Nie ohne Sax
Thomas Gensthaler alias "tomX" über nackte Oberkörper, volle Tanzflächen und 38 Jahre Musiker-Leben.
© Rene Hundertpfund
Damals schwebte er im Käfig von der Ronacher-Decke, heute liefert tomX den Soundtrack für ganze Feste.
Ein X kann für eine Unbekannte, einen Kuss oder einen Schatz stehen. Bei Thomas Gensthaler bedeutet es seit mehr als 27 Jahren: Saxofon, Show und gute Geschichten. Sein erster Soloauftritt: 1999 im White Star in Margarethen am Moos, damals als funTOM. Ein DJ nahm ihn mit in die Fabrik nach Pörtschach und befand: „Der Name geht gar nicht.“ Aus funTOM wurde Tomax, bis ein gleichnamiger Künstler mit erotischem Spezialgebiet juristisch Einspruch erhob. Das „a“ verschwand, tomX war geboren.
Promis, Partys und Paris
Manchmal braucht eine Karriere Talent, Timing und einen guten Anwalt. Auch optisch folgte die Show einer klaren Dramaturgie. Set eins: elegant. Set zwei: ärmellos oder transparent. Set drei: oben ohne. Gensthaler war gut trainiert, die Clubs voll und DJ plus Live-Saxofon in Österreich noch neu. „Die Leute hören mit den Augen“, sagt er. Buchungen in Monaco, bei der Bambi-Verleihung und auf Society-Partys von Boris Becker, Michael Schumacher und Konsorten folgten, ebenso ein Auftritt mit Paris Hilton.
Im Ronacher ließ ihn Paulus Manker im Käfig samt Lasershow von der Decke schweben, danach schob ihn die Security zu den Gogo-Tänzerinnen. Backstage hielt ihn ein Österreicher für einen US-Star und sprach ihn auf Englisch an. Gensthaler: „Du kannst ruhig Deutsch mit mir reden. Ich bin aus Sommerein am Leithagebirge.“ Mehr Bodenhaftung passt kaum in einen Satz.
Mit der Zeit wurden ihm die kurzen Showblöcke und die langen Garderobenpausen musikalisch zu wenig. Außerdem fühlte sich der nackte Oberkörper vor bekleideten Galagästen nach falscher Kleiderordnung an. Die Outfits wurden eleganter, die Musik bekam mehr Raum. Heute spielt er Alt-, Tenor- und Sopransaxofon und begleitet mit einem DJ, der studierter Jazzpianist ist, ganze Abende: entspannt beim Empfang, gefühlvoll bei der Hochzeit, druckvoll auf der Tanzfläche. Die große Show kann er weiterhin, aber das Hemd bleibt an.

Rampensau mit Sitzfleisch
Der Weg vom Big-Band-Musiker zum Solo-Act war ruppiger, als die Glitzerfotos vermuten lassen. In seinen jungen Jahren in den Orchestern war die Band seine zweite Familie, bei bis zu 130 Auftritten musste er nur wissen, wann und wo der Bus abfährt. Als Solokünstler stand er aber plötzlich allein auf der Bühne und nahm anfangs eine Tänzerin mit. Als das Publikum dieser einmal „Ausziehen!“ zurief, wollte er sich am liebsten auflösen. Aus der musikalischen Show wurde etwas Billiges und tomX fühlte sich unverstanden. Seither trägt er allein, was früher ein Orchester auffing.
Auch ein Manager fand sich nicht, drei Versuche passten nicht. Deshalb ist tomX Musiker, Booker, Techniker und eigenes Backoffice. Wo früher ein Telefonat genügte, folgen heute Angebote, Mails, Begehungen und gefühlt 30 Vorgespräche. „Mittlerweile sitze ich mehr am Computer, als mir lieb ist.“ Zur Rampensau gehört eben auch die Tabellenkalkulation.
Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Im Publikum badet er inzwischen vorsichtiger. Ein Tänzer schlug ihm einst das Saxofon aus dem Mund, die Lippe platzte auf, drei Wochen Pause. Seither bleibt zwischen Mundstück und Menschenmenge etwas Sicherheitsabstand. Nähe gibt es trotzdem: tomX plaudert nach Auftritten mit den Gästen und braucht kein künstliches Geheimnis mehr.

Geerdet wird er von seiner Familie, beim Wandern, Radfahren und mit seinen zwei erwachsenen Söhnen und dem fünfjährigen Enkel. Musik war zu Hause immer Nummer eins; mit vier bekam er ein Tenorhorn, später studierte er Jazz in Wien und tourte mit Orchestern und Big Bands um die Welt. Seine heutige Partnerin erinnert ihn daran, dass auch Zweisamkeit einen Platz im Tourplan braucht.
Mit 58 und nach 38 Jahren als Berufsmusiker weiß Gensthaler, dass Erfahrung allein keine Buchungen bringt. Man muss anrufen, reden, dranbleiben. Er nennt sich „die Kirsche auf dem Sahnehäubchen“: schnell gestrichen, wenn die Wirtschaft schwächelt. Die Torte schmeckt auch ohne sie. Mit einem Saxofonsolo von tomX bleibt sie allerdings länger in Erinnerung.
Insta: saxophonist_tomx
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