Selina Heindl bei einem Designershooting in einem weit geschnittenen gemusterten Kleid in einem grünen Garten.

Schauspielerin Selina Heindl: Konkurrenzdenken lehne ich ab

Von "Sommernachtstraum" über "Schnell ermittelt" bis hin zum Modeshooting: Mit 21 führte Selina Heindl ihr eigenes Lokal, heute steht sie als Schauspielerin auf der Bühne und vor der Kamera.

9 Min.

© Mihael Vuzem

Wie viel passt in ein junges Leben? Selina Heindl wollte mal Friseurin werden, doch die Haare der Kund*innen spielten nicht mit. Dafür steht die junge Frau aus Markt St. Martin heute auf der Bühne und vor der Kamera – mal für einen Designer, mal für TV-Produktionen und Kinofilme.

An manchen Tagen baumelten gleich am Morgen ihre bunt gemusterten Pyjamabeine von den Sesseln im Café. Was sie dort erwartete, war besser als jedes Frühstücksfernsehen: Urlauberfamilien auf der Durchreise, die oft mit Kindern kamen, herzliche Stammgäste, die sie seit ihrer Geburt kannten, und Lkw-Fahrer aus vielen Ländern. Um frische Semmeln mit Live-Unterhaltung zu bekommen, musste sie nur in ihre Schlapfen schlüpfen und das Stockwerk wechseln. „Wir wohnten oberhalb von unserem Familienbetrieb. Den hat schon mein Uropa mit einer Autowerkstätte ins Leben gerufen, mein Opa hat eine Tankstelle dazugebaut und mein Papa ein Kaffeehaus“, erzählt Selina Heindl.

Ihre Eltern arbeiteten viel, sie waren aber gleichsam immer in greifbarer Nähe – und auf das Mädchen wartete dort täglich ein Paradies an Möglichkeiten, die sie zu nützen wusste. Mal spielte sie im Tankstellen-Shop, mal unterhielt sie sich mit dem Kaffee nippenden Publikum. Noch lieber tanzte und sang sie in der leer stehenden Autohalle, deren Wände praktischerweise mit großen Spiegeln ausgestattet waren, oder erklomm gleich direkt die Bühne im Veranstaltungssaal. „Den konnte man sich für Geburtstage und andere Feiern mieten. Wir hatten dort eine Rauch- und Lichtermaschine und eine Musikanlage“, schwärmt Selina Heindl. Oft verbrachte sie dort viele Stunden, erinnert sie sich, und gab das Einstudierte für Familie und Stammgäste prompt zum Besten.

Selina wuchs in Markt St. Martin mit einem zehn Jahre älteren und einem vier Jahre jüngeren Bruder auf. Sie war noch in der Volksschule, als sie für das, was sie von klein auf liebte, einen Namen fand: „Wir haben Referate über unsere Traumberufe gehalten – da wurde mir bewusst: Ich will Schauspielerin werden.“

Porträt der Schauspielerin Selina Heindl mit langen blonden Haaren und schwarzem Outfit.
© Julia Dragosits

Bis heute gibt es mehr Männerrollen. Konkurrenz­denken lehne ich aber ab, ich setze auf Zusammenhalt.

Vision ade?

Später nahm sie Ballett- und Klavierunterricht, doch die Möglichkeiten, nahe dem Heimatort mehr für ihre Vision tun zu können, blieben überschaubar und sie begann, in weite Ferne zu rücken. Wehmütig blickt sie trotzdem nicht zurück. „Ich mochte auch Kinder sehr gerne, also wurde ich nach der Schule zuerst Kindergarten-Assistentin.“ Die Sehnsucht, selber kreativ schaffen zu können, motiviert sie später, eine Lehre als Friseurin zu beginnen. „Aber ich musste bald feststellen: Ich kann zwar mit Menschen gut umgehen, aber für die Arbeit mit Haaren bin ich gänzlich untalentiert“, lacht sie.

Jahrzehnte hindurch gab es für die Familie jeweils einen offiziellen Ruhetag im Jahr, den Christtag. Und nur einmal im Jahr konnten sie alle gemeinsam Urlaub in ihrem geliebten Spanien machen, während eine Mitarbeiterin die Geschäfte in der Heimat führte. Die Kinder sollten dennoch möglichst viel von der Welt sehen, das sei ihren Eltern wichtig gewesen, also unternahmen sie abwechselnd mit ihnen das restliche Jahr Ausflüge und kleinere Reisen.

