Ronny Malzer und Mario Riegler: Eine Liebe ohne Verstecken
Ronnie Malzer und Mario sind seit mehr als 20 Jahren ein Paar, doch zehn davon musste Mario „schweigen“. Über stille Hürden und zwei laute Jas.
© Sabine Hauswirth/Retreat and Health Resort Marienkron
Ronny Malzer war sehr jung, als sein Talent sogar einer Nachbarin auffiel. „Lasst ihn doch mal vortanzen“, sagte sie damals, da war er Volksschüler. Sie hatte es ganz richtig gesehen. Nur wenig später hüpfte der junge Mann vor Professor Birkmeyer, dem ehemaligen Solotänzer und Leiter der Ballettschule der Wiener Staatsoper, auf und ab – und wurde sofort aufgenommen.
Ronny nahm zwar selten die ausgetretenen Pfade, dennoch ging es rasant bergauf, bis er selbst als Tänzer in grellem Rampenlicht stand. Es ist also längst nicht sein erstes Interview, trotzdem wirkt er an diesem Frühsommernachmittag ein bisschen nervös, als er die Tür herzlich öffnet.
„Was für ein Klischee“, werden Sie sich vielleicht beim Lesen dieser Zeilen denken. Ein bisschen haben Sie recht, Ronny war ein homosexueller Balletttänzer. Aber wie es eben mit Schubladen so ist: Das Konstrukt ist starr; was größer oder anders geformt ist, passt nicht hinein. Öffnen Sie sich also bitte gerne für die Geschichte abseits des Klischees.
Bis zum heutigen Lebensglück standen Ronny und sein Lebenspartner Mario gemeinsam viel durch; depressive Episoden und Jahre des Sich-Versteckens gehören dazu. „Du hast dem Interview schnell zugestimmt, wieso?“, frage ich ihn vorsichtig – und in der Hoffnung, dass er es sich nicht anders überlegt.
„Ich kann heute damit umgehen, das ist für mich kein Schamthema mehr. Es ist für mich ein wichtiger Schritt, dass ich sage: It’s normal, it’s me. Das bringt mich auch weiter“, sagt er selbstsicher. Mario, der mehr als zehn Jahr lang für die Familie bloß „der gute Freund“ sein durfte, ist sichtlich gerührt. „Das finde ich jetzt ehrlich sehr toll, ich hab’ Gänsehaut“, sagt er.

Die Jugendjahre
Mario Riegler wird demnächst 48 Jahre alt. Aufgewachsen ist er also in einer noch lange Internet- und Social-Media-freien Zeit, in einer kleinen katholischen Gemeinde in Kärnten. Er ist das jüngste Kind von drei und besucht zunächst ein Stiftsgymnasium, „dort wurde sogar das Thema Aufklärung ausgespart“, lacht er. Ein bisschen Nachhilfe bot das Programm nach 23 Uhr am Fernseher, den er sich mit 17 selbst kaufte. Die Oberstufe macht er an einer HTL für Maschinenbau, „ich hab’ mich da nie wohl und richtig gefühlt“, gefolgt vom Pflichtprogramm Bundesheer. Eine Silvesterparty in Wien reicht, um sich Hals über Kopf zu verlieben – in einen Mann und in die Stadt.
Er kündigt seinen Job in Kärnten und geht nach Wien. Die Beziehung sei zwar schnell gescheitert, die Liebe zur Stadt blieb. Er beginnt ein neues Leben, studiert mit einem Stipendium Publizistik- und Kommunikationswissenschaften – und surft durch verschiedene Branchen der Privatwirtschaft. Auch leitende Positionen sind dabei, Mario powert sich aus, Panikattacken und Depressionen folgen. Er beginnt, Therapien zu machen, „aber meine Kindheitsgeschichte, die Strenge und die Leistungsorientierung einer Arbeiterfamilie war sehr tief verwurzelt“. Er scheint nirgendwo happy zu sein – außer bei einem Menschen.

Wir sind ein ganz normales Paar, das abends über das Geschirr vom Morgen streitet.”, Ronny
Ronny Malzer wächst mit einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester zunächst in Schwechat, später in Parndorf auf. Als die Ballettschule der Staatsoper ihn aufnimmt, kommt er ins Internat; Vormittag Gymnasium, Nachmittag Training und sehr viel Disziplin sind dort angesagt. „Ich war aber immer schon ein Freigeist, ich wollte da schnell wieder weg, zurück in meine Bubble“, erinnert er sich. An der Ballettschule bleibt er weiterhin, vormittags besucht er aber nunmehr die Hauptschule in Schwechat. „Das war wie eine Parallelwelt und meine Schulkollegen wussten genau, wohin ich nachmittags gehe“, sagt er und verzieht das Gesicht.
„Ich habe mich sehr angestrengt, um nicht zu sehr aufzufallen, ich wollte mich irgendwie tarnen, aber natürlich hab’ ich auch gehört: ,Eeeh klar, Ronny und Ballett.‘ Ich hab’ vermutet, dass das nicht gerade hetero rüberkommt, und hab’ mir selbst gesagt: Be a man! Bemüh dich!“ Er hat’s auch mit Mädchen versucht, erzählt er, und bis heute nage das schlechte Gewissen an ihm, „weil ich ihnen gegenüber fake war. Aber ich wollte so sehr normal sein.“ – „Das ,Normalsein‘ haben wir alle probiert“, pflichtet ihm Mario bei.
Ronny wurschtelt sich durch die Schulzeit, sein Ballettdiplom absolviert er schließlich am Konservatorium der Stadt Wien. Er tanzt an verschiedenen Opernhäusern, erhält auch ein Engagement an der Wiener Staatsoper, lange bleibt er nirgendwo. „Er hatte das Zeug zum Startänzer, aber das war nicht seine Welt“, weiß sein Partner. Ronny macht stattdessen lieber Improvisationstanz und malt, schließlich sattelt er komplett um und absolviert eine Ausbildung zum Heilmasseur. „Es hat mich immer schon fasziniert, was der menschliche Körper alles leisten kann; ich habe das Thema Bewegung sozusagen für mich transformiert“, beschreibt er.

