Porträt einer Frau, die sich ein Serum auf die Haut tropft

Slow Beauty: Warum weniger oft mehr ist

Weniger Produkte, mehr Bewusstsein

9 Min.

© Shutterstock/ Ekaterina Jurkova

Es beginnt oft ganz harmlos. Ein neues Serum hier, ein weiterer Wirkstoff dort. Dazu ein paar Tipps von TikTok, vielleicht noch ein „Must-have“, das irgendwo aufgeschnappt wurde. Und plötzlich besteht die eigene Hautpflegeroutine aus sieben Schritten, drei aktiven Inhaltsstoffen und einer leisen Unsicherheit: Mache ich das eigentlich richtig?

Was lange als Fortschritt galt, kippt für viele gerade ins Gegenteil. Statt Kontrolle entsteht Überforderung, statt Selfcare ein Gefühl von Pflicht. Hautpflege wird komplexer, aber nicht unbedingt besser. Genau hier setzt ein Begriff an, der aktuell immer öfter fällt: Slow Beauty. Und doch geht es dabei weniger um einen neuen Trend als um eine Gegenbewegung. Weg von immer mehr, hin zu mehr Bewusstsein. Weg von schnellen Versprechen, hin zu einem Umgang mit Pflege, der wieder Raum lässt für das, was oft verloren geht: Verständnis, Gefühl und ein bisschen Gelassenheit.

Reduce: Weniger ist mehr

Im Kontext von Slow Beauty geht es bei Wirkstoffen weniger um Verzicht als um Einordnung. Lange Zeit wurde Hautpflege vor allem über die Wirkung definiert. Mehr Inhaltsstoffe, höhere Konzentrationen, komplexere Routinen. Die Logik dahinter war klar: Viel hilft viel. Doch stimmt das wirklich?

Heute verschiebt sich der Fokus. Weg von der Maximierung, hin zur Relevanz. Das zeigt sich auf zwei Ebenen. Die eine ist funktional. Viele reduzieren ihre Routine bewusst, weil die Haut nicht unbegrenzt aufnahmefähig ist und zu viele kombinierte Wirkstoffe eher irritieren als verbessern können. Die andere ist inhaltlich. Immer mehr Konsument:innen interessieren sich dafür, was genau in ihren Produkten steckt. Pflanzliche Inhaltsstoffe, nachvollziehbare Formulierungen und transparente Herkunft spielen dabei eine größere Rolle als früher. Beides fällt unter den Begriff Slow Beauty, wird aber unterschiedlich interpretiert.

Für manche bedeutet Slow Beauty Minimalismus im Badezimmer, für andere eine klare Haltung gegenüber Inhaltsstoffen und deren Herstellung. Naturkosmetik wird dabei oft als logische Konsequenz gesehen, ist aber nur ein möglicher Zugang. Denn weder ist alles Natürliche automatisch verträglich, noch ist synthetisch per se problematisch. Entscheidend ist, ob ein Wirkstoff sinnvoll formuliert ist und zur Haut passt. Und vielleicht noch wichtiger: ob er überhaupt gebraucht wird. Was sich verändert hat, ist der Anspruch. Hautpflege wird kritischer betrachtet. Versprechen werden hinterfragt, Routinen vereinfacht, Entscheidungen bewusster getroffen. Es geht weniger darum, möglichst viel zu verwenden, sondern darum, das Richtige zu verwenden.

Aufwendige Tagesroutinen kann man sich oft sparen, weil viele Wirkstoffe gar nicht aufgenommen werden.

Dr. Barbara Franz, Dermatologin
Porträt der Dermatologin Barbara Franz
© Moritz Schell

3 Fragen an Dr. Barbara Franz, Dermatologin

1 Ist „weniger ist mehr“ aus dermatologischer Sicht tatsächlich sinnvoll?
Grundsätzlich stimmt das absolut – weniger ist mehr, aber es muss die richtige Pflege sein. Die Haut funktioniert nämlich gegensätzlich zu unserem Tagesrhythmus: Tagsüber ist sie im Schutzmodus, nachts wird sie aktiv und regeneriert sich. Das bedeutet für die Pflege: Am Tag braucht sie vor allem Schutz, insbesondere Sonnenschutz. Aufwendige Tagesroutinen kann man sich oft sparen, weil viele Wirkstoffe gar nicht aufgenommen werden. Am Abend hingegen ist die Haut aufnahmefähig – hier sollte der Fokus liegen.

