Push it: Hebamme Katharina Peruzzi im Interview
Katharina Petuzzi ist freiberufliche Hebamme und weiß: Geburten kann man noch so gut planen – am Ende kommt oft alles anders. Was sollte man als werdende Mama trotzdem wissen?
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Neun Monate Schwangerschafts-Content, drei Geburtsvorbereitungskurse, ein detaillierter Geburtsplan und ein Kopf voller gut gemeinter Tipps – und trotzdem kommt es im Kreißsaal oft ganz anders als erwartet.
Katharina Petuzzi kennt diesen Moment sehr gut: Als freiberufliche Hebamme steht sie Frauen während der Schwangerschaft und nach der Geburt ihres Babys mit Rat und Tat zur Seite. Wir sprechen mit ihr darüber, wie sich Schwangere am besten auf den wohl intensivsten Moment ihres Lebens vorbereiten, welche Rolle Social Media dabei spielt – und wie es gelingt, das Vertrauen in den eigenen Körper zu stärken.
Im Kreißsaal arbeiten Hebammen und Ärzt:innen eng zusammen. Wer übernimmt eigentlich welche Aufgaben?
Katharina Petuzzi: Hebammen begleiten und beobachten den physiologischen Geburtsverlauf kontinuierlich und unterstützen die Gebärende in verschiedenen Gebärpositionen. Ärzt:innen kommen dazu, wenn medizinische Entscheidungen oder Interventionen notwendig werden – und natürlich in dem entscheidenden Moment, wenn das Kind geboren wird. Idealerweise arbeitet man im Kreißsaal als Team – jede Berufsgruppe bringt ihre Expertise ein.

Welche Rolle spielt die emotionale Begleitung der Frau im Kreißsaal?
Eine unerwartet große! Frauen kommen mit ganz unterschiedlichen Geschichten in den Kreißsaal – mit Vorfreude, aber auch mit Unsicherheit und Ängsten. Die kontinuierliche Präsenz einer vertrauten Person – manchmal reicht schon eine ruhige Stimme – kann einer Frau sehr viel Sicherheit geben. Wenn ich merke, dass eine Frau ängstlich wird, versuche ich, Blickkontakt zu halten, ruhig zu sprechen und auch ein bisschen zu motivieren: „Wir sind alle da. Wir schaffen das. Vertrau deinem Körper.“ Studien zeigen: Je intensiver eine Frau begleitet wird, desto weniger Interventionen sind nötig und desto positiver erlebt sie die Geburt.
Was kann der:die Partner:in tun, um während der Geburt zu unterstützen?
Vor allem präsent sein und Ruhe ausstrahlen – am besten ohne das Gefühl, alles regeln zu müssen. Es reicht, die Hand zu halten, regelmäßig Wasser anzubieten und ans Atmen zu erinnern. Wenn wir aufgeregt sind, wird unsere Atmung automatisch schneller – ruhiges, gemeinsames Atmen kann daher im Kreißsaal sehr hilfreich sein. Aber gerne auch Lob aussprechen, die Partnerin auffangen und den Weg der Geburt einfach gemeinsam gehen. Es braucht keine großen Gesten.
ChatGPT, YouTube, Podcasts: Werdende Eltern haben heute Zugang zu einer Flut an Informationen. Macht all das Wissen Frauen selbstsicherer oder eher ängstlicher?
Die Information an sich ist nicht problematisch, aber sie kann dazu führen, dass werdende Eltern eine fixe Vorstellung entwickeln, wie die Geburt ablaufen sollte. Eine Geburt lässt sich aber nur begrenzt planen. Sie kann manchmal genauso ablaufen, wie man es sich erhofft, aber es können auch unvorhergesehene Dinge passieren. Wer ein bestimmtes Video zehnmal angeschaut hat und denkt: „Genau so soll es bei mir sein“, kann am Ende enttäuscht werden. Information ist wichtig – aber bitte in erster Linie von Fachpersonen. Deshalb hängt in unserer Ordination auch ein Schild: „Don’t google with a Kugel.“
Auch offline bekommen Schwangere Tipps von allen Seiten – von Verwandten, Freund:innen, Arbeitskolleg:innen. Wie gelingt es, trotzdem bei sich zu bleiben und in den eigenen Körper zu vertrauen?
Ich sage immer: Nehmt die Ratschläge von anderen gerne an, aber besprecht sie im Anschluss mit eurer Hebamme oder Ärzt:in. Manche Hinweise können sehr wertvoll sein, andere sind schlicht nicht mehr zeitgemäß. Was generell hilft: Hört immer in euch hinein – ist das stimmig für mich, brauche ich das wirklich? Man muss nicht alle Tipps auch umsetzen.
Manche Frauen beschreiben die Geburt als fast meditative Erfahrung, andere als äußerst schmerzhaft. Wovon hängt es ab, wie stark der Geburtsschmerz erlebt wird?
Von sehr vielen Faktoren – körperlichen, hormonellen, psychischen, aber auch von der Umgebung, in der man gebärt. Wenn eine Frau sich wohlfühlt, sinken die Stresshormone, das Oxytocin steigt – und Oxytocin ist wehenfördernd. Gute Wehen sind häufig mit einem guten Geburtsverlauf verbunden. Auch Bewegung und Atemtechniken können das Geburtserlebnis positiv beeinflussen. Leider gibt es nicht die eine Methode, die für alle funktioniert.

Stichwort Geburtsschmerz: In Frankreich und Spanien wählen 80 Prozent der Gebärenden eine schmerzlindernde Periduralanästhesie, kurz PDA, in Österreich sind es nicht einmal 30 Prozent. Was lesen Sie aus diesen Zahlen?
Ich glaube, viele Frauen setzen sich unter Druck, möglichst „natürlich“ gebären zu wollen – und daraus entsteht ein stiller Wettbewerb, im Sinne von: „Ich habe es ohne Schmerzmittel geschafft. Du auch?“ Das halte ich für einen grundlegend falschen Ansatz. Ob eine Frau eine PDA in Anspruch nimmt oder nicht, ist ausschließlich ihre Entscheidung. Wichtig ist, dass sie gut informiert ist, ihre Möglichkeiten kennt und frei wählen darf – ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Am Ende sollte sie sagen können: Das war die richtige Entscheidung für mich.
Zuletzt: Welchen Rat würden Sie werdenden Müttern gerne mitgeben?
Informiert euch – aber bei Fachpersonen und immer mit Augenmaß. Grenzt euch ruhig ab, wenn ihr merkt, dass euch Informationen mehr belasten als helfen. Und vergesst nicht: Geburt ist ein natürlicher Prozess. Euer Körper weiß, was er zu tun hat, euer Baby kennt den Weg. Geht nicht mit einem perfekten Plan in diese Reise, sondern mit Vertrauen.
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Über die Autorin:

Andrea Pfeifer-Lichtfuss ist Chefredakteurin der TIROLERIN und für die Ressorts Beauty und Style zuständig. Sie mag Parfums, Dackel und Fantasyromane. In ihrer Freizeit findet man sie vor der X-Box, beim Pub-Quiz oder im Drogeriemarkt.
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