„Bester Papa, manchmal“
Der bewegende Kurzfilm „Bester Papa, manchmal“ wird von Festival zu Festival gereicht. Wir trafen Hauptdarsteller Michael Steinocher und die Siegendorfer Filmemacherin Julia Benczak zum Interview.
© Simon Selikovsky/Florian Kellner
„Komm schon, Jakob, steh auf. Mach deiner Tochter etwas zu essen“, möchte man ihm gerne sagen. – Am Tag zuvor hüpfen Papa und Tochter wild im Trampolin, lachen, verbringen abenteuerliche Stunden miteinander, am nächsten Morgen fällt er in ein Loch.
Er steht nicht auf. „Mama, ich glaub, der Papa ist krank“, schreibt sie in die Sprechblase des Mädchens am Papier, das sie neben ihm hockend zeichnet. Er schläft – mitten am Tag. Er bekommt nicht mit, als die Kleine zu kochen versucht und das Geschirrtuch Feuer fängt.
Knapp 30 Minuten dauert Julia Benczaks Kurzfilm „Bester Papa, manchmal“. Es ist beeindruckend, welche unverblassbaren Spuren er in einem hinterlässt. So empfindet es auch Michael Steinocher selbst; der Schauspieler, den man aktuell etwa aus „Zuagroast“, „SOKO Linz“ oder „Herzklang – Zurück zu mir“ kennt, verkörpert den psychisch erkrankten Vater Jakob.
Die Siegendorferin arbeitete viel bei „CopStories“ mit ihm zusammen: sie hinter der Kamera als Script Supervisor, er davor als Inspektor Sylvester Thaler. „Ich hab’ im Drehbuch-Schreibprozess gemerkt, dass ich jemanden vor Augen brauche, um zu wissen, wie die Figur spricht – da ist schnell Michi vor meinem inneren Auge aufgetaucht“, beschreibt sie, als wir die beiden gemeinsam zum Gespräch treffen. Nur er wusste ziemlich lange nichts davon, gesteht sie lachend.

Wir wachsen als Gesellschaft und können psychische Erkrankungen klarer benennen.”, Julia Benczak, Filmemacherin
Psychische Gesundheit – kein leichtes Thema, aber dir und deinem Team ist ein poetischer, bewegender Film gelungen, der innerlich stark nachhallt. Wieso diese Geschichte?
Julia Benczak: Ich arbeite als Script Supervisor für Serien, Kino- und Fernsehproduktionen und wollte schon lange selber einen Kurzfilm machen. Das Mentoring von Regisseurin Mirjam Unger beim FC Gloria (für FLINTA*-Filmschaffende, Anm.) half mir dabei. Ich habe nach einem Stoff gesucht, der mir persönlich viel bedeutet – und ihn schließlich mit meiner Co-Autorin Anria Brandstätter entwickelt.
Wir haben gemeinsam festgestellt, dass in unserem Umfeld zuletzt viele Menschen mental struggeln. Ich kriege auch mit, was Frauen alles in der Meno- und Perimenopause mitmachen: Depressionen, Burn-out, Angstzustände, Panikattacken – das hatte ich selbst in einer schwierigen Zeit.
Darf ich dich fragen: Wie hast du deine Panikattacken erlebt?
Julia: Am intensivsten erinnere ich mich an meine erste stärkste Panikattacke. Meine Tochter war erst vier (sie ist heute neun, Anm.), ich war alleine mit ihr zu Hause, als ich mich plötzlich sehr eigenartig gefühlt habe: Ich hatte einen hohen Puls, atmete schnell – und dann funktionierte auch noch mein Handy nicht. Ich habe über den Computer einer Freundin geschrieben, dass es mir komisch geht, dass ich das Gefühl habe, den Verstand zu verlieren.
Ich habe auf den Boden gestampft, weil ich mich erden wollte. Ich dachte, dass ich sterben werde und mir mein Kind dabei zuschauen muss. Dann schrieb meine Freundin, dass sie vermutet, ich hätte eine Panikattacke. Schon das hat mir geholfen. Ich hatte später noch weitere Panikattacken, aber mit Ruhe und Therapie hat sich das eingependelt.
Das Thema psychische Gesundheit beschäftigt mich schon seit meiner Kindheit; eine Tante von mir war an Schizophrenie erkrankt. Ich habe mitgekriegt, was es bedeutet, sich als Familie damit auseinandersetzen zu müssen.


