Landeshauptmann-Stellvertreterin Anja Haider-Wallner bei einem Fototermin im Wald.

Von Stabilität und Stärke: Anja Haider-Wallner im persönlichen Gespräch

Bei einem entspannten Spaziergang spricht Anja Haider-Wallner offen über Kompromisse, Idealismus, Work-Life-Balance und das Burgenland.

7 Min.

© Viktor Fertsak

Der Wald am Rande von Eisenstadt macht an diesem sommerlichen Tag genau das, was gute Natur immer macht: Sie beruhigt. Das Licht fällt weich durch die Bäume, unter unseren Schuhen knirschen Zweige und Steine, die Luft trägt diesen satten, sommerlichen Geruch nach Grün und Erde. Anja Haider-­Wallner passt in dieses Bild und es wirkt nichts gekünstelt. Im Gespräch merke ich schnell: Diese Frau ist nicht zufällig dort gelandet, wo sie heute steht. Hinter ihr liegen fast zwei Jahrzehnte in der Interessenpolitik, in Gremien, in der Kommunalpolitik, dazu Unternehmertum, Beratung, Training, Bücher und gesellschaftliches Engagement. Ein Weg mit vielen Strängen – und doch wirkt im Rückblick alles erstaunlich konsequent.

Wie waren die ersten eineinhalb Jahre in der Landesregierung für dich?

Anja Haider-Wallner: Eine Achterbahnfahrt. Am Anfang war ja noch die Frage, ob wir überhaupt in den Landtag kommen oder nicht. Und dann ist alles sehr schnell gegangen. Aus dem Nichts ein Büro aufbauen, schauen, wie alles funktioniert, aber gleichzeitig schon etwas weiterbringen wollen, weil wir so darauf gebrannt haben, etwas umzusetzen. Es war herausfordernd, aber auch schön.

Was waren deine Highlights?

Da gab es einige. Zum Beispiel war ich bei der Beringung eines Adlerbabys dabei und durfte es halten. Das war ein extrem emotionaler Moment. Ein anderer großer Mut-Moment war, auf ein Windrad hinaufzufahren. Oben auf 160 Metern zu stehen und nach unten zu schauen – das war mega. Diese Kraft dort oben zu spüren, das vergisst man nicht. Und natürlich freue ich mich über Dinge, die uns recht schnell gelungen sind, etwa das Klimaschutzgesetz. Es arbeiten so viele Menschen im Burgenland an der neuen Klimastrategie, da steckt unglaublich viel Herzblut drin.

Auch das Bodensymposium war für mich ein Highlight. Mir taugt es einfach, wenn Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen, die sich im beruflichen Alltag vielleicht nie begegnen würden. Der fachliche Input ist wichtig, aber das Zwischenmenschliche ist oft das Besondere. Und der Entsiegelungswettbewerb „Baba, Beton!“ war so lange eine Idee, diese dann umgesetzt zu sehen und auf dem Kirchenplatz der Gemeinde zu stehen, die gewonnen hat, ist schon etwas Besonderes.

Wann hat sich dein Leben von „Hea­ling Kitchen“, Unternehmertum und gesellschaftlichem Engagement hin zur Politik verschoben?

Manchmal heißt es, ich sei da plötzlich hineingespült worden. Aber so war es überhaupt nicht. Ich bin seit 2007 in der Interessenpolitik aktiv. Ich war Wirtschaftskammerfunktionärin, im Landes- und Bundeswirtschaftsparlament, Gemeinderätin, Klubobfrau und Landtagsabgeordnete. Gleichzeitig hatte ich mein Unternehmen, war in Beratung und Training tätig, habe Bücher geschrieben. Und dazu kam mein gesellschaftliches Engagement in Vereinen und Organisationen.

Eigentlich war vieles davon schon politisch. Auch meine Bücher über Nachhaltigkeit oder mein ehrenamtliches Engagement haben sich immer mit der Frage beschäftigt: Wie schaffen wir ein gutes Leben für alle? Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mehr Gestaltungsspielraum brauche, wenn ich wirklich etwas verändern möchte. Dann hat eines das andere ergeben.

Gibt es Projekte, die dir besonders am Herzen liegen und die trotzdem nicht so schnell vorankommen, wie du gerne hättest?

Ja, das Tierschutzhaus im Südburgenland. Das ist mir schon lange ein großes Anliegen. Da merke ich, wie komplex Umsetzung manchmal ist. Mir ist wichtig, dass wir eine bereits versiegelte Fläche nutzen. Aber die Standortfrage ist nicht einfach. Der Teufel steckt im Detail. Vieles dauert länger als gedacht. Da muss ich mich selbst immer wieder bei der Nase nehmen. Ich bin grundsätzlich ein sehr ungeduldiger Mensch. Ich hätte am liebsten alles schon gestern erledigt. Aber manchmal braucht es eben noch eine Schleife mehr, damit es am Ende wirklich passt.

Landeshauptmann-Stellvertreterin Anja Haider-Wallner sitzt lachend auf einem Baumstamm im Wald.
© Viktor Fertsak

Du wirkst sehr idealistisch. Wie viel Platz hat Idealismus in der Politik? Und gab es einen Kompromiss, der dir besonders weh tat?

