Eine Frau geht über einen Zebrastreifen

Wie das Minirock-Argument die Verantwortung von Männern auf die Kleidung von Frauen verschiebt

Eine Streitschrift für die Kleidungsfreiheit

8 Min.

© Pexels/ Katia Damyan

Die extremen Miniröcke sind insofern ein Problem, dass man sich nicht wundern darf, dass die Männer denen (den Frauen, Anm.) dann nachpfeifen.“ – Falls du dieses Zitat „verpasst“ hast: Es entstammt keiner Zeitreise, sondern einer PULS4 „Pro & Contra“-Sendung im vergangenen März – geäußert von einem prominenten Talkgast.

Echt jetzt? Noch immer das „Minirock-Argument“? Kleidung soll also wie ein Voodoozauber wirken und Männern den Verstand rauben? Und: Denken Menschen tatsächlich, eine Frau steht vor dem Kleiderkasten und überlegt sich, welches Kleidungsstück allen (!) Männern gefallen könnte, in der Hoffnung, später Pfiffe aus allen Richtungen zu hören, Bemerkungen, oder schlimmer, Berührungen und Übergriffe von Männern jeden Alters zu „ernten“?

Ich habe mich bei Teenagern umgehört. Viele finden es schon „cringe“ und grauslich, wenn das Wort „sexy“ von einer Person jenseits der 20 kommt. „Warum trägst du Mini, Ausschnitt oder enge Klamotten?“, habe ich Mädchen gefragt. Die Antworten waren: „Ich freue mich, dass ich endlich einen Busen hab.“ „Weil ich mich grad an dem Tag wohlfühle in meiner Haut.“ „Ich möchte ein bisschen flexen (angeben, Anm.), dass ich trainieren gehe.“ „Weil ich gerne auffallen möchte – aber nicht nur bei Burschen.“ „Weil ich meinem Freund gefallen will.“

Wohlfühlen im Körper

Seit Mai läuft Klara Hardens großartige Dokumentation „woman/mOther“ im Kino. Darin begleitet die steirische Filmemacherin die Tanzpädagogin und Performerin Mara Turner bei ihrer zweiten Schwangerschaft mit der Kamera. Eine der schönsten Szenen: Mara tanzt in der Natur vor dunklem Wurzelwerk – in einem engen Latexbody mit Babybauch. Dabei scheint sie völlig in ihren lasziven kraftvollen Bewegungen zu versinken und die Welt um sich zu vergessen. „Ich habe mich dabei so wohlgefühlt“, sagt die Künstlerin selbst. „Es war, als ob ich mich mit meinem Körper in diese Wurzel hineingießen würde. In dem Latexteil hat sich mein Bauch gut angefühlt, meine Brüste haben den Body fast gesprengt. Man kann auch schwanger sexy und edgy sein – und das auch ausleben.“

„Mein kurzer Rock“

Mein kurzer Rock
ist keine Einladung
Aufreizung
Andeutung
dass ich es will
oder gebe
oder dass ich anschaffen gehe.
Mein kurzer Rock
verlangt nicht danach
er will nicht dass
du ihn mir runterreißst
oder runterziehst.
Mein kurzer Rock
ist kein legaler Grund
mich zu vergewaltigen
obwohl es schon mal einer war
wird er im neuen Gerichtshof
nicht fortbestehen.
Mein kurzer Rock
ob du es glaubst oder nicht
hat nichts mit dir zu tun.
Mein kurzer Rock
hat mit der Entdeckung
der Kraft meiner Waden zu tun
mit der kühlen Herbstluft
die meine Innenschenkel hochzieht
damit, dass alles, was ich sehe
fühle oder an dem ich vorbeigehe
zulasse in mir zu leben (…)

Dieser Text ist ein Auszug aus Eve Enslers „Mein kurzer Rock“ – und ist Teil ihrer weltberühmt gewordenen „Vagina Monologe“, einer Performance, die weltweit aufgeführt wird, um Frauen und Weiblichkeit zu zelebrieren, um gegen Gewalt an Frauen zu kämpfen.

