Sofia Reyna fliegt
Der Titel „Half A Girl“ steht für ein Gefühl, das sie als Jugendliche hatte, doch was Sofia Reyna tut, ist vielmehr das Doppelte.
© Hanna Kleinschuster/bildschoen-fotos.at
Sofia Reyna singt eigene Songs in einem Londoner Studio ein, veröffentlicht ihr Debütalbum, studiert in Wien – und all das als blinde junge Frau.
Ein Pedal am Keyboard streikt – beim Soundcheck, gut eine Stunde vor Konzertbeginn. Das wünscht sich freilich keine Künstler:in, „aber notfalls kriege ich das auch so hin“, sagt Sofia Reyna – und setzt sich lächelnd und scheinbar völlig entspannt zum Gespräch. 20 Jahre jung ist die Singer-Songwriterin, vor wenigen Monaten veröffentlichte sie ihr Debütalbum mit zehn englischen Nummern.
Ihren ersten deutschsprachigen Song präsentierte sie beim ausverkauften „#weare Burgenland“-Event – begleitet von Gänsehaut und tosendem Applaus. „Fliegen“ wird Sofia später auch an diesem Abend im Wiener Loop singen – und das kraftvolle Lied wird stimmig mit jener Biografie verschmelzen, die die junge Frau vor dem Auftritt erzählt.

Musik war von Anfang an mein Safe Space. Sofia Reyna
Sie wuchs in Neufeld an der Leitha mit einem älteren Bruder und ihren Eltern auf; Sofia war erst einundeinhalb Jahre alt, als bei ihr ein gutartiger Gehirntumor festgestellt wurde. Er wurde zwar entfernt, zerstörte aber ihren Sehnerv und die Hirnanhangdrüse.
Sofia ist seither blind und auf Medikamente angewiesen, die ihren Hormonhaushalt regeln. „Für meine Eltern war das ein Schock, aber sie erzählen immer, dass ich von Anfang an sehr lebensfroh und neugierig war, dass ich mich nicht an viel hab’ hindern lassen“, lacht sie.
Das habe ihre Familie motiviert, ihr möglichst viele Türen zu öffnen – angefangen von der Schule, bis hin zur universitären Ausbildung in Wien, für die sie mittlerweile täglich allein mit den Öffis fährt.
Du hast immer die Regelschule besucht – wie hast du das erlebt?
Sofia Reyna: Nach der Volksschule bin ich an die NMS Theresianum mit musikalischem Schwerpunkt gewechselt – und vor zwei Jahren habe ich am ORG (Oberstufenrealgymnasium, Anm.) maturiert. Es wurde viel Rücksicht auf meine Bedürfnisse genommen; die Lehrer*innen waren extrem bemüht, mir entgegenzukommen.
Ich habe auch schnell mit Computer und Braillezeile zu arbeiten angefangen – und hatte eine tolle Blindenlehrerin, Andrea Steiner, die mich bis zur Matura begleitet hat. Das war zum Beispiel in einem schweren Fach wie Mathe, wo es auch um die Darstellung von Abbildungen geht, extrem wichtig.
Wie kam die Musik in dein Leben?
Ich habe immer Musik gehört – wenn es mir gut ging, aber auch wenn ich Trost gebraucht habe; sie war immer ein Safe Space. Ich war in der musikalischen Frühförderung und während der Volksschule habe ich mit Gitarre angefangen:
Auch die Lehrerin war super, sie hat mir nicht die Noten gesagt, sondern zum Beispiel „erster Finger, erste Saite“; ich habe ihr immer wieder beim Spielen zugehört und ihr dann nachgespielt. Parallel dazu war ich im Chor, später bekam ich auch Gesangsunterricht.
Wann hast du deinen ersten eigenen Song geschrieben?
Eine sehr kitschige Geschichte! (lacht) Ich hatte mit 15 meinen ersten Freund, war mit ihm sehr happy – und schrieb „Until You Came Along“. Da hatte meine Mutter die Idee, es bei der burgenlandweiten Song Challenge einzureichen. Ich hab’ das Lied dann ganz rudimentär aufgenommen, mit der Gitarre unter der Bettdecke (lacht), und zwar nix damit gerissen, aber ich wurde sehr ermutigt weiterzumachen (2025 wurde sie Siegerin, Anm.).

