1. Böse: Künstlerisches Frauenporträt vor schwarzem Hintergrund als symbolische Darstellung des Bösen und menschlicher Abgründe.

Wo das Böse lauert

Wie viel böses Potenzial schlummert in uns allen – und wie kann es zum Ausbruch kommen? Corinna Perchtold-Stefan beleuchtet kleine Gemeinheiten und schwere Verbrechen.

9 Min.

© Unsplash/Wei Ding

Eigentlich ist S. ein mieser Kerl. Bei jedem Meeting fällt er mir ins Wort, meine Ideen verkauft er als seine – und die Hälfte seiner Scherze gehen unter die Gürtellinie. Heute hat S. frei und auf seinem penibel zusammengeräumten Schreibtisch thront eine Packung Pralinen mit einer Masche dran. Eine Kundin hat sie ihm vorbeigebracht – als Dankeschön für ein Projekt, das ich finalisiert habe. Ich greife nach der Packung. Womit fange ich an? Karamell oder Mandelkrokant? Sekundenbruchteile später landet die erste süße Kugel in meinem Mund. Stehlen? Ich? – Niemals. Könnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Das mit den Pralinen ist doch etwas ganz anderes. Oder?

„Wir nennen das moralische Entkoppelung. Wir Menschen sind gut in der Lage, unsere Moral von unseren Taten zu trennen“, erklärt Corinna Perchtold-Stefan, die zur obigen Gedankenreise inspirierte. Die Biologische Psychologin lehrt und forscht an der Universität Graz. Am 7. Oktober veröffentlicht sie ein Buch, das so spannend ist wie ein Krimi: „Das kreative Böse. Die dunkle Seite menschlicher Erfindungskraft“ (Brandstätter Verlag). Gerne hätte ich diesen Artikel mit jenem Augenzwinkern fortgeführt, der das Buch auch unterhaltsam macht.

Böse: Buchcover „Das kreative Böse“ von Corinna Perchtold-Stefan über die dunkle Seite menschlicher Erfindungskraft.
Fesselnd. Corinna Perchtold-Stefan: „Das kreative Böse. Die dunkle Seite menschlicher Erfindungskraft“, Brandstätter Verlag, ab 7. Oktober © Deborah Schultheiß

Doch das Interview fand an jenem Morgen statt, als die ersten Details zum Fall von Marchtrenk bekannt wurden – und ich fand, man kann diese Tat nicht nicht besprechen, wenn einem eine Expertin gegenübersitzt. Zunächst also eine Einordnung. Eine Frau stirbt an schweren blutenden Verletzungen im Unterleibs- und Bauchbereich. Gegen ihren Mann werden Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs einer wehr­losen Person eingeleitet. Das ist nicht der erste Fall in Österreich, der an das Martyrium von Gisèle Pelicot erinnert.

BURGENLÄNDERIN: Wie kann ein Mensch zu so etwas fähig sein?

Corinna Perchtold-Stefan: Natürlich müsste ich mit dem Täter sprechen, aber was ich aus der Ferne sagen kann: Der Austausch mit Gleichgesinnten in Online-Foren ist ein großes Thema bei Missbrauchsfällen dieser Art. Hier können sich Menschen gegenseitig in ihrer Mentalität bestärken, es kann zur Enthemmung beitragen, wenn ein bestimmtes Frauenbild bzw. Überzeugungen vorherrschen wie: Das ist deine Frau, dein Recht. Hier handelt es sich vermutlich um Paraphilie, um eine sexuelle Devianz, die in einen klinischen Bereich geht. Paraphilien sind beispielsweise auch Sadismus und Masochismus; das ist recht häufig in der Bevölkerung, aber in einem normalen Bereich, solange es einvernehmlich ist.

Wenn nun aber eine Frau betäubt und „ausgeschaltet“ wird, kann das ein Mittel zum Zweck sein: Es geht ­wahrscheinlich um Macht, darum, einen Menschen willenlos zu machen, vollkommen über die eigene Frau zu herrschen.

Warum uns dieser Fall besonders schockiert: Es ist Gewalt in einer intimen Partnerschaft. Das Böse lauert nicht irgendwo draußen, sondern in den eigenen vier Wänden oder im Bekanntenkreis. Das ist noch verstörender. Oft maßen wir uns an zu sagen: „Mir wäre das nie passiert.“ Das ist ein Selbstschutzmechanismus, den wir brauchen. Mich interessiert das Böse auch in Extrem­form, aber noch mehr in dieser alltäglichen Form: Inwiefern können wir schlimme Dinge tun – und wo können uns schlimme Dinge angetan werden?