2 Viele Menschen verwenden heute eine Vielzahl an Produkten und Wirkstoffen. Welche Risiken sehen Sie dabei?
Ich sehe das sehr kritisch. Beim sogenannten Layering können sich Wirkstoffe gegenseitig aufheben – oder im schlimmsten Fall zu Irritationen und Allergien führen. Ein typisches Beispiel ist die periorale Dermatitis, also kleine entzündliche Pusteln rund um Mund oder Augen. Gerade diese empfindlichen Zonen reagieren schnell auf zu viel Pflege. Deshalb gilt: lieber weniger Produkte – dafür gezielt ausgewählt.

3 Welche Wirkstoffe gelangen tatsächlich in die Haut?
Was viele unterschätzen: Die meisten Cremes bleiben an der Oberfläche und pflegen vor allem die oberste Hautschicht. Nur wenige Wirkstoffe können tatsächlich in der Haut biologische Prozesse auslösen – etwa Vitamin C oder Vitamin-A-Derivate wie Retinol oder Tretinoin. Vitamin C wirkt als starkes Antioxidans, Retinol kann die Kollagenproduktion anregen und die Hautstruktur verbessern. Entscheidend ist dabei immer die richtige Anwendung.

Sense: Mehr Achtsamkeit

Slow Beauty wird oft über Inhaltsstoffe definiert. Genauso entscheidend ist jedoch, wie sich Pflege anfühlt. Textur, Duft und Anwendung bestimmen, ob ein Produkt Teil einer Routine bleibt oder zu einem Moment wird, den man bewusst erlebt. Genau hier hat sich in den letzten Jahren etwas verschoben. Hautpflege ist nicht mehr nur funktional, sondern zunehmend auch emotional aufgeladen. Warum eigentlich?

Vielleicht, weil der Alltag schnell genug ist. In einem Umfeld, das von Tempo und Reizen geprägt ist, gewinnen kleine, sinnliche Unterbrechungen an Bedeutung. Pflege wird zu einem dieser Momente. Nicht, weil sie spektakulär ist, sondern weil sie wieder spürbar wird. Textur und Duft spielen dabei eine zentrale Rolle. Eine Textur, die sich langsam einarbeiten lässt, entschleunigt automatisch. Ein Duft kann beruhigen, aktivieren oder einfach präsent halten. Oft ist es genau dieses Gefühl, das darüber entscheidet, ob ein Produkt wirklich Teil des Alltags wird oder nicht. Pflege wird heute nicht mehr nur danach bewertet, ob sie wirkt, sondern auch danach, wie sie sich anfühlt. Bleibt man im Moment oder ist man gedanklich schon beim nächsten Schritt?

Slow Beauty bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, weniger Wert auf Produkte zu legen, sondern sie anders zu betrachten. Nicht nur danach, was sie können, sondern auch danach, was sie auslösen. Interessant ist, dass genau hier auch die Verbindung zur Industrie sichtbar wird. Produkte müssen heute mehr leisten als Wirkung. Sie müssen sich stimmig anfühlen, intuitiv funktionieren und in den Alltag passen, ohne ihn zu überladen.

Lot van Rij, Head of Innovations bei Rituals Cosmetics
© Rituals

3 Fragen an Lot van Rij, Head of Innovations bei Rituals cosmetics

1 Wie hat sich das Verhältnis der Konsument:innen zu Hautpflege und Beauty-Routinen in den letzten Jahren verändert?
In den vergangenen Jahren hat sich ein tiefgreifender Wandel gezeigt. Was früher vor allem funktional war, ist heute deutlich bewusster und bedeutungsvoller geworden. Hautpflege ist nicht mehr nur eine Aufgabe, sondern ein Moment der Pause im Alltag. Routinen werden zu persönlichen Ritualen, die Menschen helfen, wieder mit sich selbst in Verbindung zu treten. Gleichzeitig wächst das Verständnis dafür, dass äußere Pflege eng mit dem inneren Wohlbefinden verknüpft ist.

2 Was bedeutet Slow Beauty aus Ihrer Sicht konkret in der Praxis?
In der Praxis bedeutet Slow Beauty, Qualität über Quantität zu stellen und Produkte zu entwickeln, die das gesamte Erlebnis bereichern. Es geht darum, Menschen einzuladen, langsamer zu werden, im Moment präsent zu sein und ihre Routinen bewusster zu gestalten. Für mich bedeutet Slow Beauty nicht, weniger zu tun – sondern Dinge mit mehr Bewusstsein und einem klaren Zweck zu tun.

