Letzte Hilfe: Hand im Gegenlicht greift nach oben ins warme Licht

Was willst du, dass ich tue?

Nichts ist so unerträglich wie die Ohnmacht, wenn geliebte Menschen gehen. Was wir alle tun können – und manchmal sind es kleine Dinge, die Großes bewirken –, kann man lernen: beim Letzte-Hilfe-Kurs.

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Der letzte Abschied warf uns aus der Bahn. Zu nah, zu schnell, zu schmerzhaft, zu viel Überforderung. Die „zu“-Liste ließe sich ewig fortsetzen. Ich schmökere im Kursangebot der Burgenländischen Volkshochschulen und bleibe an folgender Zeile hängen: „Letzte-Hilfe-Kurs. Am Ende wissen, wie es geht.“ Wie die meisten verdränge auch ich gerne, dass die Menschen, die wir lieben, sterben. Aber wäre es nicht toll, sich ein bisschen vorbereiten zu können? Ich fasse mir ein Herz und melde mich an. Überwindung kostet das schon, sich an einem Frühlingssamstag aus freien Stücken mit dem Tod befassen zu wollen. „Letzte Hilfe Österreich“ (Info siehe unten) bietet bundesweit Kurse an, die VHS Burgenland haben sie immer wieder im Programm.

Letzte Hilfe: Zwei Frauen stehen umarmt vor Bücherregal und lächeln in die Kamera
© Viktória Kery-Erdélyi

Die Vortragenden Daniela Horwath und Sandra Hornek laden uns zu einer Vorstellungsrunde ein; wir vereinbaren, dass wir uns in einem Vertrauenskreis befinden. Ich oute mich, dass ich Journalistin bin, aber verspreche, nur Teilnehmerinnen zu zitieren, die danach mit einem Interview einverstanden sind. Dann erzähle ich, warum ich da bin. Wie schlimm der letzte Todesfall war, wie hilflos ich mich im Handeln und in Gesprächen gefühlt habe – und auch meine Augen füllen sich mit Tränen.

Manche kamen, weil sie mit einer schweren Diagnose im engen Kreis konfrontiert sind, manche, weil sie kürzlich jemanden verloren haben oder weil sie beruflich mit Abschieden zu tun haben. Der Letzte-Hilfe-Kurs richtet sich an alle; ich wünschte, ich hätte ihn schon früher gemacht. Ein Grundsatz: die Selbstbestimmung der Sterbenden. „Die innere Haltung dazu heißt: Was willst du, dass ich für dich tue?“, erklärt die Referentin Daniela Horwath. Und wenn die Person nicht mehr reden kann? „Jeder Mensch ist ansprechbar beziehungsweise kontaktierbar. Die Frage ist das Wie“, führt Sandra Hornek aus. Die Reaktionen auf ein Angebot oder eine Frage können winzig sein: ein Blinzeln, eine Bewegung der Mundwinkel; diese Momente benötigen Aufmerksamkeit. Umso wichtiger sei es, selbst in schweren Zeiten nicht auf die eigenen Bedürfnisse zu vergessen; gut begleiten könne nur jemand, der auch auf seine eigenen Ressourcen achtet.

Je nach Kooperationsmöglichkeiten wird der Workshop gegen eine kleine Aufwandsentschädigung angeboten; die Referentinnen halten ihn bei der VHS in Eisenstadt ehrenamtlich. „Es soll nicht an Geld scheitern, jeder Mensch soll dazu einen Zugang haben“, betont Daniela Horwath. Die Bad Sauerbrunnerin war 20 Jahre lang klinische Seelsorgerin, ist Referentin für die Ausbildung von Hospizbegleiter*innen und hält auch Trauerfeiern. Sandra Hornek ist in Steinbrunn zu Hause; sie ist Diplomkrankenpflegerin, arbeitete zwölf Jahre lang in einem mobilen Palliativteam und danach im wissenschaftlichen Bereich zum Thema Hospiz und Palliative Care. In der Mitte des Raumes haben die beiden eine Decke aufgebreitet und eine Vielzahl an Büchern für alle Altersklassen hingelegt. Dazwischen liegen Zeichnungen, Zitate auf Kärtchen – und Brausepulver.

Brausepulver?

Wenn Menschen am Ende ihres Lebens nicht mehr trinken möchten, „ist die Mundpflege wichtig, weil ein trockener Mund sehr unangenehm sein kann“, erklärt Sandra Hornek. Mit dem Brausepulver ließe sich der Belag auf der Zunge leicht entfernen; mit den Stäbchen mit dem Schwammkopf kann man die Mundhöhle befeuchten. „Die kann man auch in Bier oder Wein tauchen, wenn sich das jemand wünscht“, sagt Daniela Horwath; Lachen und Tränen liegen nah beieinander an diesem unvergesslichen Vormittag.

