Offene Beziehungen: Die Freiheit, neue Menschen zu entdecken
Anna verliebte sich, obwohl sie in ihrer Ehe glücklich war. Heute lebt die zweifache Mutter polyamor. Der Wermutstropfen: Ihr Mann hadert manchmal damit.
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Keine Berufs- und keine Ortsbezeichnung, Anna ist nicht ihr richtiger Name. Selten begegnet man aktuell Menschen, die so strahlen und so positiv sind wie die zweifache Mutter – der Haken: Sie kann nicht ihr ganzes Glück nach außen tragen, weil ihre Lebensweise viele vor den Kopf stoßen würde, weiß die 40-Jährige.
Anna hat einen Gesundheitsberuf, lebt am Land – und ist seit 17 Jahren mit ihrem Mann zusammen. Vor gut zehn Jahren tauchte ein Gefühl auf, für das sie damals nicht einmal eine innere Schublade hatte: „Ich hab’ mich zu einem Freund stark hingezogen gefühlt – und das, obwohl es in meiner Ehe super lief“, erinnert sie sich. Der Gedanke ließ sie nicht zur Ruhe kommen.
Sie begann zu recherchieren und stieß auf den Begriff Polyamorie (konssensuelle nicht-monogame Beziehungsform). „Es gab damals noch nicht viel darüber, aber ich habe mich sofort in dem, was ich entdeckt habe, wiedergefunden. Ich war ganz aufgeregt, dass es sogar ein Wort dafür gab und dass auch andere Gefühle wie meine kannten.“
Ein gutes halbes Jahr setzt sie sich mit Polyamorie theoretisch auseinander, ehe sie sich ihrem Mann öffnet. „Das war eine Katastrophe“, sagt sie. „Ich hab’ damit gerechnet, dass er zuerst sagt, das wäre nichts für ihn, aber nicht damit, wie entsetzt er tatsächlich war.“
Um die Gefühle für diesen einen Freund sei es ihr nicht gegangen, betont sie. „Er war nur der Auslöser.“ Die Sache war größer. „Ich konnte mir nicht vorstellen, weiter monogam zu leben. Für mich war klar: Ich muss das verfolgen – und wenn mein Mann sich das nicht vorstellen kann, müssen wir uns trennen. Manchmal reicht die Liebe nicht, wenn Wünsche so unterschiedlich sind.“
Polyamore Menschen, die sich outen, werden oft angefeindet. Fremdgehen ist in unserer Gesellschaft hingegen viel mehr normalisiert.
Eine Trennung wollten beide nicht. Sie wussten, was sie aneinander haben, und auch, dass sie als Eltern gut funktionierten. Umkehren kam für Anna aber nicht in Frage: Sie wollte die Öffnung der Beziehung. Ihr sei klar gewesen, dass das nicht einfach werden würde, „aber unsere Beziehung war sicher und stabil, ich habe uns das zugetraut“.
Sie erleben als Paar eine kräftezehrende Talfahrt, nach Jahren voller Gespräche und Therapien gelingt der entscheidende Schritt: Anna beginnt sich zu verabreden. Ihr Ehemann trifft sich bis auf Ausnahmen „nur“ mit Freunden, doch dem bewusst mehr Zeit zu widmen, habe auch sein Leben bereichert.
Was fand Anna? – „Die Freiheit, wenn ich einen neuen Menschen kennenlerne, dass sich diese Verbindung dorthin entwickeln kann, wohin es für beide passt.
Dass nicht automatisch alles ausgeschlossen ist, nur weil man eine Beziehung hat“, beschreibt sie. In den vergangenen Jahren sei sie parallel „in eine schöne kleine Bubble aus lauter Poly-Menschen“ getaucht; sie besteht aus Partnerinnen, Freundinnen oder Exfreund*innen, „wenn alles sein darf, braucht man auch keine Labels mehr. Ich habe mich noch nie so sozial aufgehoben gefühlt wie jetzt.“
Neben ihrem Mann hat sie aktuell seit gut einem Jahr einen Partner, ein weiterer Mann kam erst vor wenigen Wochen hinzu, da sei die Richtung noch ungewiss. „Ich finde es schön, dass ich sowohl die Vertrautheit einer langjährigen Beziehung als auch die aufregende Entdeckung neuer Menschen erleben darf“, beschreibt Anna.
Polyamor leben mit Familie
Mit der „Fremdbetreuung“ ihrer Kids wollte es nicht klappen, das Ehepaar gewöhnte sich daran, dass es „kinderfreie“ Abende nur abwechselnd genießen kann. Während er an „seinen“ Abenden Freunde trifft, fährt Anna an „ihren“ nach Wien, um mit ihrer Poly-Bubble auch mal auf sexpositive Partys zu gehen oder um Zeit mit ihrem Partner zu verbringen.
Zeit zu zweit hätten hingegen Anna und ihr Mann kaum, bedauert sie, und er hadere immer wieder mit ihrem Weg. Er habe aber damit umzugehen gelernt. „Die Verlustängste wurden weniger. Er weiß, ich gehe weg, aber ich komme immer wieder zu ihm nach Hause zurück.“
Ihre Kinder erfahren, dass Mama in Wien Freunde trifft und dort übernachtet, aber für die polyamore Wahrheit hält sie Anna noch für zu jung. Ein bisschen neidisch erzählt sie von polyamoren Freunden, wo die Kinder von Beginn an mit mehreren Bezugspersonen in einer Wohnung aufwachsen. „Das ist auch eine Entlastung. Das ist das Dorf, um ein Kind großzuziehen, von dem alle reden, das aber kaum jemand hat.“
Mit dem ländlichen Umfeld, Verwandten im gleichen Ort und der Unsicherheit ihres Mannes als Background will sie ihr alternatives Liebesleben lieber für sich behalten. In der Stadt und unter den Jungen sei schon viel im Umbruch. „Wenn die Mitte-20- oder 30-Jährigen sich in ihren Freundeskreisen als poly outen, sind sie nicht mehr die Einzigen.“
Dass polyamore Konstellationen eine Herausforderung seien, ist ihr klar; schließlich erfordere es viel Austausch über Regeln, Vereinbarungen und Gefühle. „Unsere Poly-Gruppenleiterin (Natascha Ditha Berger, Psychotherapeutin und Sexologin, Anm.) sagt: Die Polyamorie ist ein sicherer Weg, sich mit allen seinen Themen zu konfrontieren.“
Wann und wie ein Outing gegenüber den eigenen Kids möglich sein wird, bereitet Anna nicht nur wegen ihrem Mann Kopfzerbrechen. „Ich kriege mit, wie manche Poly-Menschen angefeindet werden“, ärgert sie sich. „Fremdgehen ist in unserer Gesellschaft hingegen viel mehr normalisiert.“
Sie will ihren Kindern etwas anderes mitgeben: „Ich versuche ihnen bewusst zu machen, dass es nicht nur die Schubladen mit den engen gesellschaftlichen Grenzen gibt, sondern viele unterschiedliche Formen. Frauen können Frauen lieben, Männer können Männer lieben, es gibt Menschen, die eine Beziehung haben, und welche, die mehrere haben. Manche Menschen wollen Kinder, manche nicht. Und alles ist okay.“
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