Welchen Beitrag leisten Medien?

Wir müssen über solche Fälle sprechen und sie aufarbeiten – ohne dass das Leid der Frau instrumentalisiert wird. Man könnte sich beispielsweise den letzten reißerischen Satz sparen, der die Leser*innen aufgewühlt zurücklässt. Es stört mich als Psychologin, wie oft über „Psychopathen“ die Rede ist; klinisch gesehen gibt es sie nicht so häufig.

Böse: Porträt einer selbstbewussten Frau – Autorin Corinna Perchtold-Stefan beschäftigt sich mit der dunklen Seite menschlicher Kreativität.
Corinna Perchtold-Stefan, Biologische Psychologin © Gianmaria Gava

Damit suggeriert man, es handle sich um einen extremen Menschen, mit dem wir nichts zu tun hätten. Ich halte es für sinnvoll, die Meinung von Expert*innen einzuholen, das gilt jedenfalls auch für True-­Crime-Formate. Da gibt es mittlerweile einige, die gute professionelle empathische Berichterstattung über Verbrechen machen.

Warum interessiert uns das Böse?

Unser Gehirn ist – plakativ ausgedrückt – darauf ausgelegt, uns am Leben zu erhalten. Es ist also logisch, dass wir uns mit Gefahren auseinandersetzen: Warum tun Menschen anderen Gewalt an? Welche Vermeidungsstrategien kann ich dabei lernen? – Geschichten über schlimme Dinge erzählen wir uns wahrscheinlich seit dem ersten Lagerfeuer. Dabei bekommen wir wichtige Informationen über Gefahren in einem sicheren Kontext. Es ist somit quasi ein biologisches Programm, das uns zu Negativem hintreibt; sie haben mehr Anziehungskraft, weil sie für unser Überleben entscheidend sind. Sie suggerieren: Pass auf, irgendwas stimmt nicht, richte dein Verhalten neu aus. Die Natur sagt: Spiel das durch, nimm sinnvolle Dinge mit, lös dich dann davon. Das biologische Modell, mit der Gefahr zu spielen, zieht sich auch durch mein Buch. Unser Gehirn funktioniert so, dass wir alles vorhersagen wollen; viele Gefahren zu kennen, hilft uns dabei. Manche haben das Bedürfnis stärker, manche weniger.

Du sprichst von malevolenter ­Kreativität. Was ist das?

Die meisten gehen davon aus, dass Kreativität grundsätzlich etwas ­Gutes ist. Tatsächlich hängt das davon ab, wer sie zu welchem Zweck einsetzt. Wir Menschen haben durchaus kreative Ideen, um andere auszunutzen, zu belügen, zu manipulieren. Was mich dabei inter­essiert, ist nicht die zufällige negative Auswirkung, sondern wenn kreative Ideen mit Absicht eingesetzt werden, um anderen zu schaden.

Das tragen wir alle in uns, nur das Ausmaß ist quasi unterschiedlich?

Man muss vorsichtig sein: Der Mensch ist ein veränderliches Wesen, auch in Abhängigkeit von seiner Umwelt. Wir alle könnten unsere Kreativität unter bestimmten Umständen theoretisch auch für schlechte Zwecke einsetzen. Böse Gedanken sind per se nichts Schlimmes, das Spannende ist: Was muss an Persönlichkeit, Emotionen, Motivationen, Umwelteinflüssen dazukommen, dass man Dinge in die Tat umsetzt?

Ich lade im Buch zur Selbstreflexion ein, auch mit Gedankenspielen und Rätseln, um sich selber zu testen – und vielleicht sogar zu überraschen. Einfach zu sagen: „Ich könnte das nie“, kann sogar gefährlich sein. Je besser man sich kennt, die eigene Bandbreite versteht, umso besser kann man sich kontrollieren.

„Ich könnte das nie“ – das zu sagen kann gefährlicher sein, als ehrlich über sich zu reflektieren.