Selina Heindl bei einem Selfie mit zwei Schauspielkollegen während Dreharbeiten.
Stinatz-Krimi-Selfie. Selina Heindl mit Thomas Stipsits und Reinhold G. Moritz © Selina Heindl

Irgendwann begann es im Familienbetrieb zunehmend zu kriseln. An Leidenschaft und Einsatz habe es nie gemangelt, sagt Selina, eine Reihe äußerer Faktoren hätten dazu geführt, dass die Familie schweren Herzens verkaufen musste. Das Lokal übernimmt ein befreundeter Unternehmer, der in die Renovierung und einen Neustart investieren will – und nach einer geeigneten Geschäftsführung sucht.

Selina war damals 22 Jahre jung und nach einem kurzen und enttäuschenden Intermezzo im Friseursalon Feuer und Flamme. Mit einem Meisterbrief für Gastronomie und Hotellerie in der Tasche und einem neuen Konzept für das „Aventura“ (spanisch für Abenteuer), das etwa mit Live-Musik auch viele junge Leute anlocken soll, startet sie durch. Einiges davon geht eine Zeit lang gut auf, doch als noch dazu ihr Papa schwer erkrankt, spüren alle, dass dieses Kapitel geschlossen werden sollte.

Die junge Frau beschließt, den Faden ihrer Liebe zur Arbeit mit Kindern wieder aufzunehmen; sie meldet sich zu einem Studium der Sozialpädagogik an und nimmt selbst die Studienberechtigungsprüfung in Kauf, für die sie sich erneut durch Mathe-Stoff quälen muss. „Papa hat oft stundenlang mit mir gelernt, kapiert habe ich es nie“, schmunzelt sie. Als Glücksbringer nimmt bei der Prüfung ein Marienkäfer Platz bei ihr; sie brilliert und schafft eine glatte Eins. Aber ihrem Papa kann sie von ihrem Erfolg nicht mehr erzählen, er stirbt 2019.

Selina Heindl bei Dreharbeiten in historischem Kostüm auf einem Bett vor der Filmkamera.
Zum Fürchten. Norbert Pfaffenbichlers „Frankenstein Fragment“ kommt demnächst ins Kino. © Milana Maksiutova

Leben mit zehn Kids

Bereits im dritten Studienjahr beginnt Selina Heindl in einer WG für Kinder und Jugendliche zu arbeiten. Mittlerweile lebt sie in Wien – glücklich liiert mit einem DJ und Musikproduzenten, der bis heute, nach mehr als sieben Jahren, weiterhin ihr Lebenspartner ist. „Ich hatte zehn Kinder und Jugendliche zwischen drei und 17 Jahren in meiner Gruppe und mochte die Arbeit sehr.

Aber es war ein Schock, an wie vielen Ecken es in diesem Bereich fehlt“, beschreibt sie. Gleichzeitig erlebt sie die Zeit mit den Kids und den Menschen, die trotz großem Personalmangel für ihren Beruf brennen, als unvergleichbar bereichernd.

Seit ihren Jugendjahren modelt Selina aus Spaß – mal kostenlos, mal für ein kleines Taschengeld. Es ist gerade die nervenaufreibende Pandemie-Zeit, als sie zu einem Shooting an ein Kinoset eingeladen wird: Sie schlüpft in ein Meerjungfrauen-Kostüm, es werden Unterwasseraufnahmen gemacht. „Ich habe das so sehr gemocht! Ich habe mich umgeschaut und all die jungen Schauspieler*innen gesehen – und mich gefragt: Warum habe ich das nie versucht?“

Selina Heindl bei einer Theaterinszenierung gemeinsam mit einem Schauspielkollegen auf der Bühne.
© Valentin Werner

Aber jetzt

Es ist Anfang September, sie informiert sich bei einem Bildungsberater. Die meisten Fristen sind verstrichen, Bewerbungen sind nur noch an zwei Schauspielschulen möglich. Sie bezahlt mit ihrem Ersparten fünf Schauspielstunden – und versucht ihr Glück. „Beim Vorsprechen an Elfriede Otts Akademie habe ich alles verkackt, was man nur verkacken kann. Ich war unglaublich nervös“, erzählt sie.

