Hannah Darabos und Brigitte Antonius lachen gemeinsam vor dem Stoober Streckhof in Stoob.

60 Jahre dazwischen: Brigitte Antonius und Hannah Darabos im Gespräch

Brigitte Antonius und Hannah Darabos treffen einander in Stoob und sprechen über Bühne, Kamera und ein Leben für die Kunst.

8 Min.

© Bildschön Fotografie/Hanna Kleinschuster

Eben sah ich ihr noch als Polizistin im Stinatz-Krimi „Eierkratzkomplott“ am Fernsehschirm in die Augen, nun hält sie strahlend einen Blumenstrauß in der Hand und lässt sich von Peppi und Poldi begrüßen. Anstatt den Fanmoment mit Hannah Darabos zu genießen, büxen die beiden prompt aus. „Peppi! Poldi!“, ruft streng eine sehr bekannte Stimme – und das schwanzwedelnde Duo kehrt reumütig zum schönen Stoober Streckhof zurück.

„Eine Marillenmarmelade habe ich Ihnen auch mitgebracht“, sagt Hannah Darabos. „Meine Mama hat sie gemacht“, stellt die junge Schauspielerin der erfahrenen Kollegin ein blümchenverziertes Gläschen auf den Tisch. – „Das ist ja reizend, meine Lieblingsmarmelade“, freut sich Brigitte Antonius. Wir folgen voller Ehrfurcht der Frau in den Garten, die in sieben Jahrzehnten in zahlreichen Filmen, Serien und Bühnenstücken brillierte. Nur wenige Augenblicke später dürfen wir uns gegenseitig duzen und mit der 93-jährigen Künstlerin plaudern.

Noch vor wenigen Jahren lernte sie ihre Texte am liebsten im Kopfstand, erzählt sie. „Das geht jetzt nicht mehr und meinen Führerschein hab’ ich sicherheitshalber auch kürzlich abgegeben“, sagt sie ein bisschen wehmütig. Hilfe brauche sie aber nicht, winkt sie freundlich ab, als sie Kaffee und Vanilleeis serviert. Dann setzt sie sich für eine Minute und springt gleich wieder auf: „Fotografierst du schon? – Dann richte ich mir die Hose. Die Frage ist auch, ob ich mich schminken soll, ich bin jetzt im Urzustand. Nicht, dass es dann heißt: Na ja, sie schaut eh aus wie 95.“ – Sie lacht herzlich – und wir mit ihr mit.

Aufwachsen im Mittelburgenland: Hannah Darabos ist 33 und stand schon als Kind gerne auf der Bühne; sie sang, spielte im Tamburizza-­Orchester und trat später in zweisprachigen Musicals mit der Theatergruppe ihrer Heimatgemeinde Kroatisch Minihof auf. Aber die Kunst zum Beruf machen? – Sie war sich unsicher und studierte zunächst Deutsch und Spanisch als Lehramt, unterrichtete auch ein Jahr in Spanien. „Gescheit!“, kommentiert Brigitte Antonius begeistert. „Dann hast du einen Zweitberuf!“ Hannah Darabos schmunzelt, tatsächlich sei das innere Brodeln irgendwann nicht mehr zu bändigen gewesen, verrät sie. Seit ihrer Ausbildung in Schauspiel, Gesang und Tanz an der Stage School in Hamburg brennt sie für den „neuen“ Beruf.

Im Mittelburgenland verbrachte auch Brigitte Antonius ihre Kindheit; ihr Vater war Primarius am Krankenhaus Oberpullendorf. Er wurde während des Krieges eingezogen, um zunächst in Polen ein Lazarett zu leiten, da waren sie und ihre jüngere Schwester noch nicht einmal im Volksschulalter. Als ihre Mutter eine Fehlgeburt mit schlimmen Komplikationen erlitt, bekam der Vater einen Blitzurlaub; aus ihrer großen Liebe ging 1941 noch ihr Bruder hervor. „Wir sind im Bunker gesessen, er ist mitten im Krieg im Bombenregen auf die Welt gekommen“, schildert Brigitte Antonius.

