Behinderten-Förderungsverein: Obfrau im Porträt auf einer Treppe im Freien.

Zweitjob “Obfrau eines Behinderten-Förderungsvereins”

Roswitha Knebelreiter engagiert sich als Obfrau des Behinderten-Förderungsvereins Neusiedl am See für ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Beeinträchtigungen.

4 Min.

© privat

Seit fast 20 Jahren ihr ehren­amtlicher Zweitjob: sich für ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Beeinträchtigungen zu engagieren. Roswitha Knebelreiter ist Obfrau des Behinderten-Förderungsvereins Neusiedl am See.

Nicht einmal eine Handvoll Menschen in Europa hatten die Diagnose von der Stoffwechselerkrankung, mit der Julia in den 1980er Jahren geboren wurde. Die Muskeln in ihrem Körper waren beeinträchtigt, sie konnte nur schwer das Gleichgewicht halten. Wenngleich ihre Zunge nicht so folgte, wie sie es sich wünschte, war sie kommunikativ und lebensfroh, erzählt ihre Mutter Roswitha Knebelreiter. „Wenn wir mit ihr unterwegs waren, haben wir viele Menschen kennengelernt, sie war eine Lustige – und die Zeit mit ihr eine große Bereicherung.“ Julia lernte es einzuschätzen, wer keine Berührungsängste hatte, „und wir haben oft gesehen, wie vielen Menschen ihre Umarmung gut getan hat“.

Julias erste Lebensjahre waren hart

Neurologische Behandlungen sogar in Deutschland und quälende Gedanken bestimmten diese Zeit: „Ich habe mich gefragt: Was habe ich falsch gemacht? Wieso passiert uns das? Anzuerkennen, dass unser Kind sich nicht so entwickelt wie ,die anderen‘, hat mich zuerst sehr traurig gemacht.“

Doch mit der Zeit lernte die Familie – Julia hat eine ältere Schwester – mit der unerwarteten Situation umzugehen. Die Sorgen konnten in den Hintergrund rücken, „wir begannen unser Familienglück mit Julia in vollen Zügen zu genießen“, erinnert sich Roswitha Knebelreiter zurück. Skifahren, Spazieren, Schwimmen, Kaffeetrinken – Julia war überall mit dabei; mit einem eigens für sie konstruierten Rad lernte sie sogar das Fahrradfahren. Sie besucht schließlich die Waldschule in Wiener Neustadt, wird in vielen Bereichen selbstständig.

Als die Schulzeit vorbei ist, sollen all die neuen Fähigkeiten nicht stagnieren, finden ihre Eltern – und vor allem sollte die junge Frau die Chance auf ein möglichst selbstbestimmtes Leben bekommen. Die ideale Wohnmöglichkeit fand Roswitha Knebelreiter für ihre Tochter in der Illmitzer WG des Behinderten-Förderungsvereins Neusiedl am See. Von Beginn an engagierte sich die Immobilienmaklerin in ihrer Freizeit im Verein ehrenamtlich. Als der Obmann erkrankt, wird sie seine Nachfolgerin – im kommenden Jahr zelebriert sie nunmehr ihr 20-jähriges Jubiläum.

Leider ohne ihre geliebte Julia, sie starb viel zu jung an einer Viruserkrankung. Roswitha Knebelreiter beschloss damals, dem Verein trotzdem weiter die Treue zu halten. „Ich weiß, wie schwierig es ist, als Eltern für sein besonderes Kind einen Platz zu finden, wo es gut betreut und gefördert wird; ich wollte gerne weiter meinen Teil dazu beitragen.“

Behinderten-Förderungsverein: Obfrau bei einer Veranstaltung mit pink gefärbten Händen.
Mittendrinnen. Eine der schönsten Seiten: Veranstaltungen mit und für die Klient*innen. © privat

An Aufgaben wachsen

Der Verein betreut aktuell rund 60 Klient*innen im Alter zwischen 18 und über 70 Jahren. In Illmitz und Andau betreibt der Verein WGs, in Zurndorf und Neusiedl am See Tageswerkstätten. Das Herzstück der Häuser ist die vielfältige Förderung der Klient*innen: Es wird gemalt, gebastelt, getanzt, gesungen und vieles andere mehr; hinzu kommen Ausflüge und Veranstaltungen. „Wir haben ein sehr gutes Team an Betreuerinnen. Wenn die jungen Klient*innen kommen, ist es unser wichtigstes Ziel, ihre Selbstständigkeit weiter auszubauen – und bei den Älteren, ihre Selbstständigkeit zu erhalten.“

Manchmal würden Eltern bis heute zögern, ihr Kind in Einrichtungen wie die des Förderungsvereins anzumelden. „Ich kann das jedem aus tiefstem Herzen empfehlen. Ich habe erlebt, wie viele Erfolgserlebnisse und welche großen Entwicklungsschritte unsere Julia in der WG gemacht hat. Plötzlich hatte sie Aufgaben, die nur sie erledigen konnte. Der Mensch wächst an seinen Aufgaben.“

So war es bei Roswitha Knebelreiter auch selbst. Ihre Obfrau-Tätigkeit, die sie mit so viel Herzblut erfüllt, ließ sie immer wieder neue Kapitel aufschlagen. Besonders stolz ist sie auf den Zusammenhalt in den Gemeinden. „Die Menschen kennen unsere Klient*innen beim Namen, sie haben ihre Scheu verloren – und organisieren für und mit uns Veranstaltungen.“

Der unermüdliche Einsatz der gebürtigen Steirerin wurde kürzlich von der Stadtgemeinde gewürdigt: Sie wurde zur Ehrenbürgerin von Neusiedl am See ernannt – als erste Frau, die diese Auszeichnung erhielt. Das könnte sich als krönender Abschluss ihrer Obfrauen-Laufbahn erweisen, überlegt die 71-Jährige halblaut.

bfv-neusiedl.at

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