Als Kind lernen wir, was gut und böse ist. In der Erwachsenenwelt ist das nicht so easy …

Ich wurde einmal gefragt: Stecken bei Putins und Selenskyjs Kriegsführung in beiden Fällen malevolente Kreativität dahinter? – Wissenschaftlich gesehen: ja. Beide handeln im Wissen, dass andere geschädigt werden. Was ist mit einem gefeierten Künstler, von dem sich irgendwann herausstellt, dass er Verbrechen begangen hat? Oder mit einem Familienmitglied, dem eigenen Vater oder der Schwester, die so schlimme Dinge tun, dass wenn sie Fremde wären, man nichts mit ihnen zu tun haben wollte? Auch das ist eine wichtige Frage: Wie stelle ich meinen moralischen Kompass ein – und wie beweglich ist er?

Gibt es einen Nährboden für Böses?

Die Persönlichkeit ist nur ein Baustein. Was passiert, wenn negative Emotionen dazukommen? Das ist ein wichtiger Faktor beim Thema Impulsivität, wenn wir spontan böse Dinge tun. Das ist oft in den Sozialen Medien der Fall, wo die Menschen leichter dazu neigen zu beleidigen, zu sabotieren …

Wieso entgleisen online einige so?

Wir sind biologisch dafür ausgerichtet, von Angesicht zu Angesicht mitei­nander zu sprechen. Ich kann in deinem Gesicht und deiner Körperhaltung lesen und Hinweisreize für mich ziehen, das hilft mir laufend, mein Verhalten anzupassen. Ich hätte das unmittelbare Feedback, wenn ich dich kränke.

Wir Menschen nehmen andere als ganze Wesen wahr. Wenn alles auf einmal wegfällt, nur noch ein Profilfoto und noch dazu womöglich ein Feindbild zu sehen ist, funktioniert dieses System nicht. Dann ist es leichter, antisozial oder aggressiv zu sein. Mögliche Konsequenzen kann unser Gehirn nicht automatisch fassen; nicht einmal, dass am anderen Ende ein Mensch ist. Das ist keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung. Die kontroverse These dazu ist: Hat die Technik womöglich unsere biologischen Kapazitäten überholt?

Böse: Zwei Personen in Schwarz und Weiß als symbolische Darstellung von Gegensätzen und der dunklen Seite des Menschen.
Schwarz oder Weiss. Es gibt nie nur zwei Kategorien. Manchmal sind es die eigenen geliebten Eltern, die entgleisen. © Pexels/Can Ceylan

Schwappt das Schlechte von der ­digitalen auch in die analoge Welt?

Ich will nicht ein zu schlimmes Bild von der Gesellschaft zeichnen. Ja, Kreativität und auch Social Media haben Schattenseiten. Aber es haben sich durch die globale Vernetzung auch viele gute Dinge ergeben, wie dass ich zu Gleichgesinnten Kontakt aufnehmen kann, die nicht in meinem Dorf leben. Oder dass sich Plattformen aufgetan haben, um sich beispielsweise als Comedian zu verwirklichen. Letztlich geht es um die Frage, wie wir damit umgehen und es unseren Kindern beibringen.

„Das kreative Böse“ in einer Mes­sage zusammengefasst?

Ich wünsche mir, dass wir von der Idee weggehen, nur böse Menschen tun böse Dinge. Auch toxische Systeme, beispielsweise Arbeitsplätze, die sich heute nicht so einfach kündigen lassen, können schlechte Dinge hervorholen. Ich beleuchte „gute“, dumme und humorvolle Verbrechen und möchte ein bisschen Begeisterung für mein Forschungsfeld wecken. Einfache Antworten gibt es nicht. Ich schließe meine Kapitel oft mit einer offenen Frage, jede*r darf sich ihre/seine Meinung bilden – und diskutieren.

True Crime zum Hören

True Crime boomt – und polarisiert. Während Kritiker*innen in den TV-, Radio- und Podcast-Formaten Sensationslust orten, findet die Biologische Psychologin Corinna Perchtold-­Stefan, dass wir aus gut gemachten Beiträgen lernen können. Zwei Podcasts, die die Forscherin gerne hört:

  • DIE ZEIT – Verbrechen: Der Themenreigen reicht von menschlichen Dramen über Kriegsgeschehen und Betrug. Zuletzt wurde dort auch die Großglockner-Tragödie beleuchtet.
  • Alle meine Mörder – Kriminologin und Journalistin Bernadette Krassay lädt Täter*innen und Expert*innen ein, um Verbrechen in Österreich zu besprechen. Ein Beispiel: Aus zwei ganz unterschiedlichen Blickwinkeln passiert eine Annäherung an Jack Unterweger – mit Star-Anwältin Astrid Wagner, die mit ihm liiert war, und Ermittler Ernst Geiger.

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