Ihr Vater habe später viele vergewaltigte Frauen versorgt, „er hat immer schwer gearbeitet und ist schon mit 70 gestorben“. Ihre „Mami“ wurde 89, ihre jüngere Schwester lebt nicht mehr, „aber ihre Söhne kümmern sich um mich“, sagt sie liebevoll. Ihnen habe sie zuletzt ihr Auto überlassen, erzählt sie. Nach Lüneburg, Deutschland, wo sie nach 20 Jahren noch immer fallweise für die ARD-Telenovela „Rote Rosen“ vor der Kamera steht, fahre sie ohnehin mit dem Zug.

Wie bist du Schauspielerin geworden?

Brigitte Antonius: Ein befreundetes Fabrikantenehepaar hat zu meinen Eltern gesagt: „Das Brigittchen sollte zum Theater gehen.“ (lacht) Ich habe dann eine Aufnahmsprüfung gemacht, mit 18 Jahren war ich am Max-Reinhardt-Seminar. Schon als Elevin habe ich in Graz gespielt und mit 22 am Burgtheater; ab 24 habe ich Heimatfilme gedreht: „Der Wilderer vom Silberwald“, „Heiratskandidaten“ oder „Hallo Taxi“ mit Hans Moser …

Hannah Darabos: Ich habe gelesen, dass du Medizin studieren wolltest.

Brigitte: Genau. Aber mein Vater war nicht begeistert; er hat gesagt, das verlange ein starkes Nervenkostüm. Ich wollte – wie er – Chirurgie machen, aber er fand, ich sei zu zart dafür.

Eine Schauspielerin braucht auch starke Nerven, oder?

Brigitte: Ja, aber es geht nicht um Menschenleben, man arbeitet mit der Fantasie.

Als Frau war und ist es sicher noch einmal „anders“ anstrengend …

Brigitte: Als ich jung und hübsch war, waren viele Männer mühsam. Die hauptsächliche Arbeit war: Wie gelingt ein gutes Engagement ohne die Besetzungscouch? – Einem habe ich mal eine Watschen gegeben und bin abgehauen. Das gibt’s bis heute, aber die Frauen haben zum Glück mehr Rechte als damals.

Hannah: Ich hoffe schon, dass sich da einiges geändert hat.

Wie haben deine Eltern auf deinen Berufswunsch reagiert?

Hannah: Sie haben immer gewusst, dass ich das machen sollte. Dass das, was ich immer wollte, nämlich auf der Bühne und vor der Kamera stehen, heute mein Beruf ist, macht mich sehr happy.

Gehörte die Musik immer dazu?

Hannah: Ja, mein Partner und ich haben auch ein eigenes Bandprojekt gegründet, zum Weltfrauentag sind wir in der KUGA in Großwarasdorf aufgetreten. Und jetzt bin ich mitten in den Proben für die Sommerspiele in Melk.

Was machst du dort genau?

Hannah: Ich spiele in der Musikrevue: Das ist immer bunt gemischt mit Austropop, Rock, Neue Deutsche Welle, englisch- und deutschsprachige Lieder – heuer geht’s in „Beat it“ um die 80er.

Brigitte: Mein Gott, die 80er, das ist auch wieder 40 Jahre her!

Es läutet, Poldi und Peppi rasen zum Tor. Ein Mann grüßt freundlich rein: Brigitte, bist du nächste Woche da? Wir haben Tennisfeier, falls du vorbeikommen magst!

Die Hunde Peppi und Poldi stehen vor dem Stoober Streckhof von Brigitte Antonius.
Peppi und Poldi. Freche Brüder am Stoober Streckhof © Bildschön Fotografie/Hanna Kleinschuster

Was magst du am Spielen auf der Bühne, was vor der Kamera?

Hannah: Ich finde es sehr schön, auf der Bühne zu stehen und die Energie des Publikums zu spüren – und auch, die ganze Geschichte einer oder mehrerer Figuren zu durchleben. Ein Dreh ist ganz anders spannend; da gibst du deine Arbeit in die Hände von anderen, ohne zu wissen, wie das Endprodukt aussehen wird. – Was sagst du, Brigitte?

Brigitte: Das ist wie Tag und Nacht, wie zwei verschiedene Berufe!

Hannah: Was macht für dich jeweils den Reiz aus?