Wieso geht es im Film um einen männlichen Betroffenen?
Julia: Anria und ich wollten der Perspektive treu bleiben, die wir aus eigener Erfahrung kennen: die der Mutter. Was passiert mit dem Familiensystem, wie hält die Mutter es zusammen, wenn das andere Elternteil krank wird?
Wie hat Michi reagiert, als du ihm von deiner Idee erzählt hast?
Julia: Er war von Anfang an sehr offen und als er das Drehbuch gelesen hat, hat er sehr bald Ja gesagt. – Wow, das hat sich angefühlt wie ein Lottosechser!
Michael Steinocher: Das ist aber lieb, ich hoffe, du bist hinterher auch noch zufrieden? (Julia nickt lachend) Wir haben viel bei „CopStories“ zusammengearbeitet und uns gut verstanden, das ist dann wie Familie. Ich hab’ ja eine sehr große Familie, weil meine Oma 15 Kinder hat. Für mich ist das so: Wenn die Familie ruft, dann komme ich. Ich fand die Geschichte spannend und die Arbeit an diesem Film war eye-opening.
Hat dich das Thema zuvor schon einmal beschäftigt?
Michael: Als Jugendlicher dachte ich, solche Dinge wären eine Schwäche. Ich hab’ das nicht als Krankheit gesehen. Aber egal wie nervenstark du bist, wenn dich eine psychische Erkrankung ereilt, bist du hilflos, und das ist das schlimmste Gefühl überhaupt. Jetzt bin ich 42 und habe schon sehr einschneidende Sachen erlebt. Ich hab’ gedacht, ich hätte sie überwunden, durch den Film bin ich aber draufgekommen, dass da schon noch einiges ist, worüber ich mit jemandem reden sollte, der sich auskennt.
Meinst du Psychotherapie?
Michael: Ja. Mein Gedanke war immer: Nahestehende will ich nicht belasten, Fernstehende geht’s nichts an.
Julia: Ich hab’ meine beste Freundin seit meiner Kindheit, sie ist meine Therapeutin Nummer eins – und trotzdem bin ich auch extra in Therapie gegangen, auch um Strategien für härtere Phasen zu lernen. Ich habe aber auch Themen, die eine dicke fette Mauer umgibt.
Michael: Die Mauer ist ein guter Vergleich. Der Raum wird halt kleiner, wenn immer noch eine dazukommt.


Bauen Männer mehr Mauern?
Michael: Die Zeiten ändern sich zum Glück. Männer reden heute ein bisschen mehr über ihre Gefühle. Aber wenn du Dinge hörst wie: „Bist ein Mann oder eine Maus?“, lernst du, die Sachen mit dir selbst zu regeln. Männerfreundschaften können ein gutes Ventil sein, um über Probleme zu reden.
Emotionale, empathische Männer sind manchmal enttäuscht. Ist die Gesellschaft für sie noch nicht bereit?
Michael: Empathische Menschen haben es generell schwerer. Dann heißt es oft: Nimm’s dir nicht so zu Herzen.
Oder noch schlimmer: Du brauchst einfach eine dickere Haut.
Michael: Wenn man oft wo drüberschneidet, wächst dort Hornhaut, dann spürst du nichts mehr. Aber das wollen wir doch auch nicht.
Die Liebe der Familie ist im Film stark spürbar, aber irgendwann kann Jakobs Frau nicht mehr …
Michael: Es ist, wie wenn du jemanden siehst, der gerade ertrinkt. Sie will ihm helfen, aber ihre Kraft bröckelt.
Julia: Nur dass eine ertrinkende Person meistens nicht ertrinken will. Betroffene müssen zuerst annehmen können, dass sie erkrankt sind; sie müssen Hilfe wollen. Du kannst ihnen eine Therapeutin vor die Tür setzen; wenn sie das nicht wollen, hast du keine Chance.
Michael: Wenn du zugibst, dass du ein Problem hast, ist das Problem real.


Ich hätte beim Dreh Jakob gerne gesagt: Sei nicht so deppert! Als der Film fertig war, verstand ich ihn.”, Michael Steinocher, Schauspieler
Wie blickst du auf die Arbeit zurück?
Julia: Extrem schön war, als es sich irgendwann so angefühlt hat, als würden die Menschen von dem Projekt angezogen werden. Viele haben gesagt, dass sie Bezug auf das Thema nehmen können. Superschön war auch zu erleben, wie gewisse Dinge aufgehen, oder den Film das erste Mal auf der großen Leinwand zu sehen. Es gab aber auch technische Hürden, für die ich sogar meine privaten Reserven angreifen musste. Das war’s dann mit meiner Pensionsversicherung.
Ich habe das Glück gehabt, dass alle bereit waren, für eine Aufwandsentschädigung mitzumachen. Ich hatte drei Förderungen zusammengestoppelt, das reichte nicht. – Aber das Zusammenspiel vom Team und meiner Familie war der nächste Lottosechser für mich.

Michi, wie war es für dich, den Film das erste Mal zu sehen?
Michael: Beim Dreh hab’ ich Jakob manchmal gehasst, hätte ihm gerne gesagt: Sei nicht so deppert! – Aber als ich den Film gesehen habe, habe ich verstanden, warum Julia immer gesagt hat, dass sie viel Liebe für ihn hat. Es war so gut geschrieben, danke dir (zu Julia). Da ist viel von allein gekommen, ich hab’ nicht viel spielen müssen.
Julia: Michi hat uns viele Gänsehautmomente am Set beschert, oft hatte das ganze Team feuchte Augen. Ich hatte gleich am ersten Drehtag so einen argen Moment: Wow, da steht Jakob vor mir! Das ergab so viel Sinn.
Was wünscht ihr euch für den Film?
Michael: Dass sich einige denken: Das kenne ich, vielleicht sollte ich mit jemandem reden, der sich auskennt. Vielleicht sollte ich mir Hilfe holen.
Julia: Betroffene und Angehörige. – Ein Film kann keine Lösung bieten, aber wenn man sich darin wiederfindet, wichtige Denkanstöße geben.

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