Mut: Frau geht aus einem bunt bemalten Wohnwagen in einem Garten heraus

Mut geht auch leise

"Immer wenn ich mit Jesus chille" – in ihrem Debütroman erzählt Stefanie Frank offen über ihre Psychose. Wir trafen sie zum Interview.

8 Min.

© Barbara Amon

Während diese Ausgabe in Druck ging, zelebrierte Stefanie Frank einen der vielleicht wichtigsten Tage in ihrem Leben: die Präsentation ihres Buches, in dem sie ihre Lebensgeschichte erzählt. „Ich übe jeden Tag“, sagt sie und lächelt das warmherzige schüchterne Lächeln, das sie uns bei unserem Besuch immer wieder schenkt.

Ihre geliebte Oma musste an dem Tag leider ins Spital. Mit so etwas umzugehen, koste ihr besonders viel Kraft, wird sie uns später erklären. Mehr als den meisten Menschen. Sie war 18, als sie das erste Mal die Diagnose erhielt: Kinder- und Jugendpsychose. Die Welt, die sie in psychotischen Phasen wahrnahm, hatte oft wenig mit der Wirklichkeit zu tun; mitunter belastende Wahnvorstellungen gehörten dazu.

Die psychische Erkrankung nimmt seit jungen Jahren in unterschiedlichem Ausmaß Teile ihres Lebens ein. Heute ist sie 37 Jahre alt, es gehe ihr gut und der letzte Spitalsaufenthalt ist sieben Jahre her; mit über 40, so habe man es ihr in Aussicht gestellt, könnte dieses Kapitel überhaupt ein Ende finden. „Wenn nicht, habe ich heute eine wirklich gute Psychiaterin, aber ich habe nicht mehr vor, wieder krank zu werden“, sagt sie.

Mut: Buntes Buchcover mit Titel „Immer wenn ich mit Jesus chille“
© edition lex liszt12

Überall Kunst

Ihr feiner Humor tänzelt auch über ihre Zeichnungen – und vibriert zwischen den Zeilen ihres Romans. „Immer wenn ich mit Jesus chille“ lautet der Titel des in der edition lex liszt 12 veröffentlichten Buches, in dem Stefanie Frank offen über ihr Leben mit Psychosen schreibt.

Dieses Leben lebt sie in Mönchhof mit ihrem Partner, ihrer Mama und Oma in einem bunten Stefanie-Universum: Selbst an der Hausmauer hängen Bilder, kaum ein Stein ist unverziert und wenn sie auf dem Stockerl vor ihrer blitzblauen Tür sitzt, beobachtet sie gerne ihren Wunschbaum – fällt eines der beschrifteten Röllchen hinunter, geht der Wunsch in Erfüllung, sagt sie.

All das ist erst sozusagen der Prolog, der Vorgarten. Drinnen im Haus avancieren die Wände im Stiegenhaus und den Gang entlang zur Galerie; hier kann man sich unter anderem in den großformatigen Tuschzeichnungen verlieren, die detailreich Szenen aus ihrem Leben zeigen. Sie tragen aber auch gesellschaftskritische Botschaften in sich, wie das Werk „Apokalypse“, in dem sie neben vielen anderen Themen den modernen Schönheitswahn hinterfragt.

Jesus und Alf

Die nächste kreative Oase, die auch als Schreibwerkstätte fungiert, befindet sich im Garten: Aus einem Fenster blickt der Titelgeber ihres Buches, „ich hab’ mir gedacht, der Jesus passt da gut, weil er viele Anhänger hat – und ich eben diesen einen“, sagt Stefanie Frank und deutet auf den bunt bemalten Wohnwagen. Ein Atelier gibt es außerdem noch, es befindet sich im alten Stall – und auch dort sind die Wände voll mit dem facettenreichen Schaffen der Künstlerin. Neben pointierten Porträts grinst Alf, der haarige TV-Star der 1980er, von einem Bild, „weil ich manchmal das Gefühl habe, ich bin auch wie eine Außerirdische“, sagt Stefanie.

Damit dieses Gefühl nicht das Kommando über ihr Leben übernimmt, „arbeite ich extrem viel an mir“, beschreibt sie. „Ich bin in Therapie, meditiere, gehe jeden Tag zwei Stunden spazieren, mache viel Gartenarbeit – und natürlich meine Kunst.“ Die Zeiten, in denen sie Entspannung in Marihuana oder Alkohol suchte – man findet solche Episoden in ihrem Roman –, sind längst vorbei. „Ich lebe abstinent, seit ich 21 bin.“

Rebellische Jugendliche

Wenn Stefanie künstlerisch tätig ist, switcht sie gerne zwischen verschiedenen Medien; das war schon in ihrer Kindheit so. Sie war zwölf, als ihr Papa sich eine Videokamera zulegte: „Ich hab’ meine Legofiguren und Barbies verschönert, sie spielen lassen – und gefilmt“, erinnert sie sich. Sie mochte Rollenspiele, verkleidete sich als Wahrsagerin und Alien und schrieb Geschichten rund um ihren Hasen Rudi.
Als rebellische Jugendliche entdeckte sie das Zeichnen für sich; als sie einmal mehr im Unterricht für ihr Talent gelobt wurde, beschloss sie, nach Wien an eine Kunstschule zu gehen.