Brigitte: Eine Figur auf der Bühne nimmt den ganzen Menschen mit Leib und Seele in Beschlag, ein Stück durchzuhalten ist unvergleichbar. Ich habe ja auch Einpersonenstücke gespielt. Peter Hacks’ „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von ­Goethe“ haben wir in Graz sogar für das Fernsehen aufgezeichnet. (Erfolgreiche Produktion mit einem gesellschaftskritischen Text über Liebe, Abhängigkeit und Geschlechterrollen, Anm.)

Du hast auch unterrichtet; hast du einen Rat an die junge Kollegin?

Brigitte: Man kann nichts verallgemeinern. In dem Moment, wo du einen Text hast, beschäftigst du dich damit: Du benützt deine Fantasie, um eine Welt zu bauen, in der du die Notwendigkeit und die Voraussetzung schaffst, um als deine Figur im entsprechenden Moment das sagen zu müssen, was sie sagen soll.

Hannah: Das ist sehr schön beschrieben. – Wir müssen aus uns selber schöpfen. Hast du immer beides gerne gemacht: Bühne und Film?

Brigitte: „Gern“ ist für mich das falsche Wort, es war oft eine Qual.

Wieso?

Brigitte: Weil meine Ansprüche immer höher waren als das, was ich mir selber zugetraut habe. Ich habe nur aus Selbstkritik bestanden und mir vor Premieren fast in die Hose gemacht.

Hannah: Ich bin auch sehr selbstkritisch – und nervös. Aber wenn ich auf die Bühne gehe, ist es weg.

Brigitte: So ist es gut! Denn dann sind die Würfel gefallen.

Was genießt ihr an eurem Beruf?

Brigitte: Die Verwandlung in einen anderen Menschen, dass ich nicht immer Brigitte Antonius sein muss.

Hannah: Die Möglichkeit, all die vielen Emotionen ausleben zu können, die ich im Alltag nicht erfahren könnte.

Was haltet ihr davon, dass sich heute Künstler*innen in den Sozialen Medien vermarkten können – aber in vielen Fällen sogar „müssen“?

Hannah: Das ist heute ein irrsinnig wichtiger Faktor. Ehrlicherweise fühlt es sich manchmal wie ein Zusatzberuf an, das macht auch Druck.

Brigitte: Eine gute Geschäftsfrau sein – das wäre bei mir nie zur Debatte gestanden, das kann ich nicht. – Die Abhängigkeiten, sich mit allen möglichen Leuten gut stellen müssen – das ist irgendwie auch ein Sumpf der Korruption. – Das Showbusiness als Beruf ist schon auch eine Schnapsidee.

Hast du es bereut?

Brigitte: Wenn du das seit 70 Jahren machst, hast du keine Distanz mehr zum eigenen Leben.
Hannah: Ich bin ja noch nicht so lange im Beruf – und gerade bin ich voller Elan, Tatendrang und Vorfreude.

Brigitte (lachend): Klar, das musst du auch sein! – Vielleicht spielen wir ja einmal zusammen.

Hannah Darabos und Brigitte Antonius im Gespräch im Garten des Stoober Streckhofs.
Berufsliebe kritisch hinterfragt. Die Schauspielerinnen Brigitte Antonius, 93, und Hannah Darabos, 33 © Bildschön Fotografie/Hanna Kleinschuster

Brigitte & Hannah live & für daheim

Brigitte Antonius hat eine üppige Filmografie; die vergangenen 20 Jahre prägten ihre Rolle Johanna Jansen in der ARD-­Telenovela „Rote Rosen“. Sie spielte ab den 1950ern in vielen Heimatfilmen, aber auch in späteren Publikumserfolgen wie in Wolfgang Murnbergers „Komm, süßer Tod“. Den beeindruckenden Monolog „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von ­Goethe“ findet man in der digitalen Bibliothek archive.org

Hannah Darabos steht ab Juli in „Beat it – DA DA DA“, einer 80er-Jahre-­Musikrevue bei den Sommerspielen Melk auf der Bühne (www.wachaukulturmelk.at). In den Stinatzer-Krimis von und mit Thomas Stipsits spielt sie die burgenland-kroatische Polizistin Kampitsch. Zudem arbeitet sie an einem neuen Bandprojekt.
www.hannahdarabos.com

Abo

Immer TOP informiert: Mit dem Print oder Online-Abo der BURGENLÄNDERIN – ob als Geschenk, oder für dich selbst!

×