„Atmosphere“: Erwin Wagenhofers neuer Film über eine bessere Zukunft
Erwin Wagenhofer und Sabine Kriechbaum porträtieren in „Atmosphere“ Menschen, die Strategien gegen den Klimawandel leben und lehren. Ab 9. Oktober im Kino.
© Franzi Kreis
Maria Giménez zerkrümelt die dunkle saftige Erde. Anna Heringer und Martin Rauch bearbeiten ein Lehmmodell mit kraftvollen Bewegungen. Ernst Götsch ertastet mit zerfurchten Händen, welche Äste weichen müssen, damit die Früchte gedeihen können. Es ist, als würden die Hände der Protagonist*innen, wie sie ihre Arbeit in und mit der Natur verrichten, eine eigene Geschichte erzählen.
Diese Idee drängt sich nicht im Kino beim Vorabsehen von Erwin Wagenhofers „Atmosphere“ auf. Dort will man einfach das Destillat, das der Filmemacher aus hoffnungsvollen Initiativen gewann, genießen.
Aber warten Sie, bis Sie heimkommen: Mein Weg führte mich quasi direkt in den Garten, um mich einer enthemmt wachsenden Weinrebe zu widmen. Es sind keine schrägen Vögel, keine weltfremden Aussteiger*innen, die Erwin Wagenhofer besuchte. Dem Klimawandel wollen sie mit fundierter Expertise und ausgeklügelten Konzepten die Stirn bieten. Für das Drehbuch zeichnete er gemeinsam mit Sabine Kriechbaum verantwortlich; wir trafen die beiden zum Interview.

Als Sie vor sieben Jahren „But Beautiful“ in die Kinos brachten, haben Sie gesagt: Es habe einen positiven Film in einer entmutigten Zeit gebraucht. Was hat sich verändert? Sind wir noch entmutigter?
Erwin Wagenhofer: Das sind wir sicher, aber ich hoffe, auch offener. Mir wurde vor „But Beautiful“ klar, dass ich aufhören muss, nur kritische Filme zu machen. Den Kern der Abendländischen Wissenschaften machen Kritik und Zweifel aus, mit dem kommen wir jetzt aber nicht mehr weiter. Wir wollten umso mehr einen Film machen, der den Leuten Mut gibt. So, dass man sagt: Da kann ich auch in meinem Garten etwas tun, auch mit meinen Kindern. Die Hauptsünde des Kapitalismus – nicht alles ist schlecht daran – ist, dass man uns einredet, es gäbe zu wenig. Dadurch kriegen die Leute Angst und lassen sich einspannen. Aber es gibt genug, das ist die Botschaft.
Sabine Kriechbaum: Die Essenz, mit der man aus „Atmosphere“ rausgehen kann, ist: Man muss nicht warten, bis die Politik was macht. Beim Klimawandel geht es nicht nur um CO2, es geht auch um den Boden, um Biodiversität. Hier gibt es Faktoren, die jede*r mitgestalten und beeinflussen kann.


Einer der Protagonist*innen ist Ernst Götsch, der in gut drei Jahrzehnten in Brasilien einen Regenwald revitalisierte. Es wirkt wie ein Wunder …
Erwin: Wir zeigen auch einen seiner Schüler, der in Portugal in wenigen Jahren einen Boden wiederbelebt hat.
Sabine: Er hat im Sommer gepflanzt, im Jahr darauf sieht man in den Drohnenaufnahmen, wie viel Neues in etwas mehr als einem Jahr entstand.
Wie fanden Sie Ihre Protagonist*innen?
Sabine: Zu Ernst Götsch hatten wir schon seit Jahren eine Verbindung. Als „But Beautiful“ ins Kino kam, haben wir eine Zuschrift bekommen, wie gut es doch wäre, etwas mit ihm zu machen.
Erwin: Das Interessante ist: Als ich mit dem Film angefangen habe, hat ihn noch kaum jemand gekannt und ich habe sogar etwas gezögert, weil ich keinesfalls wollte, dass man ihn als den alten Spinner in Brasilien abtut. In kürzester Zeit hat sich das geändert. Landwirtschaftsexpert*innen, Minister*innen und Bäuer*innen kommen zu ihm; er kriegt internationale Preise. Das Spannende bei ihm ist ja auch: Er ist keiner, der sich einfach mit seinen Pflanzen zurückzieht, er kommt tatsächlich aus der Pflanzenforschung, will produzieren und zeigt auch, wie viel Kakao bei ihm wächst. Mit seinem Schüler Marc Leiber in Portugal und der Künstlerin und Gemüsegärtnerin Maria Giménez in Deutschland haben wir ein Triumvirat, das überzeugend wirkt.
Sabine: Sie beraten professionell, viele kommen zu ihnen, die Lösungen suchen, weil sie mit dem konventionellen Anbau an die Grenzen stoßen. Ernst Götschs Expertise ist weltweit gefragt.
Erwin: Ein anderer Schüler von ihm ist seit einigen Jahren der Leiter der Vatikanischen Gärten.