Viele zögern, aber ich bin darauf angewiesen, dass die Menschen auf mich zugehen. Ich sehe sie ja nicht.
Wie entsteht deine Musik?
Manchmal gibt es ein Thema, über das ich schreiben möchte. Aber meistens fällt mir plötzlich eine Melodie ein – in der U-Bahn, im Café, das kann überall sein. Dann setze ich mich hin und überlege mir dazu passende Akkorde – und danach, welcher Text mir dazu einfällt.
„Half A Girl“ ist dein Debütalbum – mit zehn Songs. Wie kam es dazu?
Durch die Song Challenge wurde die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs auf mich aufmerksam – und kam mit dem Vorschlag auf uns zu, mich bei einem Album zu unterstützen. – Und wer bin ich, dass ich da Nein sage?! (lacht) Ich bekam sogar einen Vocal Coach, Sissy Handler (MisSiss, Anm.), sie holt bis heute immer das Beste aus mir heraus, auf eine liebevolle Art und Weise und gleichzeitig kritisch.
Drei Songs hast du in London aufgenommen. Was führte dich dorthin?
Einer der Juroren, Stefan Trenker, hat mit Jerry Meehan (Bassist in Robbie Williams’ Live-Band, Anm.) einen Workshop organisiert. Ich habe dort an einem Song gearbeitet, der Jerry gefiel, und er schlug vor, ihn mit mir professionell zu machen – in Österreich oder bei ihm in London in den Wendy House Studios.
Wir waren als Familie zuvor noch nie in London, also sind wir gemeinsam hin! – Wir haben drei Tage durchgearbeitet, kaum Pausen gemacht, wir waren total im Flow. Bei „Angel“ singe ich sogar mit Jerry. Ein krasses Erlebnis, er ist so ein lieber Mensch, der für die Musik lebt.
Auf der Bühne, im Interview – deine Ausstrahlung heute ist wow! Wie ging es dir beim Erwachsenwerden?
„Half A Girl“ ist auch der Titel eines Songs, in dem ich das ein bisschen verarbeite, weil ich einfach nicht so war wie die anderen Mädchen – und die meisten nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollen.
Was wünschst du dir, wie sollen die Leute auf dich zugehen?
Ich versuche mir möglichst viele Stimmen zu merken, aber das ist natürlich schwierig. Ich bin also darauf angewiesen, dass mich die Menschen anreden. Wobei es im Vergleich zur Schule auf der Uni besser ist, wohl auch weil wir ja alle schon älter sind.
Wie ist das Studium?
Super cool! Ich studiere im zweiten Jahr Pop- und Jazzgesang im Jam Music Lab – und bin mega happy, jetzt auch Monika Ballwein als Gesangslehrerin zu haben.
Du pendelst öffentlich zur Uni – wie klappt das?
Ich hatte Mobilitätstraining – und im ersten Studienjahr eine Assistentin, die mich vom Bahnhof Meidling abgeholt hat. Ich musste das lernen: zwei Mal umsteigen, mit U-Bahnen fahren, es ist ein langer Weg und ich bin nicht in der Großstadt aufgewachsen.
Heuer bin ich schon alleine unterwegs, das ist schon Routine. Aber es kann viele Eventualitäten geben, da reicht es, wenn eine Rolltreppe gesperrt ist und mich das vom Weg abbringt. Einmal war eine Ansage falsch, ich bin in den falschen Zug gestiegen und stand dann abends am Wiener Hauptbahnhof.

Und dann?
Mama anrufen (lacht).
Deine Mama macht für dich auch Social Media …
Ja, dafür bin ich mega dankbar, posten könnte ich nicht selber. (Ihre Eltern suchen gerade nach Social-Media-Unterstützung für Sofia, Anm.) Aber ich nutze die Voice-over-Funktion, die Texte vorliest und Bilder beschreibt. Liken und kommentieren kann ich also.
Wie geht es für dich weiter?
Ich bin selber gespannt, ich wurde schon oft vom Schicksal überrascht (lacht). Ich würde es mir natürlich sehr wünschen, von meiner Musik leben zu können, es ist aber ein unsicheres Geschäft. Ich hoffe jedenfalls, dass ich weiter meine Songs rausbringen und live performen kann. Parallel möchte ich schauen, was sich noch ergibt, vielleicht geht es in Richtung Pädagogik oder Musiktherapie – oder ganz woanders hin. Musik wird immer ein wichtiger Teil meines Lebens bleiben.
Sofia Reyna für Daheim und Live
Das Album „Half A Girl“ gibt es auch als „physische“ CD (oder eben zum Streamen).
Sofia Reyna live:
30. April, 17 Uhr, Opener @Open Stage Inclusive, Flucc Wien
6. Mai, KOMKON26 Pre-Party, Tech Gate Vienna
9. Mai, Charity Zirkus WIR Frauen, Wr. Neustadt
21. Mai, 50 Jahre Behindertenrat, Catamaran Wien
28. Mai, Jam Lab Night, G5 Wien
3. Juli, Kultursommer Wr. Neustadt, Hauptplatz
Insta: @sofiareyna_music
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