Der Eignungstest klappte, der „Einbruch“ geschieht bei ihrem ersten Praktikum: Stefanie geht es abrupt und anhaltend sehr schlecht, sie muss abbrechen. Zu Beginn vermutete man noch eine Grippe, aber als sich ihr Zustand nicht besserte, pilgerte ihre Mama mit ihr von einer/m Ärzt*in zur/m anderen – bis zur Diagnose Kinder- und Jugendpsychose. Die Schülerin bekommt Medikamente verschrieben, auch gegen ihre Ängste und die Traurigkeit, eine Therapie lehnt sie lange ab – bis zu einem Schlüsselerlebnis. „Ich bin eines Tages nur zur Trafik und hab’ dabei Angstzustände bekommen. Dann ist ein Bekannter vorbeigefahren und ich hab’ mir nur gedacht: Mensch, ich will das alles nicht mehr, ich will so gerne auch ein normales Leben.“

Befreiungsschlag

Sie macht ihre erste Therapie, aber es folgen noch einige Berg- und Talfahrten sowie Spitals­aufenthalte, bis sie zu ihrer heutigen Ärztin und den richtigen Medikamenten kommt; auch eine Reha in Rust hilft ihr auf ihrem Weg – und der Rückhalt von Familie und Freunden.

„Es gehört viel dazu, dass es einem Menschen mit Psychosen gut geht, dass man stabil ist“, sagt Stefanie Frank. Sie zweifle viel an sich; wenn es in zwischenmenschlichen Beziehungen Konflikte gibt, nage das sehr an ihr. „Ich kann mich schwer abgrenzen, nehme alles intensiver wahr.

Mut: Porträt einer lächelnden Frau vor blauem Hintergrund
© Barbara Amon

Über psychische Erkrankungen zu reden, sollte endlich salonfähig sein.

Gegen gesellschaftliche Tabus

Das ist beispielsweise so: Du sitzt im Bus, hörst eine Unterhaltung und bist überzeugt: Die reden über mich. Kaum ein ,Psychotiker‘ würde sich allein sagen trauen: ,Ich glaube, ich bin Gott‘, aber ein Gotteswahn gehört oft dazu. – Auch deswegen habe ich meine Geschichte veröffentlicht, dass man über all das ins Reden kommt. Ich wünsche mir mehr Verständnis, Toleranz, Liebe und Güte – und es ist für mich auch ein Befreiungsschlag: Endlich muss ich mich nicht mehr verstecken und darf die sein, die ich bin.“ Das sei eine Erleichterung, berge aber auch Angst vor den Reaktionen. Auf einem Dorffest habe sie erlebt, wie eine Frau in wenigen Minuten ihre ganze (körperliche) Krankengeschichte beschrieb, „aber psychische Erkrankungen sind für die Gesellschaft ein Tabu, obwohl so viele betroffen sind. Es ist 2026, darüber reden sollte endlich salonfähig sein.“

„Immer wenn ich mit Jesus chille“ – der Titel sei eine Eingebung gewesen. Mit Religion habe weder sie noch ihr Buchtitel viel zu tun, Jesus stehe symbolisch für den Begriff Nächstenliebe. „Man kann sich ein Beispiel daran nehmen, einen Schritt aus sich heraus- und auf die Menschen zuzugehen; es ist egal, ob es ein Psychotiker, ein Alkoholiker, ein Blinder oder ein Geflüchteter ist, es geht um das Menschliche – das ist für mich Spiritualität.“ Sie schreibt auch über ihre Schwarzen Freunde, über ein Asylheim, das sie regelmäßig besuchte; sie versteht ihr Buch auch als einen Beitrag gegen Rassismus.

Abgrund und Ausblick

Mit ihrer Diagnose habe sie umzugehen gelernt, aber es sei ein lebenslanger Prozess, weiß Stefanie Frank. „Ich würde nie von mir sagen, ich wäre gesund und geheilt, der Abgrund lauert überall.“ Sie macht sich oft große Sorgen um ihre Lieben und gleichzeitig auch, ob sie damit klarkommen könnte, wenn tatsächlich etwas Schlimmes passiert. Das könnte nämlich eine Psychose auslösen: also das Abdriften in eine andere Welt, „da beamt man sich halt weg, weil man bestimmte Dinge nicht aushält und verstehen kann. Am liebsten wäre es mir, wenn alles bleibt, wie es ist“, sagt Stefanie Frank – und meint damit vor allem, dass es ihren Lieben weiterhin gut gehen soll.

Mut: Zwei Frauen sitzen draußen am Tisch und unterhalten sich
© Barbara Amon


Denn ihr „Glitzerhirn“, wie sie es einmal beschreibt, scheint stets vor neuen Ideen überzugehen. Wenngleich sie gerade ihre ersten öffentlichen Schritte als Autorin absolviert, kann sie sich schon eine Art Fortsetzung vorstellen, ein praktisches Selbsthilfebuch. „Ich würde gerne zuerst die Welt retten und erst dann im Garten chillen“, lacht sie. „Die Welt ist ja ein abstrakter Begriff; wenn ich nur einen Menschen inspirieren kann, habe ich schon sehr viel gewonnen.“

www.frankstefanie.at

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