Poly: 4 Personen stehen vor einer blau-weiß gemusterten Tapete

Polyamorie – ein Partner in jedem Stockwerk

2012 gründete Reinhard Gaida die „Schwelle“ als sexpositiven Ort. Demnächst zieht er in ein Poly-Haus in New York.

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Polykül in New York. Reinhard Gaida (r.) mit Ehefrau, deren Partner und dessen Frau © Dror Pikielny

Partnerin, Kind, Haus mit Garten, regelmäßiges Fußballtraining plus Matches – Reinhard Gaida lebte ein ziemlich „klassisches“ heteronormatives Leben. „Es wird uns vorgegeben, dass das so zu machen ist“, sagt er. Vor gut 20 Jahren spürt er, dass das nicht sein Weg ist – und begibt sich auf eine „Entdeckungsreise“, die ihn kürzlich bis nach New York führt.

Ich sehe auf Instagram: Du hast im Dezember geheiratet – gratuliere! Damit hab’ ich aber nicht gerechnet …
Reinhard Gaida: Wieso? Auch wenn man polyamor lebt (mehrere liebend, Anm.), kann man heiraten (lacht). Wir haben uns schon länger gekannt, uns im Sommer nach ein paar Jahren wieder getroffen – und schnell gemerkt, dass unsere Beziehungskonzepte die gleichen sind, dass wir das Gleiche wollen. Wir haben uns total verliebt. Ich werde zu meiner Frau nach New York ziehen, komme aber immer wieder nach Wien, weil ich hier Workshops mache, Festivals und Retreats in Europa organisiere – und um mein Netzwerk zu treffen, das ich mit der „Schwelle“ aufgebaut habe.

Was ist die „Schwelle“?
Wenn ich früher weggegangen bin, hab’ ich oft Clubs erlebt, in denen die Leute tranken, auf Drogen waren, eigentlich ging’s die ganze Zeit um Sex, aber keiner hat’s ausgesprochen. Das war mir zuwider und ich hab’ dieses männliche Jagdverhalten dermaßen unerotisch gefunden!

Auch die Swingerclubs haben mir nicht getaugt. 2012 hab’ ich die „Schwelle“ gegründet: ein Event-Space mit Workshops und Bildungsangeboten tagsüber und sexpositiven Partys am Abend. Die Idee war, eine Konsenskultur einzuführen: keine Mobiltelefone und „Frag, bevor du jemanden berührst“. Alles außer einem enthusiastischen Ja ist ein Nein. Wir hatten eine „No Drugs Policy“, um seine Bedürfnisse klar artikulieren und Grenzen setzen zu können. Die Location hab’ ich 2024 verkauft.

Du lebst bald in einem Poly-Haus in New York. Was bedeutet das?
Ich werde mit meiner Frau im ersten Stock leben, im Erdgeschoß wohnt ein weiteres Ehepaar: Der Mann ist der zweite Partner meiner Frau. Seine Frau hat auch noch andere Partner, genauso wie meine Frau. Wir haben ein offenes Beziehungssystem.

Poly: Portrait eines lächelnden Mannes im schwarzen Hemd mit gemustertem Hintergrund
Aufklärung. Reinhard Gaida organisiert Events zu alternativen Beziehungsformen. © Dror Pikielny

Polyamorie funktioniert auf Basis von Ehrlichkeit, Transparenz und Liebe.

Wie passierte bei dir der Wandel?
Vor gut 20 Jahren habe ich begonnen, Workshops zu machen, mich sexuell weiterzubilden, und ich hab’ viel ausprobiert. Ich hatte aber immer Beziehungen hintereinander. Als ich die „Schwelle“ gegründet hab’, hab’ ich mich in eine Frau verliebt, die gesagt hat: Ich hab’ einen Freund, aber das ist kein Problem, ich rede mit ihm. – Das war für mich das Opening in die Polyamorie.

Mein Grundsatz heute: Du bist frei in deiner Wahl, gefährde nur meine Gesundheit und uns nicht, indem du ungeschützten Sex hast oder einen Menschen mit kriminellen Machenschaften in die Beziehung bringst.

Was magst du an deinem Leben?
Dass ich mich voll auf eine Beziehung einlassen kann und trotzdem Freiheit genieße. Aus monogamen Strukturen werden oft Besitzansprüche abgeleitet, viele meinen, entscheiden oder kontrollieren zu müssen, was der/die Partner*in macht. Ich sage „Ja“ zu einer Beziehung, aber es muss trotzdem klar sein, dass wir zwei Erwachsene sind, die für sich allein stehen und agieren.

Polyamorie ist die Abwesenheit von Co-Abhängigkeit; es ist wie ein Setzkasten, wo du dir die Beziehung zusammenbauen kannst, die du brauchst – mit dem Einverständnis des/der Partner*in. Ich finde es gut, über alles reden zu können, ohne Sexualität oder andere mögliche Partner*innen und Erfahrungen auszuklammern.

Böse Zungen könnten behaupten, so ein Setzkasten klingt nach: Ich picke mir die Zuckerln heraus …
Nein. Wir führen ehrliche Beziehungen. Wir flüchten nicht vor Negativem, um nur Positives haben zu wollen. Wir setzen uns auch mit Grenzen und Schwierigkeiten auseinander.

Wie sieht es mit Eifersucht aus?
Ich freue mich, wenn es meiner Frau gut geht, wenn sie umsetzt, was sie machen will. Ich hatte zwei Mal in meinem Leben das Gefühl von Eifersucht, beide Male lag es an meinen unerfüllten Bedürfnissen. Eifersucht zeigt für mich einen Mangel an Selbstwert an oder dass man sich um seine Bedürfnisse kümmern sollte.

Es kursieren Vorurteile, wie dass polyamore Menschen beziehungsunfähig wären …
Es wäre wichtig zu verstehen, dass Menschen grundsätzlich divers sind: auch in ihrer Sexualität und Beziehungsführung.

Wie ist dein Status quo?
Es gibt Personen, mit denen ich mich treffe, aber im Moment habe ich keine zweite aktive Partnerin. Wir sind erst ein paar Wochen verheiratet und fahren jetzt erst mal in die Flitterwochen (lacht).
Treue bedeutet Konsens, ich verhalte mich nach dem, was wir uns ausmachen. Das muss immer klar besprochen werden und zu beiden passen.

Wir erleben immer wieder, dass Paare in die Poly-­Gruppe (Gruppenberatung, Anm.) kommen, weil eine Person die Beziehung öffnen will. Es funktioniert aber nicht, wenn nicht beide das Gleiche wollen. Du kannst es damit vergleichen, wenn eine Seite Kinder will, die andere nicht.

Wird Polyamorie zum Trend?
Ich merke, dass immer mehr da­rüber reden und schreiben. Polyamorie bedeutet nicht: Wir vögeln alles, was bei drei nicht am Baum ist. Es geht um eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, mit den Partner*innen, es funktioniert auf Basis von Ehrlichkeit, Transparenz, Liebe – und manchmal beinhaltet es auch Sex.

Ein Trend bringt immer ein Thema in die Mitte der Gesellschaft, wir werden sehen, was am Ende übrigbleibt. Mir ist es ein Anliegen, dass die Menschen sich aufeinander einlassen können und sich trotzdem frei fühlen. Ich freue mich, wenn die Leute glücklich sind, sich weiterentwickeln und die Beziehung führen, die zu ihnen passt.

www.reinhardgaida.com

www.schwelle.events

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