Als legendäre Erfinderin des Minirocks gilt die 2023 verstorbene Mary Quant. Wissen Sie, wie sie in den 1960ern die Geburt des revolutionären Teils, das übrigens damals viele Männer vehement kritisierten, vor allem begründete? – Die neue selbstbewusste, arbeitende Frau sollte ihre Freiheit genießen – in weiten Hosen und kurzen Röcken. Mit den Worten „I liked my skirts short because I wanted to run and catch the bus to get to work“, wird Mary Quant gerne zitiert.

Frauen sind keine Beute

Sarah Held ist promovierte Kulturwissenschaftlerin und Künstlerin im Bereich feministische und materielle Kultur sowie kritische Fashion Studies. Sie forscht bzw. lehrt an der Akademie der Bildenden Künste und am Max Reinhardt Seminar und ist unter anderem Gründerin des Projekts „Aufstand der Schwestern“, das mit Aktionskunst auf Femizide reagiert. „Was löst das alte ,Minirock-Argument‘ in dir aus?“, frage ich sie. „Es ist kein Argument, denn ein solches sollte mit etwas Validem belegt werden. Dass Kleidung schuld daran wäre, wenn sexualisierte Übergriffe passieren, fällt in sich zusammen, denn die Gewalt geht immer von der Person aus, die Gewalt ausübt.“

Wie wir uns kleiden, unterliege stets unterschiedlichen Mechanismen, erklärt Sarah Held. Dazu gehören sowohl Wohlfühlgründe als auch, sich entsprechend zu stylen, um einem bestimmten Gaze zu gefallen. „Man darf nicht unterschätzen, wie stark im Patriarchat der männliche Blick bestimmte Kleidungsweisen beeinflusst.“ Aber Kleidung sei auch immer „eine Form von einer täglichen Performance“, inspiriert durch die Zuordnung zu einer Subkultur oder einem Style, den man entwickelt hat.

Eine patriarchale Praxis

„Die Freude oder das angenehme Empfinden, zum Beispiel einen Rock oder ein Oberteil zu tragen, wird häufig davon bestimmt, wie sich ein Individuum gerade fühlt“, stellt die Kulturwissenschaftlerin klar. Darin inkludiert ist sozusagen auch, wie Reaktionen aufgenommen werden (können), schließlich sind wir heute – nicht wie einst in der Feudalgesellschaft – keiner Kleiderordnung unterworfen. Heutige oft Mädchen und Frauen reglementierende Verbotspraxen würden häufig sexistischen patriarchalen Mustern folgen: „Frauen werden als visuelle, mit materieller Kultur (beispielsweise Kleidung, Anm.) ausgedrückte Beute dargestellt, Männer als sich nicht im Griff habende Jäger. Beides ist ja nicht wahr.“

Diese Denkweisen bedingen auch strukturelle Gewalt gegen männlich gelesene Personen, wenn sie beispielweise einen Rock tragen. „Es gibt Orte, wo man sich problemlos damit aufhalten kann, an anderen kann eine weitere Form von Gewalt hinzukommen, wenn jemand als homosexuell gelesen wird, selbst wenn jemand nur mit einem Look spielt oder Geschlechterfluidität ausdrückt.“

„Looks und Styles sollten heute ohne gesellschaftliche Sanktionen und ohne Angst vor Gewalt getragen werden können“, betont Sarah Held. Anstatt Verbote sollte es vielmehr eine aktive Auseinandersetzung mit Heranwachsenden über bestimmte Sozialisationsformen geben. Gerade in der Schule sollten keine sexistischen Kleidungsverbote herrschen, findet die Fashion-Forscherin.

Männer sind keine Tiere

Was lösen Minirock- und ähnliche Sager bei einer Opferschutz-Expertin aus? „Großen Ärger“, betont Psychologin und Psychotherapeutin Verena Weißenböck. Sie ist Beraterin bei Tamar, einer Einrichtung für misshandelte und sexuell missbrauchte Frauen, Mädchen und Kinder. Schon die Argumentationskette sei widersprüchlich: „Wie dumm macht man sich da als Mann zu sagen, man sei so instinktgesteuert, dass man in bestimmten Situationen nicht mehr denken könne, während man in allen anderen Lebensbereichen Respekt einfordert?