Die große Liebe
Nahezu heimlich beginnt er fortzugehen und Männer zu daten, im legendären Gay-Lokal „Mango Bar“ lernt er Mario kennen – und wagt sogar den ersten Schritt. Es funkt schnell zwischen den beiden, doch bis daraus eine Beziehung wird, vergeht noch etwas Zeit; Ronny geht für ein Jahr nach Lissabon. „Als er heimgeflogen ist, ist er zu mir in meine 36-Quadratmeter-Studentenwohnung gezogen, seither sind wir zusammen“, erzählt Mario. Da waren sie beide Anfang 20.
Doch Ronny haderte noch immer. „Wie kann das sein, da war doch schon die Schulzeit vorbei – und die künstlerische Szene ist doch für gewöhnlich sehr offen?“, überlege ich laut. Mario kennt die Antwort: „Jeder, der Therapieerfahrung hat, weiß, dass die Wurzeln für all die Unsicherheiten woanders liegen. In der Kindheit, Jugend, in diversen Aussagen, die man über andere gehört hat, wenn wieder jemand als Schwuchtel bezeichnet wurde.“
Noch einmal zehn Jahre sollte es dauern, bis Ronny sich traute, seinen Eltern von der Beziehung zu Mario zu erzählen; da kannte ihn die Familie bereits längst. „Ich hatte lang das weit verbreitete Bild des gefährlichen homosexuellen Mannes im Kopf, der ein perverses Leben führt. Ich habe mir die ganze Zeit gedacht: Was werden die anderen von mir denken?“

Jeder von uns hat es mit dem „Normalsein“ versucht.” Mario
Und dann kam der große Outing-Tag – und es passierte: nichts. „Glaubst, dass das jetzt so eine Überraschung für uns ist?“, sollen seine Eltern gesagt haben. Und wenngleich sie sich in Bezug auf seine Partnerschaft nicht gerade gesprächig zeigen, so hätten seither alle viel dazugelernt. „Mein Vater hat mich sogar mal in einer Gesprächsrunde im Ort verteidigt und gesagt: Lasst sie einfach so leben, wie sie sind.“
Mario war bedeutend jünger, Anfang 20, als er seinen Eltern erzählte, dass er auf Männer steht. „Ich hab’ heute ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern, das Outing war damals schwierig“, erinnert er sich. „Heute sehe ich aber vieles anders. Wenn du selber mit dir nicht klarkommst, wie kannst du erwarten, dass dein Gegenüber mit dir klarkommt? So gesehen war die Reaktion meiner Eltern besser als erwartet. Im Nachhinein kann ich sagen: Ich habe damals sehr an mich gedacht und nicht reflektiert, was das für sie in einem kleinen Dorf bedeutet hat.“
Lieben und leben
Wenn im Juni das große Pride-Event Wien quasi in einen farbkräftigen Topf taucht, werden Ronny und Mario selbst am einen oder anderen Hotspot mitfeiern. Allerdings ärgert es sie durchaus, welches Image viele von der schrillen Parade für sich ableiten. „Darum haben wir uns über eure Interviewanfrage gefreut, wir möchten parallel auch zeigen, dass wir ein ganz normales Pärchen, ganz normale Nachbarn sind“, sagt Ronny, der mittlerweile seit gut fünf Jahren gemeinsam mit seinem Partner eine eigene Praxis für Heilmassage in Wien betreibt. Dort fühlt sich Mario nun auch beruflich angekommen, „das ist genau das, wonach ich gesucht habe“.
Im Vorjahr haben sich die beiden verpartnert – und ihren Tag bewusst zu zweit gefeiert, gekrönt von Flittertagen in Paris. Neben ihrer Liebe waren es genau die Gründe, wie sie es auch in heterosexuellen Beziehungen sind, warum sie den Schritt machten. Es geht um Entscheidungen, wenn der Partner unerwartet ins Krankenhaus muss, um rechtliche und Wohnungsfragen. Und es sind die gleichen Konflikte, die es im Alltag auszutragen gilt, „wenn jemand seine Hose quer auf der Couch liegen lässt“, lacht Mario, „oder nicht das einkauft, worum ich gebeten hab’“, kontert Ronny. In Wien fühlen sie sich wohl und safe, betonen die beiden. Nur manchmal kann es vorkommen, dass wenn sie gerade wo romantisch entlang schlendern, plötzlich Ronny Marios Hand auslässt, „wenn ich Blicke spüre, die mir unangenehm sind“, sagt er.
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