Fesselnd sind auch die Sequenzen über die Architektin Anna Heringer und den Lehmbauexperten Martin Rauch. Die beiden realisierten auch im Seewinkel ein Projekt: das biodynamische Weingut Meinklang. Faszinierend, wenn sie die Vorteile erklären …
Sabine: Lehmbau wurde irgendwann als rückschrittlich angesehen; im Film sieht man, wie modern und schön er aber sein kann. Er ist nur aktuell wenig populär.
Erwin: Maria Giménez sagt: Wir müssen wieder umgekehrt denken und mehr Menschen in die Landwirtschaft und zum Handwerk bringen. Nicht das Material ist teuer, es bedarf aber einer Zuwendung. Martin Rauch hatte Keramik studiert, zunächst seinen Geschwistern und dann sich selber Lehmhäuser gebaut und sich vieles selber angeeignet. Vor Kurzem bekam er den Europäischen Bauhauspreis, die höchste Auszeichnung dieser Art.
Sabine: Was die Charaktere im Film verbindet, ist auch, dass sie beide gerne mit ihren Händen arbeiten. Das machen wir als Gesellschaft immer weniger. Wir sitzen am Computer und am Handy, sind zu viel im Kopf und in der virtuellen Welt. Das tut uns nicht gut, wir verlieren den Boden unter den Füßen.

Was verbindet Ihre Pionier*innen?
Sabine: Das Um und Auf ist der Mut zum Scheitern. Ernst Götsch wusste, dass er mit Pflanzen umgehen kann, aber er kaufte ein kaputtes Land, es hätte scheitern können. Sie alle haben außerdem den inneren Antrieb, etwas verändern zu wollen.
Erwin: Heute hat kaum ein Mensch den Mut zu scheitern, kaum eine Politiker*in gibt zu, Fehler gemacht oder falsche Entscheidungen getroffen zu haben. Wir bräuchten eine Bewusstseinsänderung. Wir verzichten auf nichts, wenn wir ein Handy, ein Auto, einen Anzug, einen Computer weniger haben. Das erleichtert uns nur. Die Menschen, die wirklich wissen, was Verzicht ist, sind die, die morgens die Dosen in den Supermarkt zurücktragen, die sie in der Nacht gesammelt haben.

Sie beleuchten in mehreren Dokus gesellschaftliche Phänomene. Wie geht es Ihnen, wenn Sie die Nachrichten aufdrehen?
Sabine: Ich tue es kaum noch, es ist zu deprimierend. Auch wenn sich im System nicht viel verbessert: Ich sehe, wie viele Menschen sich Veränderung wünschen oder sie einfach in ihrem Rahmen umsetzen.
Erwin: Gruppierungen, wie die um die Landwirtin Maria Giménez, werden mehr; ich habe kürzlich mit ihr telefoniert, da hatte sie zuvor einen Workshop, der sehr gut besucht war. Sie hat gesagt, dass früher eher eine bestimmte Gruppe von Menschen gekommen ist – ich sage jetzt einmal ganz wertfrei: eher Leute, die beispielsweise auch einen Yoga-Kurs besuchen. Heute ist das Publikum vielfältiger; es kommen Teilnehmer*innen aus allen Schichten, auch Menschen, die mit Landwirtschaft vorher nichts zu tun hatten.

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