Wenn das so wäre, dass Männer so unbeherrschte Tiere sind, müssten wir sie radikal von allen Machtpositionen entfernen.“ Auch die Motivation, warum Frauen sich für ein bestimmtes Outfit entscheiden, werde häufig fehlinterpretiert. „Das Gefühl, das manche Männer haben, es gelte immer ihnen, ist eine massive Selbstüberschätzung“, stellt die Psychologin klar. Dass man einen Mini für sich selbst trägt, weil man sich darin gerade schön fühlt, oder um Freundinnen zu gefallen, hätten viele nicht auf dem Schirm.

Mädchen- und Frausein ist heute durchaus in mehr Kontexten mit Sexyness verknüpft, als uns manchmal lieb ist, das sei laut Verena Weißenböck durchaus kritisch zu hinterfragen. Erst kürzlich verglich die feministische Autorin Evelyn Höllrigl Tschaikner etwa Shorts in der Kinderabteilung einer großen Modekette, um empört festzustellen, dass die für Mädchen immer knapper und kürzer sind als die für Buben.

Der männliche Blick

Berechtigt der Male Gaze, Teenagern Kleidervorschriften zu machen? „Man kann in einer Gesellschaft, in der Gewand als Ausdruck der Persönlichkeit und in der ,sexy‘ als schön gilt, nicht die Freiheit einer bestimmten Personengruppe beschränken – schon gar nicht bei jungen Menschen, die die Energie haben und sich trauen, etwas auszuprobieren“, sagt Verena Weißenböck – und betont: „Vielleicht kann man Sexyness durch Kleidung sogar erst dann für sich hinterfragen, wenn man es ausprobiert hat, andernfalls wird etwas schon im Keim erstickt.“

Die meisten Betroffenen, die sie bei Tamar berät, erleb(t)en sexuelle Übergriffe innerhalb der Familie. Sie entwickeln zumeist auch eine „Sensibilität für bestimmte Blicke“, beschreibt die Psychologin und Psychotherapeutin; damit sei nicht das „normale Schauen“ gemeint. „Viele Klient:innen würden sich gerne schön und sexy kleiden, schlüpfen oft aber sicherheitshalber in weite Hosen und Shirts – und berichten immer wieder, dass auch das nicht helfe.“ Sie würden dennoch gemustert, was sie je nach Belastung und Persönlichkeit als Demütigung und Angstmacherei erlebten.

Es sei generell wichtig, Mädchen und junge Frauen zu bestärken, damit sie ihr Selbstwertgefühl nicht vorrangig darüber definieren, wie sie beim „anderen“ Geschlecht ankommen. „Väter können die guten Männer darstellen“, sagt Verena Weißenböck. Das bedeute beispielsweise auch, Medienberichte über Übergriffe zu besprechen und klar Position zu beziehen. „So können Mädchen abgleichen, was sie mit Burschen erleben.“

Was als „sexy“ definiert wird, sei eine kulturelle Sache, erklärt die Opferschutz-Expertin abschließend. „Es gibt viele Gründe, warum man enge oder kurze Teile trägt. Ich wünsche mir, dass sich Frauen ohne Gefahr und mit viel Selbstbewusstsein so kleiden können, wie sie Lust haben – mit dem Gefühl: ‚Ich darf das, es steht mir zu anzuziehen, was ich will.‘“

Mädchen im Minirock

Der Weg dorthin scheint noch weit. Content Creatorin Christl Clear ist eine inspirierende Fashionista und gesteht selbst: „Man wird ständig gecatcallt. Ein Teil von mir will nicht nachgeben und einfach tragen, was ich möchte. Aber manchmal erwische ich mich dabei, was Längeres, Bedeckteres anzuziehen, weil ich mich dem nicht aussetzen möchte.“

Erst kürzlich habe sie zwei junge Mädchen in kurzen Röcken beobachtet und sich auch dabei ertappt, „wie ich mir dachte: ,Oh Gott, eure Sicherheit!‘ – Aber in was für einer Welt leben wir, in der ich mir Gedanken darüber mache, wie sich junge Frauen kleiden, während viele Männer herumlaufen, die ihr Verhalten nicht hinterfragen. Die Gefahr geht von ihnen aus, das muss ein Ende finden – damit Mädchen und Frauen nicht länger aus Angst darüber nachdenken müssen, was sie tragen.“

Abo

Immer TOP informiert: Mit dem Print oder Online-Abo der BURGENLÄNDERIN – ob als Geschenk, oder für dich selbst!

×