3 Welche Rolle spielen sensorische Elemente wie Textur, Duft oder das Anwendungserlebnis im Vergleich zur reinen Wirkung eines Produkts?
Der Duft ist oft das Erste, in das man sich verliebt. Die Textur hingegen sorgt dafür, dass man im Moment bleibt. Sie ist der sensorische Berührungspunkt, der aus einer Routine ein Ritual macht – sei es die reichhaltige Konsistenz einer Body Cream, die seidige Textur eines Öls oder die luftige Leichtigkeit eines Duschschaums. Wir arbeiten eng mit Expert:innen, Parfümeur:innen und Produktentwickler:innen zusammen, um diese Philosophie in etwas zu übersetzen, das die Sinne anspricht und leicht zugänglich ist – in Texturen, Düfte und Routinen, die dazu einladen, zu entschleunigen.

Eine Frau massiert mit ihren Händen ihr Gesicht
© Shutterstock/ Max4e Photo

Care: Anwendung ist entscheidend

Wenn Slow Beauty eine konkrete Form annimmt, dann in der Anwendung. Denn unabhängig davon, welche Produkte verwendet werden, entscheidet am Ende die Art der Anwendung darüber, wie Pflege wirkt. Und genau hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied zur klassischen Routine. Es geht nicht mehr darum, Schritte effizient abzuarbeiten, sondern darum, sich bewusst Zeit zu nehmen. Dieser Perspektivenwechsel ist zentral. Pflege wird nicht länger als etwas verstanden, das möglichst schnell erledigt werden soll, sondern als Moment, der Raum bekommt. Ein paar Minuten, in denen die Aufmerksamkeit nicht nach außen gerichtet ist, sondern bei einem selbst bleibt.

Was dabei oft unterschätzt wird: Es macht einen Unterschied, wie ein Produkt aufgetragen wird. Wird eine Creme einfach verteilt oder tatsächlich in die Haut eingearbeitet? Werden Druck, Bewegung und Richtung bewusst eingesetzt oder passiert alles nebenbei? Diese kleinen Details können beeinflussen, wie gut die Haut versorgt wird und wie sie auf Pflege reagiert.

Gleichzeitig verändert sich auch der Blick auf das Gesicht. Es ist nicht nur Haut, sondern ein Zusammenspiel aus Muskeln, Gewebe und Spannung. Wie wir schauen, sprechen oder auf Stress reagieren, hinterlässt Spuren. Und genau hier setzt eine bewusstere Anwendung an. Berührung ist dabei mehr als ein angenehmer Nebeneffekt. Sie kann die Durchblutung anregen, den Lymphfluss unterstützen und Spannungen lösen. Die Haut wirkt dadurch nicht nur gepflegt, sondern oft auch ausgeglichener und aufnahmefähiger.

Porträt von Katka Sedlak, Gründerin von Face Gym Vienna und Holistic Facial Specialist
© Serdar Ondin

3 Fragen an Katka Sedlak, Gründerin von Face Gym Vienna & Holistic Facial Specialist

1 Viele Menschen tendieren zu einfacheren Routinen. Was bedeutet „less but better“ aus Ihrer Sicht in der Praxis?
Viele Menschen sind von der Menge an Produkten überfordert. Für mich bedeutet „less but better“, einfache Massage-Routinen zu lernen. Schon zehn Minuten am Tag können sichtbare Ergebnisse bringen. Der Schlüssel ist zu verstehen, dass unser Körper und unsere Faszien Bewegung brauchen, um sich zu lösen. Falten sind nicht nur ein Problem der Haut – sie entstehen oft durch muskuläre Spannung.

2 Ihre Behandlungen arbeiten stark mit Berührung und Faszien. Welche Rolle spielt das für Hautgesundheit und Wohlbefinden?
Berührung aktiviert nicht nur die Haut, sondern auch Prozesse im ganzen Körper. Sie stimuliert die Faszien, fördert die Durchblutung und bringt den Lymphfluss in Bewegung. Wenn diese Prozesse aktiviert sind, wirkt die Haut klarer, gesünder und lebendiger. Gleichzeitig sendet Berührung Signale ans Gehirn – sie wirkt wie ein Reset für Körper und Nervensystem.

3 Welches einfache Ritual würden Sie für den Alltag empfehlen?
Das Wichtigste ist, sich des eigenen Gesichts bewusst zu werden. Nicht unnötig die Stirn runzeln, sondern wahrnehmen, wann man Spannung hält. Dem Gesicht und dem Körper täglich Bewegung geben – Lymphmassage, sanfte Berührung, somatische Übungen oder auch Tanzen, alles, was sich gut anfühlt. Das Ziel ist, Stress, Ärger und Anspannung aus dem Körper zu lösen. Das kann morgens passieren oder nach einer stressigen Situation.

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