsgeschichte“ erzählen?

Weil das Leben selten so sauber funktioniert. Die klassische Heilungserzählung beruhigt uns, aber sie ist oft unehrlich. Viele Menschen werden nicht spektakulär gerettet – sie kämpfen sich in kleinen, widersprüchlichen Schritten vorwärts. Mich interessiert dieser Zwischenraum: verwundet, aber wach. Nicht erlöst, aber bewusster.

Es geht unter anderem um Macht und Ohnmacht, und darum, in gesellschaftlichen Systemen gefangen zu sein, die einen krank machen – ist der Ausstieg überhaupt möglich oder nur Illusion? 

Ein vollständiger Ausstieg aus Systemen ist selten möglich. Wir bewegen uns alle in Abhängigkeiten. Aber Handlungsspielräume entstehen dort, wo Bewusstsein wächst. Helena gewinnt nicht totale Freiheit – aber sie beginnt zu sehen. Und Sehen ist der erste echte Machtmoment.

Ist Scheitern Ihrer Meinung nach manchmal die einzige gesunde Reaktion?

Absolut. In kranken Systemen ist Funktionieren oft das eigentliche Problem. Wenn jemand zusammenbricht, nicht mehr mitmacht oder aussteigt, wird das schnell als persönliches Versagen gelesen. Ich sehe es als gesunde Reaktion eines überlasteten Nervensystems.

Welche Rolle spielen Männer Ihrer Meinung nach in diesem System?

Der Roman ist keine pauschale Anklage gegen Männer als Individuen. Aber er zeigt sehr klar männlich geprägte Machtstrukturen – besonders dort, wo Abhängigkeit, Schweigen und Loyalitätsdruck entstehen. Viele dieser Dynamiken wurden historisch von Männern aufgebaut und werden auch heute noch häufig von ihnen stabilisiert – ob mit oder ohne bewusster Absicht.

„Helena trinkt nicht, um zu vergessen, sondern um zu funktionieren“ ist ein zentraler Satz, der Ihren Roman beschreibt – warum?

Weil das der blinde Fleck unserer Leistungsgesellschaft ist. Sucht entsteht nicht immer aus Flucht vor dem Leben – oft entsteht sie aus dem verzweifelten Versuch, im Leben weiter zu funktionieren. 

Glauben Sie, dass wir in einer Kultur leben, in der Nüchternheit fast als Provokation gilt?

Ja, in vielen Kontexten schon. Alkohol ist extrem normalisiert, besonders in leistungsorientierten Milieus. Wer nicht trinkt, fällt auf. Nüchternheit konfrontiert ein System, das Betäubung stillschweigend mit eingeplant hat. Insofern kann sie tatsächlich etwas Provozierendes haben. Ich merke das auch persönlich.

Sowohl auf der Bühne als auch in Ihren Büchern gehen Sie mit Humor an schwere Themen heran – hilft Ihnen das beim Aushalten oder braucht unsere Gesellschaft diesen Zugang, um überhaupt über Sucht und mentale Gesundheit sprechen zu können?

Beides. Humor hilft mir, mit diesen schweren Themen umzugehen – er schafft Abstand. Gleichzeitig öffnet er Türen. Menschen hören länger zu, wenn sie zwischendurch atmen dürfen. 

Was kann Humor, was Ernsthaftigkeit nicht kann?

Wenn wir lachen, sind wir einen Moment lang weniger gepanzert. Genau dort kann etwas landen, was reine Ernsthaftigkeit manchmal nicht erreicht. Aber: Der Humor muss präzise sein. Sonst wird er zur Vermeidung.

Sie sind Kabarettistin, Podcast-Host, Speakerin und nun auch Romanautorin. Wo fühlen Sie sich künstlerisch am wohlsten?

Ich liebe all diese Formate. Die Bühne gibt mir Austausch und Energie mit meinem Publikum, das Schreiben gibt mir Tiefe. Beim Schreiben kann ich radikal ehrlich sein und viel über mich selbst herausfinden. Aber auf der Bühne schlagt mein Herz höher. Ich möchte nichts davon missen!

Wenn Leserinnen und Leser Gin Boom zuklappen, was sollen sie im besten Fall nicht mehr übersehen können?

Wie früh wir lernen, zu funktionieren, statt zu fühlen. Wie viel Anpassung wir oft für Normalität halten. Und wie teuer es werden kann, die eigenen Grenzen zu lange zu übergehen. Wenn das Buch dazu führt, dass jemand bei sich selbst einen halben Millimeter ehrlicher hinschaut, hat es seinen Job gemacht.

Über Verena Titze

Verena Titze, 1985 in Niederösterreich geboren, lebt als Kabarettistin und Schriftstellerin in Wien. 2020 führten sie ein Burnout und eine Alkoholabhängigkeit in eine persönliche Krise. Heute lebt sie nüchtern und verarbeitet ihre Geschichte künstlerisch. Im November 2024 feierte sie mit „Erfolgreich ins Burnout – Ein kabarettistischer Crashkurs“ ihr Kabarettdebüt. Gemeinsam mit dem Psychiater Michael Musalek hostet sie den Podcast „Musalek & Titze“. Als Speakerin spricht sie über Burnout, Sucht, mentale Gesundheit und gesellschaftlichen Wandel und setzt sich für weibliche Selbstermächtigung ein.

"Gin Boom" von Verena Titze
© Ueberreuter Verlag

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