Hände halten sich, im Hintergrund unscharf eine Person im Bett
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Brausepulver und der letzte Schluck Bier sind nur zwei von vielen liebevollen Gesten, die man Sterbenden angedeihen lassen kann. „Es braucht die Bewusstseinsbildung, weil viele glauben, man müsste eine Fachkraft sein, um begleiten zu können. Klar zu machen, dass das jede:r kann, ist mir ein großes Anliegen“, betont Sandra Hornek. „Der Mensch hat Fähigkeiten, für andere da zu sein, man muss sie nur ein bisschen aufwecken.“ Umgekehrt kann man sich aber helfen lassen. Wir lernen über unterstützende Einrichtungen, juristische Vorkehrungen, medizinische und pflegerische Möglichkeiten daheim und erfahren praktische, leicht anwendbare Tipps.

Die Referentinnen beleuchten abwechselnd die Perspektive der Angehörigen und die der Sterbenden und erzählen bewegende Anekdoten und auch welche zum Schmunzeln. Dazu zählt etwa ein Telefonat, an das sich Sandra Hornek aus ihrer Zeit beim mobilen Palliativteam erinnert: Eine durchaus älter klingende Tochter rief an, um sich nach den empfohlenen Schritten zu erkundigen, weil ihre Mutter bald sterben würde. Dabei hatte sie betont, behutsam vorgehen zu wollen: „Ich kann ihr doch nicht alle Hoffnung nehmen“, habe sie gesagt. „Dann habe ich sie gefragt: Wie alt ist denn ihre Mutter? – Sie war 97 Jahre alt.“ Die Einsicht, dass das Leben ein endlicher Prozess ist, sei in vielen Situationen hilfreich.

Wir alle tragen Fähigkeiten in uns, für andere da zu sein. Man muss sie nur aufwecken.

Die Vortragenden beschreiben auch den Sterbeprozess, wie sich der Mensch vom Leben zurückzieht. Das Thema Essen und Trinken nehme dabei eine größere Rolle ein, als man vermuten würde. Das liege nicht zuletzt daran, dass das Essen viele soziale Aspekte beinhaltet. In der letzten Phase gelte aber: Man stirbt nicht, weil man aufhört zu essen und zu trinken, man hört auf zu essen und zu trinken, weil man stirbt. Gut zu wissen: Durch die „innere Austrocknung“ werden endo­gene Opiate ausgeschüttet, die wie ein natürliches Schmerzmittel wirken. Kursteilnehmerin Anna verlor sehr jung ihre Eltern, heute ist sie selbst Mutter und dachte, aufgrund der frühen Schicksalsschläge gewappnet zu sein.

„Die schlimme Diagnose einer Freundin hat mich trotzdem sehr hart und unvorbereitet getroffen“, erzählt sie. „Der Kurs hat mir total geholfen, ihr nicht mehr so unsicher zu begegnen. Ständig hat man Angst, das Falsche zu tun. Für mich war es wichtig zu lernen, dass die betroffene Person über ihr Leben zu entscheiden hat, dass wir Grenzen zu akzeptieren haben.“ Den Letzte-Hilfe-Kurs legt sie allen ans Herz, „das Sterben wird totgeschwiegen, es würde sehr helfen, mit dem Tabu zu brechen“.

Letzte Hilfe: Patientin liegt im Krankenhausbett, Angehöriger und Arzt stehen daneben
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Gerda Hahnekamp, VHS-Kurskoordinatorin in Eisenstadt, nahm bereits im Vorjahr selbst teil und ist beeindruckt. „Ich habe leider schon einige Menschen verloren, aber als danach mein Schwiegervater gestorben ist, habe ich es anders erlebt“, sagt sie. „Es ist alles so eingetreten, wie die Vortragenden das beschrieben haben. Ein Todesfall wirft einen trotzdem aus der Bahn, aber man ist zumindest vorbereitet.“ Mit dem Wissen, das sie sich angeeignet hatte, traute sie sich zu, den Schwiegervater zu Hause auf dem letzten Weg zu begleiten.

„So konnten wir alle dabei sein: meine Schwiegermutter, mein Mann, meine Kinder und ich – und es war ein schöner Abschied, ich möchte es nicht missen.“ „Menschen sind in ihrer letzten Lebensphase unglaublich echt“, beschreibt Kursreferentin Daniela Horwath. „Man erlebt sie als Lehrmeisterinnen des Lebens und kann ihnen auf eine so ungefilterte Art und Weise begegnen. Man erfährt sehr berührende schöne Momente in der Begleitung.“

Letzte Hilfe Österreich

Das Konzept „Letzte-Hilfe-Kurs“ kommt aus Deutschland, in Österreich gründete sich der Trägerverein 2018. Mehr als 11.000 Menschen haben seither an den Kursen teilgenommen. Die Erste und die Letzte Hilfe gehören durchaus zusammen, doch das „kleine 1 x 1 der Stebebegleitung“ fokussiert auf die Linderung von Leid und die Erhaltung von Lebensqualität bis zum letzten Atemzug.

Der Letzte-Hilfe-Kurs besteht aus vier Teilen:

  1. Sterben als Teil des Lebens
  2. Vorsorgen und Entscheiden
  3. Leiden lindern
  4. Abschied nehmen vom Leben

www.letztehilfeoesterreich.at

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