„Die Kommission hat zu mir gesagt: ,Wir können Sie eigentlich nicht aufnehmen, Sie haben so wenig literarisches Wissen und haben nicht einmal den Namen Jean Anouilh (Dramatiker, Anm.) richtig ausgesprochen. Aber wir können Sie auch nicht nicht nehmen.‘“ An der Schauspielschule Krauss sei sie bereits so ernüchtert gewesen, dass sie sich gar keine Chancen ausrechnete und somit locker ihre Monologe auf die Bühne schmetterte.

Es sei ein schmerzhafter Abschied von ihrer Kinder- und Jugend-WG gewesen, aber nachdem ihr beide Schauspielschulen ihre Pforten öffneten, spürte sie, dass sie da jetzt nach all den Jahren der stillen Träumerei durch eine durchgehen muss.

Viele ihrer Studienkolleg*innen seien schon jung bei Theatern ein- und ausgegangen, einige bereits auf Bühnen gestanden, „ich habe mich mit meinem Wissen komplett hinter ihnen gefühlt. Komischerweise aber nie, wenn es um das Spielen selbst ging“, beschreibt Selina. Sie nützt jede freie Minute, um an (Kurz-)Film- und Theaterprojekten mitwirken zu können. „Zuerst waren es No-Budget-Filme, dann Low-Budget – und schließlich mit Budget“, lacht sie.

In Büchners „Leonce und Lena“ spielt sie das erste Mal offiziell auf einer Bühne, im Theater Baden. „Dass ich vor Menschen stehe, die Eintritt bezahlt haben, war unglaublich. Ich habe dieses Hochgefühl lang in mir getragen.“

Eines Tages bekommt sie eine Casting-Einladung für Thomas Stipsits’ Stinatz-Krimi „Eierkratz-Komplott“. Sie schickt ihre Videobewerbung ab, nach Monaten folgt die freudige Zusage: Sie soll Maja Janisch verkörpern. „Zum Glück wusste ich noch nicht, wie groß diese Rolle ist, noch dazu für eine komplette New­comerin, sonst wäre ich noch nervöser gewesen.“

Seither geht es rund:

Selina Heindl drehte bereits für „Fälle der Gerti B.“ und „Schnell ermittelt“, demnächst wird der künstlerische Horrorstreifen „Frankenstein Fragment“ von Norbert Pfaffenbichler präsentiert. Nach „Ein Sommernachtstraum“ bei den Festspielen Stockerau steht sie aktuell für „SOKO Linz“ und für Johanna Moders Kinofilm „Blinde Kuh“ vor der Kamera, „eine besondere Ehre, weil ihr ,Mother’s Baby‘ mein absoluter Lieblingsfilm ist“, beschreibt die junge Durchstarterin – und wir blicken in diesem Interview das erste Mal auf die Uhr. „Wow, du hast schon viel erlebt“, sage ich aufrichtig erstaunt. “Wie ist es dir gelungen, dich nicht beirren zu lassen und immer neue Wege einzuschlagen?“

„Ich zweifle bis heute sehr oft an mir“, sagt sie. „Es ist hart als Schauspielerin: Es gibt mehr gute Rollen für Männer. Mir wurde oft gesagt, dass es in unserer Branche ein Konkurrenzdenken braucht. Das lehne ich komplett ab. Es wird sowieso für eine Rolle immer ein bestimmter Typ gesucht, ich bin klar für Zusammenhalt; ich habe viele Kolleginnen, für die es genauso selbstverständlich ist, dass wir uns gegenseitig unterstützen.“

Den wichtigsten Rückhalt erfahre sie stets von ihrer Familie und ihrem Partner. „Mein Papa hat nie aufgehört zu träumen und mir immer gesagt, dass man sich für seine Visionen einsetzen muss. Das gibt mir bis heute Kraft.“ Erst kürzlich sei sie zu einer Kostümprobe gefahren und plötzlich überkamen sie quälende Selbstzweifel. „Wird sich das weiter ausgehen? Wann kommt wieder eine Casting-Einladung?“, fragte sie sich. Und plötzlich saß wieder ein kleiner Marienkäfer auf ihrer Schulter.

Shooting

Die eleganten Bilder entstammen einem aktuellen exklusiven Shooting mit Modellen des jungen aufstrebenden Designers Kareem Aladhami.

Team & Crew: Fotos: Michael Vuzem
Creative Director: Iana VS
Stylist: Aaron Braham
Hair & Make-up: Alexandra Promok
Assistent: Magdalena Hitzenberger
Videographer: Alexander Lindström
Location: Schloss Eckartsau

www.selinaheindl.com

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