Ich lasse mich vom Idealismus inspirieren, aber habe auch sehr viel Pragmatismus in mir. Den braucht es. Wir sind in einer Koalition und nicht in einer Alleinregierung. Ich bin überzeugt, dass Demokratie die beste Regierungsform ist. Da braucht es Kompromisse, auch wenn sie manchmal wehtun. Und ja, da wird uns beiden gleich etwas einfallen (lacht) – aber das gehört einfach dazu. Mit reinem Idealismus wird es keine tragfähige Koalition. Aber wenn man versucht, das Beste herauszuholen, dann kann man auch gut damit leben.

Was unterscheidet dich vielleicht von anderen Politiker*innen?

Ich möchte Dinge verstehen. Ich habe eine sehr stark ausgeprägte Neugier. Ich will wissen, worum es geht, bevor ich Entscheidungen treffe. Deshalb frage ich oft nach – vielleicht öfter als andere. Ich möchte die Dinge wirklich verstehen und dann auch erklären können.

Was braucht eine gute Politiker*in?

Neugier auf jeden Fall. Verantwortungsbewusstsein. Und Stabilität. Was ich selbst noch lernen muss, ist eine bessere Work-Life-­Balance. Der Job fordert zeitlich sehr viel. Das sehen viele Menschen von außen gar nicht.

Porträt von Landeshauptmann-Stellvertreterin Anja Haider-Wallner in der Natur.
© Viktor Fertsak

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mehr Gestaltungs­spielraum brauche, wenn ich wirklich etwas verändern will.

Warum ist die Wertschätzung für Politiker*innen oft so gering?

Vielleicht, weil vieles nicht sichtbar ist. Man lacht auf Fotos, aber dahinter steckt unglaublich viel Arbeit. Und natürlich spielt auch das Klima in den sozialen Medien eine Rolle. Da wird viel schlechtgeredet. Umso stolzer bin ich auf die Zusammenarbeit in unserer Koalition. Wir richten uns nichts über die Medien aus. Wir setzen uns zusammen und reden miteinander. Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung. Aber die Menschen brauchen Stabilität, und die bekommen sie nur, wenn man Probleme miteinander löst.

Wie erlebst du Frauen in der Politik?

In meinen Anfangsjahren habe ich Alltagssexismus deutlich stärker gespürt. Nicht ernst genommen werden. In einer Runde voller Männer nicht angeschaut werden, nicht gehört werden. Heute ist das viel weniger, da ich in einer anderen Position bin. Aber ich glaube schon, dass Frauen in vielen Bereichen mehr leisten müssen als Männer, um erfolgreich zu sein. Die Hürden sind oft höher.

Hast du jemals überlegt, den Schritt in diese Spitzenfunktion nicht zu machen?

Natürlich. Das war ein längerer Prozess. Ich habe viel mit meinem Partner gesprochen, mit meinen Kindern. Ich habe mich gefragt, ob ich so ein Leben mit diesem Arbeitspensum führen möchte.

Landeshauptmann-Stellvertreterin Anja Haider-Wallner im Gespräch mit einer Frau auf einer Parkbank.
Real Talk. Chefredakteurin Nicole Schlaffer und Landeshauptmann-Stellvertreterin Anja Haider-Wallner beim Gespräch am Waldesrand in Eisenstadt © Viktor Fertsak

Warum hast du dich letztlich dafür entschieden?

Weil mich viele Menschen dazu ermutigt haben und weil ich einfach Freude am Gestalten habe. Fürs Burgenland brennt mein Herz. Die Dörfer, die alten burgenländischen Häuser, die Natur, die Weingärten, die Bäche und Flüsse – das berührt mich alles sehr. Und jetzt darf ich genau in diesen Bereichen gestalten – mit unserer neuen Dorfentwicklungsrichtlinie, mit Projekten gegen Leerstand, mit klimafitten Ortskernen. Da kommt vieles zusammen, womit ich mich seit Jahrzehnten beschäftige. Auch wenn es Tage gibt, an denen ich müde oder verzweifelt bin: Es lohnt sich.

Was gibt dir persönlich Kraft?

Die Natur. Wenn ich draußen bin, spüre ich dieses Verbundenheitsgefühl. Die Natur ist groß, schön und mächtig. Ich will einfach nicht, dass das zerstört wird. Und sie ist mein Ausgleich zu einer stressigen Arbeitswoche.

Wie sehr hat sich dein Privat­leben verändert?

Ich bin eigentlich nie mehr privat, wenn ich im Burgenland unterwegs bin. Man wird ein Stück weit öffentliches Gut. Wenn ich mit meinem Mann im Restaurant sitze, kommt oft jemand vorbei, hat eine Frage oder ein Anliegen. Ich höre den Menschen gerne zu. Mich interessiert, was sie denken. Aber natürlich braucht man auch manchmal Auszeiten. Und ich finde, dass man solche Funktionen nicht ewig machen sollte, weil man irgendwann abstumpft.

Du bist also keine ­Sesselkleberin?

(lacht) Nein, ich bin schon jemand, der gerne Neues angeht. Aber im Moment ist noch alles neu. Und wir haben noch so viel vor. Deshalb würde ich gerne nach den ersten fünf Jahren eine zweite Runde dranhängen (lacht).

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